SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Fernsehen

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): [64]

Böhmeke, Thomas

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Der Mittwochnachmittag ist frei, und bevor ich mich den Fachzeitschriften widme, deren Artikel sich alle noch in mein Gehirn drängeln wollen, schalte ich zwecks Zerstreuung das Fernsehgerät ein. Es gibt sie ja noch, die Welt außerhalb von EBM und Zuzahlungen, Arbeitsunfähigkeiten und Rabattverträgen. Auf der Suche nach mental Verwertbarem zappe ich mich durch das Nachmittagsprogramm. Das private Fernsehen erlaubt mir einen Blick in eine Versammlung, die einem Gerichtsverfahren ähnelt und von einer wortgewaltigen Moderatorin dirigiert wird. Die Spannung erreicht den Siedepunkt, als eine junge Frau im Saal kollabiert. Großer Tumult, ein Rettungsassistent und ein Kollege eilen herbei. Letzterer ruft aufgeregt: „Wir legen sie auf die Bahre“, und meint damit die Krankentransportliege. Das irritiert mich. Die junge Dame ist offensichtlich noch am Leben, warum bezeichnet er dann das Patientenbeförderungsgerät als Transportmittel für Verstorbene?

Ich zappe weiter. Die televisionäre Dramatik findet ihre Fortsetzung im öffentlich-rechtlichen Programm; ein Auto kollidiert mit Schaumstoffquadern, nach endgültiger Havarie fällt eine Dame verletzt aus der Fahrertür. Der hinzugeeilte und sehr aufgeregte Polizeibeamte ruft: „Sanitär, Sanitär!“ Auch hier habe ich Schwierigkeiten, dem inhaltlichen Faden zu folgen. Warum verlangt der Staatsbeamte in Angesicht der blutenden Kopfplatzwunde nach Betrieben, die sich mit der technischen Installation von Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung beschäftigen? Ich finde auch hier keine überzeugende Antwort, denn statt des Außendienstmitarbeiters eines Rohrreinigungsgeschäfts kommt der Notarzt.

Ich schalte den Fernseher aus und wende mich lieber meinen Fachzeitschriften zu, in der Hoffnung, weniger Verwirrendem ausgesetzt zu sein. Und lese, dass unser neuer Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Schluss machen will mit der Kontrollitis und eine neue Kultur des Vertrauens schaffen möchte. Wir Ärzte sollen nicht mehr Verursacher einer Unter-, Über- und Fehlversorgung sein. Das sind Inhalte, die ich nicht nur verstehe, sondern auch richtig gut finde. Bleibt zu hoffen, dass diese löblichen Vorhaben nicht auf der Bahre oder im Abwasser landen.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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