ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1997Schweizer Heroinmodell: Wissenschaftler sind vom Erfolg überzeugt

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Schweizer Heroinmodell: Wissenschaftler sind vom Erfolg überzeugt

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS In der Schweiz hat sich die staatliche Abgabe von Heroin an Schwerstsüchtigen bewährt. Das jedenfalls ist die Ansicht von Wissenschaftlern, die Mitte Juli die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojekts vorgestellt haben. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Eine Schweizer Initiative "Jugend ohne Drogen" versucht mit einer Volksabstimmung, das Projekt zu stoppen. In Deutschland wird die Vergabe von Heroin unter ärztlicher Aufsicht ebenfalls kontrovers diskutiert.
Zweifel am Erfolg des Schweizer Heroinprojekts hatten die Autoren des Abschlußberichts offenbar nicht. Im Gegenteil: Die staatlich kontrollierte Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige verbessere die Gesundheit der Suchtkranken, stabilisiere die Wohnsituation und ermögliche ihre Eingliederung in den Arbeitsprozeß. Der vom eidgenössischen Bundesrat bewilligte Versuch zur ärztlich kontrollierten Verschreibung von Betäubungsmitteln ist von Anfang 1994 bis Ende 1996 wissenschaftlich evaluiert worden. Im Abschlußbericht des Instituts für Suchtforschung und des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich sind die Erkenntnisse zusammengefaßt, die in 18 Behandlungsstellen mit 1 146 Drogenabhängigen gesammelt wurden.
Zu dem Versuch zugelassen wurden nur Süchtige, die nicht älter als 20 Jahre alt, seit mindestens zwei Jahren heroinabhängig und bereits mehrfach in anderen Therapien gescheitert waren. Außerdem mußten sie bereits gesundheitlich beziehungsweise sozial durch ihre Sucht geschädigt sein. Verbesserung des
Gesundheitszustands
Aus dem Bericht geht hervor, daß sich die Behandlung vor allem positiv auf den Gesundheitszustand der Beteiligten ausgewirkt hat. Viele Abhängige litten an Anämien, Magen-Darm-Störungen und anderen Krankheiten. Rund 40 Prozent der Abhängigen waren psychisch krank. Nach bereits 18 Behandlungsmonaten waren die durch Mangelernährung bedingten Anämien, Depressionen und andere Erkrankungen deutlich zurückgegangen. In den ersten Monaten nach Projektbeginn traten 44 Neuinfektionen (acht HIV; 23 Hepatitis B und 18 Hepatitis C) auf. Diese Patienten hatten sich vor oder kurz nach Projektbeginn infiziert. In den folgenden Behandlungsmonaten ging die Zahl der Neuinfektionen zurück. Es wurden noch elf Personen mit drei HIVInfektionen sowie vier Hepatitis- B- und fünf Hepatitis-C-Infektionen gezählt, heißt es in der Studie.
Die Durchhaltequote wird von den Wissenschaftlern ebenfalls als hoch bewertet. Rund 70 Prozent der Patienten befanden sich nach 18 Monaten noch in der Therapie. Prof. Dr. Ambros Uchtenhagen vom Institut für Suchtforschung wies darauf hin, daß die Durchhaltequote vor allem überdurchschnittlich hoch im Vergleich zu Abstinenzbehandlungen und regulären Methadontherapien gewesen sei. 350 Patienten waren bis Ende letzten Jahres aus dem Projekt ausgetreten, die Hälfte von ihnen entschloß sich zu einer Anschlußbehandlung. 36 Personen starben in der Versuchsperiode. Nach sechsmonatiger Behandlung gaben noch fünf Prozent der Patienten an, mehr oder weniger täglich illegales Heroin zu konsumieren. Dasselbe gilt für den Kokainkonsum. Je ein Drittel gab dagegen einen fast täglichen Konsum von Cannabis und Alkohol an, heißt es in dem Bericht.
Deutlich verbessert hatte sich die soziale Lage der Patienten. Nach sechs Monaten war kein Patient mehr obdachlos. Die Arbeitslosigkeit sank von 44 auf 20 Prozent, feste Anstellungen nahmen von 14 auf 33 Prozent zu. Nur noch zehn Prozent (zu Beginn des Projekts: 70 Prozent) der Abhängigen lebten von illegalem oder halblegalem Einkommen.
Die Verringerung der Beschaffungskriminalität wurde von Prof. Dr. jur. Martin Kilias vom "Institut de police scientifique et de criminologie" in Lausanne als "außergewöhnlich" bezeichnet: "Es ist uns kein anderes Programm bekannt, wo jemals ähnliche Ergebnisse innerhalb so kurzer Zeit und mit einer derart stark belasteten Gruppe erzielt worden wären." Bei den Teilnehmern des Projekts nahmen die Verurteilungen um 68 Prozent ab. Die Anzahl der verhängten Freiheitsstrafen hat ebenfalls um 70 Prozent abgenommen.
Der drogenpolitische Berichterstatter der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hubert Hüppe, lehnt das Projekt rundweg ab. "Die Zielgruppe der sogenannten Schwerstabhängigen konnte nicht erreicht werden, die Motivation zum Ausstieg ist bei den Teilnehmern eher gesunken als gestiegen, viele Abhängige sind aus höherschwelligen Maßnahmen herausgezogen worden, die Verfügbarkeit des Stoffes und somit die Fremdgefährdung außerhalb der Gruppe hat zugenommen", lautet sein vernichtendes Urteil. Hüppe erinnert daran, daß zu Beginn des Projekts der Weg aus der Sucht als oberstes Ziel genannt worden sei. Davon sei jedoch jetzt kaum noch die Rede. Lediglich 83 von 1 146 Teilnehmern hätten eine Abstinenzbehandlung angetreten. Geradezu grotesk erscheine die Erfolgsmeldung, daß diejenigen, die legal Heroin erhalten, jetzt weniger illegales Heroin konsumieren.
"Jugend ohne Drogen"
Hüppe befürchtet außerdem, daß Süchtige aus höherschwelligen Projekten herausgelockt werden können, wenn sie statt dessen den Originalstoff bekommen. Schließlich seien rund 60 Prozent der Versuchspersonen unmittelbar aus einem Methadonprogramm in die Heroinvergabe übergetreten. Noch ernüchternder werde die Bilanz dadurch, daß ein großer Teil derjenigen, die aus dem Programm ausgetreten sind, wieder in die offene Drogenszene zurückgekehrt seien. Die Beschaffungskriminalität habe zwar abgenommen, doch der Preis für illegale Drogen sei rapide gesunken, "nachdem neben den Dealern auch der Staat Drogen abgegeben hat".
Von den Sozialdemokraten wurde das Projekt dagegen begrüßt. Die drogenpolitische Sprecherin der SPDBundestagsfraktion, Gudrun Schaich-Walch, forderte ähnliche Programme auch für deutsche Großstädte. Die drogenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, hatte sich ebenfalls vor kurzem auf einer von den Freien Demokraten veranstalteten Tagung dafür ausgesprochen, unter bestimmten Bedingungen Heroin an Schwerstabhängige abzugeben. Eine kontrollierte Abgabe von Heroin unter ärztlicher Aufsicht sei jedoch nur sinnvoll bei "langjährig Drogenabhängigen, die mehrfach in der Abstinenztherapie und der Methadonsubstitution gescheitert sind", betonte der Vorsitzende des Ausschusses "Sucht und Drogen" der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Ingo Flenker, auf der FDP-Tagung (vgl. DÄ, Heft 27/1997). Oberstes Ziel müsse die Drogenfreiheit sein.
Dieser Ansicht ist auch das Schweizer Bundesamt für Gesundheit. Es weist darauf hin, daß die heroinunterstützte Behandlung kein Ersatz sei für Therapien, die direkt auf Abstinenz ausgerichtet seien oder bei denen beispielsweise orales Methadon oder andere Medikamente eingesetzt würden. Wie es in der Schweiz mit der Heroinabgabe weitergeht, hängt vor allem von einer Volksabstimmung am 28. September ab. Wenn die Initiative "Jugend ohne Drogen", die eine Drogenprohibition fordert, eine Mehrheit findet, bedeutet dies das Aus für das Heroinprojekt. Falls die Initiative abgelehnt wird, wird das Bundesamt für Gesundheit wohl beim Bundesrat beantragen, die Heroinverschreibung als Ergänzung zu anderen Behandlungsformen weiterzuführen. Gisela Klinkhammer
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