THEMEN DER ZEIT

Kinder psychisch kranker Eltern: Die vergessenen Kinder

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-656 / B-572 / C-564

Bühring, Petra

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Drei beispielhafte Projekte zeigen, wie die Versorgung und Betreuung der betroffenen Kinder verbessert werden kann.

Die Kinder von psychisch kranken Eltern werden leicht vergessen, obwohl sie häufig selbst Hilfe brauchen. Denn das Leben zusammen mit psychisch Kranken ist für die Kinder und Jugendlichen – ihre Zahl wird auf drei bis vier Millionen geschätzt – mit Unsicherheit, Ängsten und Desorientierung verbunden. Sie leiden unter der sozialen Isolierung durch die Erkrankung, entwickeln Schuld- und Schamgefühle. Ältere Kinder übernehmen häufig die Rolle der Eltern in der Familie und überfordern sich. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Kinder von psychisch kranken Eltern ein zwei- bis dreimal so hohes Risiko haben, selbst eine psychische Störung zu entwickeln.

Foto: iStockphoto
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„Die Politik muss Strukturen schaffen, die es ermöglichen, dass diese Kinder unkompliziert Hilfe bekommen, um dem entgegenzusteuern“, forderte deshalb Gudrun Schliebener, Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) e.V. bei dem Symposium „Kinder psychisch kranker Eltern – ein Thema für die Politik“ Anfang März in Berlin. Das Versorgungsangebot sei immer noch lückenhaft, weil das Gesundheitswesen die betroffenen Kinder übersehe, der Jugendhilfe seien sie oftmals nicht bekannt. Der BApK hat deshalb zusammen mit dem Verein für Gemeindenahe Psychiatrie in Rheinland-Pfalz e.V. und dem BKK-Bundesverband Aufklärungsmaterial entwickelt, das die Wahrnehmung der Probleme verbessern soll. Mit Flyern richten sie sich an die Eltern, Pädagogen, die Kinder und Jugendlichen sowie an Fachleute in der Erwachsenenpsychiatrie (bundesweite Präventionsprojekte unter www.kipsy.net).

Kinder schon bei der Aufnahme ansprechen
Bei dem Symposium wurden drei Landesmodellprojekte aus Rheinland-Pfalz vorgestellt, die zwischen 2006 und 2008 erprobt wurden. Dabei war es das Ziel, die Kooperation zwischen der Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe zu verbessern. „Auffallend war, dass bei der Aufnahme in psychiatrischen Kliniken nicht routinemäßig nach den Kindern gefragt wird“, kritisierte Elisabeth Schmutz vom Institut für sozialpädagogische Forschung (ISM) e.V. in Mainz, dem Träger des Praxis-forschungsprojekts. Das ISM entwickelte deshalb einen Leitfaden für Aufnahmegespräche, in dem konkret nach der Versorgung der Kinder gefragt wird. Wichtig sei auch, dass Elternschaft zum Thema in der Therapie gemacht werde, betonte Schmutz. Da die betroffenen Familien im Durchschnitt vier Helfer haben, hält sie gemeinsame Fallberatungen zwischen Therapeut, Jugendhilfe und Eingliederungshilfe für unabdingbar.

Paten können betroffene Kinder unterstützen
Auf die Bedeutung einer verlässlichen, emotional stabilen Bezugsperson, eines Paten, wies Katja Beeck vom Berliner Jugendhilfeträger Ambulante Sozialpädagogik Charlottenburg (Amsoc) e.V. hin. „Häufig leben die Kinder mit einer psychisch kranken Mutter allein“, betonte Beeck. Der Verein vermittelt deshalb ehrenamtliche Paten, die in regelmäßigen wöchentlichen Treffs die erkrankten Eltern unterstützen. In Krisensituationen kann der Pate das Kind auch bei sich zu Hause aufnehmen. Bei der Auswahl und Schulung der Paten orientiert sich Amsoc am Pflegekinderwesen. Wichtigste Voraussetzung für die Vermittlung sei jedoch die Krankheitseinsicht und die Befürwortung der Patenschaft durch die Eltern (www.amsoc-patenschaften.de).

In Leipzig ist es dem Angehörigenverein Wege e.V. mit der Familienberatungsstelle „Auryn“ gelungen, ein verlässliches Angebot – regelfinanziert – zu etablieren. Zu Auryn kommen die Eltern in der Regel selbst; die Mitarbeiterinnen suchen jedoch auch psychiatrische Kliniken auf, um ihre Hilfe anzubieten. Sie erarbeiten mit den Eltern Pläne für die Versorgung der Kinder in einer Krisensituation, begleiten sie zu Behörden und helfen ihnen, soziale Netze aufzubauen, die den meisten fehlen. Daneben bietet der Verein für die Kinder Lernhilfen, Kompetenztrainings und Freizeitaktivitäten an (www.wege-ev.de). Auryn berät im Schnitt rund 250 Familien pro Jahr – mit steigender Tendenz.
Petra Bühring
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