ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2010Psychische Erkrankungen: Wenn Arbeit krank macht

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Psychische Erkrankungen: Wenn Arbeit krank macht

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-644 / B-561 / C-553

Meißner, Marc

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LNSLNS Immer häufiger fehlen Beschäftigte wegen psychischen Erkrankungen. Vor allem die Dienstleistungsbranche ist davon betroffen. Schuld sind Arbeitsbedingungen, die wenig Zeit und kaum Spielraum für eigene Entscheidungen lassen.

Das Telefon klingelt im Minutentakt. Am anderen Ende der Leitung ist immer ein unzufriedener Kunde. Die Beschwerde aufnehmen, den Anrufer beruhigen, dabei freundlich bleiben und alles möglichst schnell, denn in der Warteschlange ist schon der nächste Kunde. Dies sind die typischen Arbeitsbedingungen in einem CallCenter – und die gehen zulasten der psychischen Gesundheit der Mitarbeiter, wie eine Studie der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) zeigt.

Foto: Fotolia [m]
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Die BPtK hat die psychischen Belastungen in der modernen Arbeitswelt unter die Lupe genommen und dazu die Gesundheitsreporte der gesetzlichen Krankenkassen analysiert. Ergebnis: Arbeitnehmer fehlen immer häufiger wegen seelischen Erkrankungen. Hohe Anforderungen, Zeitdruck und wenig Einfluss auf den Ablauf oder das Ergebnis der Arbeit – das seien Faktoren, die die psychische Gesundheit des Menschen besonders gefährdeten, erklärte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK, bei der Präsentation der Studie. „Eine besonders belastete Berufsgruppe sind Telefonisten, die etwa doppelt so häufig aufgrund psychischer Erkrankungen ausfallen wie der Durchschnitt.“ Neben den Mitarbeitern von CallCentern seien vor allem Dienstleister, Beschäftigte in öffentlichen Verwaltungen und Angestellte aus dem Gesundheits- und Sozialwesen betroffen. Beschäftigte im Bauwesen sowie in der Forst- und Landwirtschaft litten hingegen deutlich seltener an psychischen Erkrankungen.

Die Gründe für die steigende Zahl seelischer Erkrankungen sind vielfältig. Zum einen wurden sie lange Zeit „übersehen oder nicht richtig diagnostiziert“, sagte Richter. Dies habe sich verbessert, so dass typische Begleitsymptome wie Magen- oder Rückenschmerzen heute als solche erkannt werden. Auch dadurch kommt es zu einer höheren Zahl an Krankschreibungen wegen psychischer Beschwerden. „Für den Patienten erhöht das aber die Chance auf eine angemessene Therapie“, betonte der BPtK-Vorsitzende.

Ein weiterer Grund sind Anforderungen der heutigen Arbeitswelt, wie Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, verhältnismäßig geringe Entlohnung beziehungsweise Wertschätzung durch den Arbeitgeber. Sie führen zunehmend zu seelischen Belastungen. „Studien belegen, dass die Kombination aus hohen Anforderungen einerseits und geringem Einfluss auf den Arbeitsprozess andererseits überdurchschnittlich häufig zu psychischen Erkrankungen führt“, erläuterte Richter. Diese Risikofaktoren fänden sich nicht in allen Arbeitsbereichen. Besonders ausgeprägt seien sie im Dienstleistungssektor, stellte Richter fest.

„Die Arbeitsbedingungen müssen auch bei Dienstleistungen so gestaltet werden, dass das Arbeitsstakkato und Überforderung vermieden werden“, forderte der BPtK-Vorsitzende. Darüber hinaus müsse der Einzelne mehr Kontrolle über seine Arbeitsabläufe gewinnen. Eine Pflegekraft habe beispielsweise nur eine bestimmte Zeit für einen Patienten, obwohl jeder einen unterschiedlichen Bedarf an Fürsorge habe. „Braucht sie bei einem Patienten etwas länger, steht sie direkt unter Zeitdruck und hat auch noch ein schlechtes Gewissen, weil sie sich um den nächsten Patienten nicht ausreichend kümmern kann“, sagte Richter. Das sei eine hohe seelische Belastung. Hätte die Pflegekraft ein zusätzliches Zeitkontingent, das sie selbst je nach Bedarf verplanen könne, würde der psychische Stress deutlich abnehmen.

Darüber hinaus empfiehlt die BPtK, über betriebliche Gesund­heits­förder­ung psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Durch gezielte Trainingsmaßnahmen könne die seelische Belastungsfähigkeit der Beschäftigten gestärkt und die Bewältigung von belastenden Situationen gefördert werden, erklärte Richter. „Betriebliche Prävention allein kann jedoch nicht verhindern, dass Arbeitnehmer psychisch erkranken, da die Ursachen auch außerhalb der Arbeit liegen.“ Deshalb seien eine frühzeitige Diagnose und eine leitliniengerechte Therapie von psychischen Erkrankungen weiterhin entscheidend.
Dr. rer. nat. Marc Meißner
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