ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2010Entwicklungspolitik: Wie im letzten Jahrtausend

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Entwicklungspolitik: Wie im letzten Jahrtausend

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-646 / B-562 / C-554

Neuber, Harald

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LNSLNS Die UN-Millenniumsziele sollten zur Überwindung vernachlässigter Krankheiten beitragen. Doch erreicht wurde bislang nur wenig.

Sie sollten eine Zäsur in der Geschichte der Vereinten Nationen (UN) und „Ausdruck eines weltweiten Konsenses von Entwicklungs- und Industrieländern“ sein, schreibt das deutsche Entwicklungsministerium. Inzwischen drohen die UN-Millenniumsziele zum Fanal des Scheiterns zu werden. Im zehnten Jahr nach dem Jahrtausendgipfel der Weltorganisation in New York vergeht kaum ein Gedenktag, ohne dass der drohende Misserfolg prognostiziert wird.

Resistente Tuberkulose ist vor allem in Osteuropa ein Problem. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen engagiert sich bei der Behandlung wie hier im Nationalen Tuberkulosezentrum im armenischen Abovian. Foto: Bruno De Cock
Resistente Tuberkulose ist vor allem in Osteuropa ein Problem. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen engagiert sich bei der Behandlung wie hier im Nationalen Tuberkulosezentrum im armenischen Abovian. Foto: Bruno De Cock
Beispiel Welttuberkulosetag am 24. März: Das Robert-Koch-Institut bekräftigt an diesem Tag einen „nach wie vor dringenden Handlungsbedarf“. Vor allem in Osteuropa träten zunehmend resistente Erreger auf, und auch die Koinfektionen von HIV und Tuberkulose seien auf dem Vormarsch. In Entwicklungs- und Schwellenländern existierten nur unzureichende oder gar keine Präventionsmethoden, Impfstoffe und Medikamente, hieß es auf einer Fachkonferenz regierungsunabhängiger Organisationen in Berlin. Neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose, 1,8 Millionen kostet sie das Leben. Von dem im September 2000 beschlossenen Ziel, die Ausbreitung der Tuberkulose „zum Stillstand zu bringen oder allmählich umzukehren“ spricht kaum mehr jemand.

Dabei war der Millenniumsgipfel der UN vom Geist des Aufbruchs bestimmt. Vertreter aus 189 Staaten waren im September 2000 zusammengekommen, um einen neuen Pakt zu schließen. Die Entwicklungszusammenarbeit sollte erfolgreicher gestaltet und Legitimationsprobleme sollten überwunden werden. Knapp zehn Jahre später erklärt die deutsche Bundesregierung, die Zielsetzungen erforderten „von allen Verantwortlichen strukturelle Reformen und ein großes Maß an Verbindlichkeit“.

Bundesregierung muss finanzielle Zusagen einhalten
Notwendig ist diese Verbindlichkeit vor allem im Kampf gegen vernachlässigte Krankheiten. Zu den acht beschlossenen Entwicklungszielen auf dem Millenniumsgipfel zählten die Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderer übertragbarer Krankheiten. Die damalige deutsche Regierung verpflichtete sich, 0,1 Prozent des Bruttonationaleinkommens (vormals „Bruttosozialprodukt“) zur Verbesserung der Gesundheitssysteme in bedürftigen Staaten zu verwenden. Derzeit liegt diese Quote bei 0,03 Prozent. Von der versprochenen Verwendung von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für die allgemeine Entwicklungshilfe kommt Deutschland derzeit auf gerade einmal 0,4 Prozent.

„Die Bundesregierung muss zu ihrer Verpflichtung stehen und deutlich mehr in die Forschung von armutsbedingt vernachlässigten Krankheiten investieren“, fordert daher die Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, Renate Bähr. Nach Ansicht von Katja Rohrer von Medico international muss sich die Entwicklungspolitik der Bundesregierung nicht nur verändern, sie muss zunächst die finanziellen Zusagen einhalten. „Die schlechte Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele hängt auch damit zusammen, dass die Finanzierung nach wie vor nicht langfristig gesichert ist“, ist Rohrer überzeugt. Auch könne man die Vorgaben im Gesundheitswesen nicht einzeln angehen. „Ohne die Einbeziehung von Bereichen wie Ernährung, Bildung, Arbeit kann auch der Bereich Gesundheit nicht langfristig verbessert werden“, meint die Expertin. Das bedeute konkret: Die Bevölkerung der Entwicklungsstaaten müsse verstärkt in die Umsetzung der Programme einbezogen werden, um langfristige Veränderungen zu erreichen.

Als typische armutsbedingte Krankheit sei gerade bei Tuberkulose eine Verbesserung der Lebensbedingungen wichtig, sagt auch Christian Wagner-Ahlfs von der Pharmakampagne der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO). Zwar leiste die deutsche Entwicklungshilfe gute Beiträge. „Nicht weniger wichtig ist aber die Entwicklung neuer Medikamente gegen die immer weiter verbreitete multiresistente Tuberkulose“, so Wagner-Ahlfs, der bei der Forschungsförderung in Deutschland „großen Nachholbedarf“ sieht. Seine Kollegin Hedwig Diekwisch weist außerdem darauf hin, dass unentbehrliche Arzneimittel in armen Ländern nach wie vor zu teuer und schlecht zugänglich seien. Deshalb plädiert sie dafür, die Versorgung mit Generika auszuweiten.
Harald Neuber
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