ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2010Schweinegrippe: Virengedächtnis

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Schweinegrippe: Virengedächtnis

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-642

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Die Ähnlichkeit mit der Spanischen Grippe und verwandten Stämmen erklärt den milden Verlauf der Neuen Influenza bei Älteren.

US-Forscher haben eine überraschende Ähnlichkeit zwischen den Viren der Spanischen Grippe von 1918/19 und der Schweinegrippe von 2009 (Neue Influenza) entdeckt, die den milden Verlauf im letzten Jahr bei älteren Menschen erklärt. Das Verhältnis der Influenzaviren zum menschlichen Immunsystem kann mit einem ständigen Katz-und-Maus-Spiel verglichen werden. Nach jeder Grippewelle verhindert die hohe Verbreitung von Antikörpern in der Bevölkerung eine erneute Epidemie.

Doch die hohe Mutationsrate der Influenzaviren sorgt immer wieder für neue Varianten, die von den Antikörpern nicht erfasst werden. Eigentlich ist es unwahrscheinlich, dass zwei Virusstämme, die mehr als 90 Jahre trennen, Ähnlichkeiten aufweisen. Dennoch scheint dies der Fall zu sein, wie der Vergleich der Hämagglutinine beider Viren zeigt, den Ian Wilson vom Scripps Research Institute in La Jolla/Kalifornien in „Science“ (2010: doi:10.1126/scence.1186430) vorstellt.

Antikörper noch nachweisbar
Hämagglutinin ist der Anker, mit dem das Virus an die Neuraminsäure der Rezeptoren seiner Wirtszelle „andockt“. Da es sich auf der Oberfläche des Influenzavirus befindet, kann es vom Immunsystem erkannt werden, das dann neutralisierende Antikörper bildet. Besonders anfällig ist die Spitze des Hämagglutinins. Hier befinden sich bei den meisten Influenzaviren des letzten Jahrhunderts Zuckerreste (Glykane), die eine mögliche Tarnung des Virus sind. Da viele menschliche Zellen auf ihrer Oberfläche die gleichen Glykane tragen, ist das Immunsystem wenig geneigt, sie mit Antikörpern anzugreifen.

Eine Gemeinsamkeit zwischen dem Stamm Influenza A/California/04/2009, dem Erreger der Neuen Influenza, und Virus 1918 H1N1, dem Erreger der Spanischen Grippe, besteht darin, dass beide an der Spitze des Hämagglutinins keine Glykane haben, wie Wilson durch eine Kristallstrukturanalyse nachweisen kann. Dies mag die Infektiosität der Erreger erhöhen, da die Bindung am Rezeptor und der Eintritt in die Zelle erleichtert werden.

An der Spanischen Grippe starben weltweit schätzungsweise 50 Millionen Menschen. An der Neuen Influenza starben laut WHO bis zum 19. März 16 813 Menschen. Der bisher glimpfliche Verlauf der neuen Grippepandemie erklärt sich aus der niedrigen Erkrankungsrate bei älteren Menschen. Dass diese seltener erkrankten, könnte mit dem fehlenden Glykan an der Spitze des Hämagglutinins zusammenhängen. Antikörper gegen die „nackte“ Oberfläche des Hämagglutinins gehörten zu den Abwehrmaßnahmen des Immunsystems gegen die Spanische Grippe, und ihre Prävalenz ist in den Folgejahren stark angestiegen, in denen ähnliche Stämme kursierten, ohne eine erneute Pandemie auszulösen.

Bei vielen älteren Menschen sind diese Antikörper heute noch im Blut nachweisbar. Und wie Jens Krause und Mitarbeiter der Vanderbilt Universität in Nashville/Tennessee im „Journal of Virology“ (2010; 84: 3127–3130) zeigen können, sind diese „alten“ Antikörper in der Lage, die Viren der Neuen Influenza abzufangen und einen Krankheitsausbruch zu verhindern.
Rüdiger Meyer
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