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PJ-Pflichtfach Allgemeinmedizin: Signal gegen den Hausärztemangel

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-625 / B-545 / C-537

Hibbeler, Birgit

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Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Deutschland fehlen Hausärzte. Das hat sich mittlerweile nicht nur unter Allgemeinmedizinern herumgesprochen, die keinen Nachfolger für ihre Praxis finden. Auch Politiker machen sich Sorgen – vor allem die mit Wählern in ländlichen Regionen. Das Bundesland Niedersachsen will nun Nägel mit Köpfen machen und möglichst viele Medizinstudierende für die Arbeit des Hausarztes begeistern. Die Allgemeinmedizin soll zum Pflichtfach im praktischen Jahr (PJ) werden. Das niedersächsische Sozialministerium bereitet eine entsprechende Bundesratsinitiative vor. Konkret soll das PJ nicht mehr in Tertiale aufgeteilt sein, sondern in Quartale. Neben der Inneren Medizin, der Chirurgie und einem Wahlfach käme die Allgemeinmedizin für alle angehenden Ärzte hinzu.

Bei den Studierenden stößt das Vorhaben auf wenig Gegenliebe. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland lehnt ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin ab, ebenso die Studenten im Hartmannbund. Sie wollen nicht, dass ihre Wahlmöglichkeiten im ohnehin verschulten Studium weiter eingeschränkt werden. Der Hausärztemangel werde nicht durch weitere Zwangs-PJ-Wochen behoben, meinen sie.

Natürlich löst ein Pflichtquartal nicht alle Probleme, aber es wäre zumindest ein wichtiges Signal. Gemessen an der wachsenden Bedeutung haben Studierende immer noch wenig Berührungspunkte mit der Allgemeinmedizin. An den Universitäten ist das Fach unterrepräsentiert. Das könnte sich durch ein Pflicht-PJ ändern. Immerhin müssten die Fakultäten stärker als bisher mit Praxen kooperieren, und sie brauchten qualifizierte Prüfer für das Staatsexamen. Das wäre nicht zuletzt ein Anreiz, Lehrstühle für Allgemeinmedizin einzurichten und somit das Fach im akademischen Rahmen aufzuwerten. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung wird immer deutlicher: Die Medizin von morgen braucht nicht eine Vielzahl von immer neuen Hyperspezialisten, sondern vor allem die Generalisten, die ein breites – eben ein allgemeinmedizinisches – Wissen haben. Auch für eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Medizin wäre es förderlich, wenn jeder Berufseinsteiger auf eine dreimonatige Erfahrung in einer Hausarztpraxis zurückblicken könnte.

Das Pflichtquartal ist aber nur ein Baustein im Kampf gegen den Hausärztemangel. Es ist nicht damit getan, Studierende am Nasenring durch die Arztpraxen zu führen, und zu hoffen, dass es ihnen dort gefällt. Vor allem müssen sich die Rahmenbedingungen für Allgemeinmediziner verbessern. Das gilt im Übrigen schon für die Weiterbildung. Der Weg zum Facharzt ist für angehende Hausärzte noch immer vergleichsweise unstrukturiert. Zwar gibt es mancherorts vielversprechende Ansätze – etwa durch Weiterbildungsverbünde mit gesicherten Rotationsstellen, doch diese Modelle müssen nun auch flächendeckend umgesetzt werden.

Für die Motivation des Nachwuchses ist es außerdem entscheidend, welches Bild die Hausärzte von sich selbst vermitteln. Bei aller berechtigten Kritik an den Rahmenbedingungen: Das Berufsfeld Allgemeinmedizin ist von einigen seiner Vertreter in den letzten Jahren zum Teil schlechtgeredet worden – wohl auch um eigene Interessen durchzusetzen. Ein richtiger Schritt ist deshalb die Imagekampagne des Deutschen Hausärzteverbandes (www.perspektive-hausarzt.de). Nur wenn man auch die positiven Seiten des Be rufs darstellt, werden sich künftig genügend Nachfolger finden.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
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