ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2010Lissabon: Ein Spaziergang mit allen Sinnen

KULTUR

Lissabon: Ein Spaziergang mit allen Sinnen

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-665 / B-581 / C-573

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LNSLNS Sich in die Welt der Nichtsehenden einfühlen: An der Seite des blinden Carlos Silveira ertasten Touristen mit verbundenen Augen dessen Stadt.

Es riecht irgendwie nach Obst. Oder ist es Gemüse? Oder eine Mischung von beidem? Mal scheint es ein frisch-säuerlicher Duft zu sein, dann geht es eher in Richtung Zwiebeln. Jemand tippt auf Pampelmusen mit Knoblauch. Wir schnuppern und schnuppern. Nein, es ist nicht wirklich auszumachen. Wir stehen in einer kleinen Gasse Lissabons, offenbar vor einer Hausfassade, denn wir sind von der mit Kopfsteinen gepflasterten Straße über einen Bordstein auf den Gehweg geleitet worden. Die groben Pflastersteine haben wir durch die Schuhsohlen gespürt. Wir sehen nichts, haben vor den Augen eine schwarze Maske, durch die nicht einmal der Schimmer von Tageslicht dringt. „Versucht mal, herauszufinden, was hier verkauft wird. Ihr dürft alles anfassen“, sagt Rita Gonzalez, die uns begleitet, besser gesagt leitet.

Mit anderen Sinnen sehen: Je zwei „Blinde“ haken sich bei einem Begleiter ein, damit sie nicht fehltreten.Fotos: Renate V. Scheiper
Mit anderen Sinnen sehen: Je zwei „Blinde“ haken sich bei einem Begleiter ein, damit sie nicht fehltreten.
Fotos: Renate V. Scheiper
Wir sind auf einem Spaziergang durch die Altstadt von Lissabon, den uns der Concierge des Lapa Palace Hotels empfohlen hatte. Er erzählte uns von einer Initiative, die Blinde gemeinsam mit Sehenden ins Leben gerufen haben und organisierte das Treffen mit dem 45-jährigen Carlos Silveira, der mit zwölf Jahren sein Augenlicht verlor. Je zwei „Blinde“ aus unserer Gruppe haken sich leicht bei einer sehenden Begleitperson ein. Diese achtet darauf, dass wir nicht über Bordsteinkanten stolpern, nicht fehltreten bei einer Bodenunebenheit, sie leitet uns um Pfützen oder Hundehaufen herum. „Jetzt führt eine Treppe abwärts.“ Aha. Die Füße erkunden die unterschiedliche Höhe der Stufen. Die Treppe wird schmaler. Wir können uns leicht zu beiden Seiten an Hauswänden entlangtasten. Der Putz ist rau. Mit den Augen hätten wir das nicht wahrgenommen.

Und nun knien wir vor den Auslagen eines Obst- und Gemüsegeschäfts. Unsere Hände gleiten über Kisten. Der Duft von Apfelsinen wird stärker. Was ich mit den Händen begreife, ist relativ groß, fast rund, hat eine ziemlich glatte, nur leicht genoppte Schale. Ich begreife, dass es eine Pampelmuse ist. Als „Sehende“ hätte ich es mit einem Blick erkannt. Doch nun muss ich auf Merkmale achten und kom-binieren. Jemand schiebt etwas herüber. Es ist ein Karton mit Zwiebeln – oder Knoblauch? Nein, Knoblauch ist am Relief der Zehen zu erkennen – und am Geruch.

Tasten und riechen müssen die Spaziergänger, um die verschiedenen Obstsorten zu erkennen.
Tasten und riechen müssen die Spaziergänger, um die verschiedenen Obstsorten zu erkennen.
Mit viel Humor erzählt Carlos, wie er sich durch konzentriertes Hören und Einordnen jedes Geräusches, durch spezielle Düfte und auch Gefühl für Enge oder Weite orientiert. Er lebt allein, kauft ein und kocht. Und jetzt mache es ihm viel Spaß, Fremde in seinem Viertel zu führen und deren Sinne auf andere Wahrnehmungen als mit dem Auge zu lenken. Er schweigt. Ist er noch da? Wir hören Schritte. Alle Sinne sind angespannt. Weiter vorn spielt jemand Gitarre. Es ist Carlos, der vorausgeeilt war, um uns zu überraschen. Um die Ecke riecht es nach Fisch. Ganz klar, ein Fischgeschäft. Falsch. Eine alte Frau sitzt vor ihrem Haus und pult Krabben. Über mir knattert es. Was ist das? „Vor den Fenstern trocknet Wäsche.“ Als wir nach knapp zwei Stunden die Masken abnehmen, blinzeln wir ins Sonnenlicht. Wir gehen nun noch einmal sehenden Auges die Wege von eben, die enge Treppe, vorbei am Obstgeschäft, an der Frau, die Krabben pult und über der die Wäsche hängt. Ganz stark müssen wir uns jetzt konzentrieren, das zuvor mit den anderen Sinnen erhaltene „Bild“ zu übertragen. Eigentlich haben wir mit der Maske vor den Augen viel intensiver „gesehen“ als jetzt, wenn das Auge über das meiste hinweghuscht.
Renate V. Scheiper

Informationen über das Projekt „Blindfoldet Walks“ im Internet unter:
www.cabracega.org, www.lisbonwalker.com.
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