ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2010Gesundheitssystem: Anspruch doppelt verfehlt

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Gesundheitssystem: Anspruch doppelt verfehlt

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-661 / B-576 / C-568

Fetzner, Ulrich Klaus

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Dina Michels: Weiße Kittel – Dunkle Geschäfte. Im Kampf gegen die Gesundheitsmafia. Rowohlt, Berlin 2009, 208 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro
Dina Michels: Weiße Kittel – Dunkle Geschäfte. Im Kampf gegen die Gesundheitsmafia. Rowohlt, Berlin 2009, 208 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro
Ärzte genießen das höchste gesellschaftliche Ansehen. Dina Michels repetiert dies mit Häme. Apotheker, Ärzte, Zahnärzte: Es seien Drogenhändler, Erpresser und Bestecher, gleich einer Mafia. Patienten seien Schmarotzer und Selbstbediener. Ein intendierter „Enthüllungsthriller“, geschrieben von der für Versicherungsbetrug zuständigen Mitarbeiterin der KKH Allianz. Letztlich bleibt es bei Einzelfallschilderungen, welche dem Leser bereits alle bekannt sind: zum Beispiel längst aufgedeckte Absprachen zwischen HNO-Ärzten und Hörgeräteakustikern, Rezeptbetrugsfälle und die Abrechnung nicht erbrachter Leistungen.

Das sehr einfach ausgestattete Buch gliedert sich in eine Art Vorwort und sieben weitere Kapitel. Der Erzählstil ist eher unterdurchschnittlich anzusetzen. Es dominieren fade Undercovergeschichten mit den üblichen kleinen Kameras in der Krawatte, wo dann Masseure mit fingierten Rezepten überführt werden und hinter Gitter kommen. Das Buch schließt mit „Anmerkungen“, einer wohl neuartigen Art Literaturverzeichnis, wo sehr viel Befragungen, Zeitungen und Meinungen, aber wenig „harte Daten“ zitiert werden, und einem Kapitel „Nützliche Adressen für Patienten“, wo Nützliches wie weniger Nützliches aufgeführt ist, vieles Nützliche – zum Beispiel der Medizinische Dienst der Krankenkassen – aber fehlt.

Kein Wort verliert Michels selbstverständlich darüber, welche Kosten der Solidargemeinschaft durch unberechtigte Kosten der Selbstverwaltung der Kassen und Versicherungen verloren gehen und welche potenziellen Schäden auch hier – ebenso durch Entgleisungen Einzelner – der Sozialgemeinschaft zugefügt werden können. Wen verwundert es: Die Autorin wünscht sich eine „All-in-one“-Gesundheitskarte, eine Datenflatrate zwischen den Kassen, flächendeckende „Denunziantenhotlines“ und begrüßt den Billiglohnzahnersatz aus dem Ausland. Alles bar jeder differenzierten Diskussion.

Man sollte sich auch Gedanken darüber machen, ob es nicht pietätlos ist, persönliche und tragische Einzelfälle, wie zum Beispiel den Suizid des Apothekers, der nach vielen privaten und beruflichen Verfehlungen keinen anderen Ausweg mehr sah, derart breitzutreten. Und ob sich die Patienten – die Brotgeber der „Chefermittlerin“ – auch gerne als „Kriminelle“ oder „Schmarotzer“ bezeichnen lassen wollen?

Der allergrößte Teil der Ärzte behandelt redlich tagtäglich und unter Zurückstellung des eigenen Privatlebens kranke Menschen – und dies in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt. Daran und an dem Ergebnis der kommenden Allensbach-Umfrage wird auch dieses Buch nichts ändern, denn „Leser sind die besten Kritiker“, wie Rowohlt selbst bemerkt. Der Anspruch Ernst Rowohlts (1908): „Gut lesbare Literatur auf hohem Niveau“ zu verlegen, wird mit diesem Buch gleich doppelt verfehlt. Ulrich Klaus Fetzner

Dina Michels: Weiße Kittel – Dunkle Geschäfte. Im Kampf gegen die Gesundheitsmafia. Rowohlt, Berlin 2009, 208 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro
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