ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2010Klassifikation: Der Ziffernterror
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die ärztliche Diagnostik und Therapie ist eine Kunst, die auf Erfahrung, Wissen, Intuition und Empathie beruht. Unser Berufsstand als „Leistungserbringer“ wird durch den Verschlüsselungswahnsinn in den intellektuellen Schwachsinn getrieben. In meinem Fach Dermatologie ist es nur unter massiver Simplifizierung überhaupt möglich, meine Diagnosen zu verschlüsseln. Die so gewonnenen „Daten“ sind in keiner Weise sinnvoll zu verwerten. („Verschlüsselung lässt im ambulanten Bereich zu wünschen übrig“ . . . „das dürfte sich durch die 2010 vorgesehene Einführung von ambulanten Codierrichtlinien ändern“). Der ICD-10-, DRG-, OPS-, EBM-, GOÄ- etc. Ziffernterror verschlingt, trotz kostenpflichtiger Software, unendlich viel Zeit und vor allem „Synapsen“, die ich lieber für die Patienten hätte. Wenn ich sehe, wie die Bürokratisierung unserer Tätigkeit systematisch fortschreitet, frage ich mich, warum niemand aufschreit, um den Sinn und das Ziel dieser Entwicklung zu hinterfragen. Alleine die OPS-Verschlüsselung macht mich bei den vielen täglichen operativen Eingriffen wütend. (Wen interessiert es eigentlich, ob das Melanom am rechten oder linken Unterschenkel entfernt wurde?) Die Verschlüsselung der Krankheit und der ärztlichen Leistung ist wichtiger geworden als die Diagnosefindung und ärztliche Leistung an sich. Warum wehren wir uns nicht kollektiv durch „Verschlüsselungsverweigerung“? Es könnten Milliarden gespart werden. In anderen Ländern (zum Beispiel Luxemburg) ist dieser ganze Verschlüsselungsquatsch noch nicht notwendig.
Dr. med. Norbert Herrmann, 54290 Trier

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Stellenangebote