ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/1997Panikstörungen: Remissionen, aber keine Heilung

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Panikstörungen: Remissionen, aber keine Heilung

Dtsch Arztebl 1997; 94(31-32): A-2081 / B-1763 / C-1659

Noll, Monika

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LNSLNS Die Behandlung von Panikstörungen entspricht in Deutschland nicht den allgemein anerkannten Standards." Deutsche Ärzte, so Dr. Dr. Reinhard J. Boerner bei einem Pressegespräch der Firma Pharmacia & Upjohn, ziehen immer noch die Psychotherapie einer Pharmakotherapie vor, weil sie eine Abhängigkeit der Patienten befürchten. Zahlreiche Studien weisen aber nach, daß eine Verhaltenstherapie allein nicht zur Remission der Panikstörung führt.
Von einer Panikstörung spricht man, wenn sogenannte Panikattacken mehrmals in einem Monat auftreten. Den Betroffenen befällt dabei ein plötzliches intensives Gefühl von Unbehagen, Furcht oder Angst. Körperliche Symptome wie Herzrasen und Atemnot begleiten das Angstgefühl. Innerhalb weniger Minuten oder Sekunden erreichen sie den Höhepunkt und gehen innerhalb einer halben bis einer Stunde wieder zurück. Die Betroffenen glauben oft, einen Herzinfarkt zu erleiden oder zu sterben.
Es gibt zahlreiche Situationen, in denen derartige Attacken auftreten: zum Beispiel beim Besteigen eines Flugzeugs, in einer großen Menschenmenge oder beim Überqueren einer hohen Brücke. Die Angst des Patienten vor einem erneuten Anfall kann dann dazu führen, daß der Betroffene jede Situation vermeidet, die derjenigen ähnelt, in der er beim letzten Mal den Anfall bekommen hat. Dieses Vermeidungsverhalten wiederum beeinträchtigt den Patienten stark in seiner Lebensführung.
Auslöser von Panikstörungen können extreme seelische Belastungen oder Streß-Situationen sein. Eventuell spielen genetische Faktoren eine Rolle. Die genaue Ursache ist noch nicht bekannt. Man vermutet, daß eine Fehlfunktion des Noradrenalin-Systems im Gehirn an der Entwicklung von Panikstörungen beteiligt ist.
Schon seit vielen Jahren wird das Benzodiazepin Alprazolam zur Behandlung akuter und chronischer Angstzustände eingesetzt. Speziell für die Indikation der Panikstörung erhielt Xanax® im vergangenen Jahr die Facharztzulassung. Die Behandlung mit Benzodiazepinen hat den Vorteil, daß die Wirkung sofort eintritt. Sie zeigen von allen Medikamenten die stärkste Angstlösung. Der Nachteil: Nach einer Langzeitbehandlung mit Benzodiazepinen besteht Suchtgefahr. In manchen Fällen treten die gleichen Angstphänomene wie vor der Behandlung wieder auf. Dies wird in manchen Fällen fälschlicherweise als Entzugserscheinung gedeutet. Ursache ist aber häufig das zu frühe Absetzen der Medikamente. Wirkliche Entzugserscheinun-gen wie Muskelzittern, Lichtscheu, Delir und Grand-mal-Anfälle sind selten. Um solche Phänomene zu vermeiden, ist es wichtig, das Medikament stufenweise abzusetzen.
"Das ideale Angstmedikament gibt es nicht", so Dr. Borwin Bandelow (Göttingen). Es gibt aber Wirksamkeitsnachweise für Benzodiazepine, trizyklische Antidepressiva und selektive Se- rotoninwiederaufnahmehem-mer. Aber auch für Plazebo wurden angstlösende Wirkungen nachgewiesen. Zwar kann eine Pharmakotherapie die Ursachen einer Angsterkrankung nicht bekämpfen. Sie bewältigt aber zunächst die psychopathischen Verhaltensweisen und ermöglicht so eine Verhaltenstherapie.
Statt angstlösender Wirkstoffe werden häufig Neuroleptika, Beta-Blocker und vor allem Phytotherapeutika verschrieben, obwohl für sie keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise vorliegen. Auch falsche psychotherapeutische Verfahren werden angewendet: zum Beispiel autogenes Training und Psychoanalyse, so Bandelow. Ein adäquates psychotherapeutisches Verfahren zur Behandlung von Panikstörungen ist seiner Meinung nach die Verhaltenstherapie. Besonders gu-te Wirkungen wurden mit Kombinationsbehandlungen erzielt, vor allem bei Patienten mit hohem Schweregrad, Komorbidität, chronischem Verlauf und TherapieNonresponse.
Verschiedene Klassifikationssysteme wie das DSM-IV und die WHO-Klassifikation ICD-10 erleichtern dem Arzt die Diagnose. Er muß feststellen, ob die Panikattacken seines Patienten körperliche Ursachen wie einen Schläfenlappentumor, Hyperthyreose oder Koffeinintoxikation haben. Damit wäre die Diagnose der Panikstörung ausgeschlossen. Zur Differentialdiagnose ist es nötig, Häufigkeit und Schweregrad der Panikattacken zu ermitteln. Schließlich muß geklärt werden, ob die Panikattacken isoliert oder im Zusammenhang mit anderen psychiatrischen Störungen auftreten.
Die Bedeutung einer adäquaten Therapie erklärten die Wissenschaftler nicht nur mit dem extremen Leidensdruck, dem die Patienten ausgesetzt sind. Eine nicht ausreichend behandelte Angststörung könne auch Depressionen, Suizid oder Alkoholmißbrauch zur Folge haben. Die hundertprozentige Remission einer Panikstörung werde zwar niemals erreicht, dennoch könne eine Therapie helfen, die Situation des Betroffenen erheblich zu verbessern. Monika Noll
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