ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1997Darm und Leber: Wechselwirkungen häufiger als gedacht

SPEKTRUM: Akut

Darm und Leber: Wechselwirkungen häufiger als gedacht

Vetter, Christine

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LNSLNS Veränderungen des Darmmilieus können direkt zu Lebererkrankungen führen, während sich umgekehrt Leberkrankheiten auch auf den Gastrointestinaltrakt auswirken. "Die Assoziationen zwischen Leber und Darm wurden leider in der Forschung lange Zeit zu wenig beachtet, wir beginnen gerade erst, die Beziehungen zu verstehen", so Prof. Hubert E. Blum (Freiburg) anläßlich des dortigen 100. internationalen Symposiums der Falk Foundation. Als ein sehr bedeutsamer pathogenetischer Faktor wurde die Translokation von Bakterien sowie deren Endotoxinen dargestellt, also ihre Migration aus dem Darm in andere Organe wie die Leber, die Milz, das Lymphsystem oder die Blutbahn. Eine solche Translokation könnte nach Blum an der Pathogenese zahlreicher Krankheitsbilder beteiligt sein und die in vielen Fällen bislang unbekannte Ätiologie erklären.


Denn längst nicht immer müssen toxische Wirkungen direkt krank machen. Dies kann bei den Endotoxinen auch dadurch geschehen, daß diese immunologische Reaktionen anstoßen, die sich schließlich in das Bild einer Autoimmunerkrankung wandeln können. Assoziationen mit einer bakteriellen Translokation werden nach Blum beim septischen Schock gesehen sowie bei der spontan bakteriellen Peritonitis beim Le-beraszites. Sie sind wahrscheinlich bei fast allen chronischen Lebererkrankungen inklusive der cholestatischen Lebererkrankungen wie der primär biliären Zirrhose und der primär sklerosierenden Cholangitis beteiligt. Möglich wird die Translokation bei einer erhöhten Permeabilität des Darmes, doch diese kann, so Dr. J. Bjarnason (London), mehrere Ursachen haben.


Sie kann in einem chronischen Alkoholabusus liegen, wobei sich "social drinking" gravierender auswirkt als seltene exzessive Alkoholaufnahmen. Auch Krankheiten wie die rheumatoide Arthritis, eine NSAR-Enteropathie oder die Strahlen- und Chemotherapie können laut Bjarnason die Durchlässigkeit der Darmwand verändern: "Die gesteigerte Permeabilität aber macht die Mukosa zum Ziel von Aggressoren, die ihrerseits Entzündungsreaktionen hervorrufen können." Ähnlich sieht die Situation bei den chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen aus, bei denen ebenfalls eine erhöhte Permeabilität festzustellen ist. Ob die Translokation von Bakterien und Endotoxinen die Entzündungsreaktionen bewirkt oder ob die Inflammation Ursache der erhöhten Durchlässigkeit ist, darüber streitet man noch. "Es gibt einen hohen Forschungsbedarf", so Blum. Sicher ist jedoch, daß ein "undichter" Darm zur inneren Quelle toxischer und pathogenetisch bedeutsamer Substanzen werden kann. Christine Vetter

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