ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Arzthaftpflicht: Steil nach oben

VARIA: Wirtschaft - Versicherungen

Arzthaftpflicht: Steil nach oben

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LNSLNS In den letzten Jahren erleben die Schiedsstellen der Ärztekammern, die gerichtlichen Instanzen und Berufshaftpflicht-Versicherungen einen stetigen Aufschwung der Haftpflichtansprüche aus ärztlicher Tätigkeit. Einerseits nimmt die Anzahl der Schadensfälle zu, andererseits aber auch die Schadenhöhe. Bei einem großen Haftpflichtversicherer stiegen die gemeldeten Schadensfälle innerhalb von fünf Jahren um 75 Prozent, die Schadenaufwendungen um 660 Prozent. Durch Spätfolgen und ähnliches werden sich diese Quoten noch erhöhen.
Besonders drastisch zeigen sich die Veränderungen auch in der Höhe der Schadenersatzforderungen. Neben einem allgemein höheren Schmerzensgeld nehmen die materiellen Verluste, zum Beispiel künftiger Verdienstausfall, Pflegekosten und Heilbehandlungskosten, einen großen Anteil an Gesamtforderungen ein.
Die Gründe für diese Entwicklung sind bekannt: die Erwartungshaltung an den "garantierten" Heilerfolg nimmt zu. Der medizinische Fortschritt bietet neue und vielfältigere Möglichkeiten der Behandlung und größere Aussichten auf Heilungserfolg. Fortschritt bedeutet aber auch höheren beruflichen und menschlichen Einsatz. Die Kehrseite sind neue Risikoquellen, zum Beispiel durch Fehleinschätzungen, Unkenntnis usw. Ärztliche Fehlentscheidungen und Behandlungsfehler sind beliebte Felder populärer Berichterstattung. Sie lösen einen Nachahmereffekt aus. Die vermeintliche Unfehlbarkeit des Arztes wird von der Öffentlichkeit zunehmend kritischer gesehen. Durch patientenorientierte Rechtsprechung mit guten Erfolgsaussichten hat grundsätzlich die Prozeßbereitschaft zugenommen.
Bei den Versicherungen reichen die Prämien nicht mehr aus, um die steigenden Schadenaufwendungen und die Zunahme der "Spätschäden" auszugleichen. Manche trennen sich von einzelnen Verträgen oder ganzen Berufsgruppen, die besonders viele und hohe Schäden verursachen, oder bieten die Berufshaftpflichtversicherung nicht mehr an.
Versicherer, die weiterhin derartige Policen anbieten, stellen in der Regel drei Mindestanforderungen:
l ausreichende Deckungssumme, die auch in Zukunft noch genügend Sicherheitspolster bietet (mindestens zwei Millionen DM für Personen- und 500 000 DM für Sachschäden, bis fünf Millionen DM pauschal für Personen- und Sachschäden);
l neueste Bedingungen, damit nichts dem Zufall überlassen bleibt (Haftungserweiterung gegenüber den alten Bedingungen);
l risikoangemessene Prämie.
Aber auch die Ärzte können und sollen zur "Schadensbegrenzung" beitragen – etwa durch die geeignete Auswahl (Qualifikation) und Einarbeitung der Mitarbeiter, durch ständige eigene Fortbildung, auch die der Mitarbeiter, und durch Einbeziehen von Fach- und Konsiliarärzten in entsprechenden Fällen. Deshalb: die Patienten lückenlos aufklären und die ärztlichen Tätigkeiten detailliert dokumentieren. BE
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