ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1997Veränderte Kindheit: Anmerkungen aus der Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie

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Veränderte Kindheit: Anmerkungen aus der Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Remschmidt, Helmut

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LNSLNS Seit den Tagen Rudolf Virchows, der sich bereits 1869 mit dem Zusammenhang zwischen schädlichen Einflüssen der Schule und der Gesundheit der Kinder befaßte, haben sich unsere Welt und die Lebensbedingungen von Kindern nachhaltig verändert. Diese Veränderungen erstrecken sich unter anderem auf den Wandel gesellschaftlicher Prozesse, auf Veränderungen im familiären und schulischen Bereich und auf den Wandel im Spektrum körperlicher und seelischer Erkrankungen. Etwa zwölf bis 13 Prozent aller Schulkinder leiden an psychischen Auffälligkeiten, aber deutlich weniger als fünf Prozent werden beraten oder behandelt. Obwohl Ansätze für präventive Maßnahmen existieren, werden Programme zur Prävention kaum durchgeführt. Die Ärzteschaft muß sich dieser Herausforderung stellen.
Nachdem Rudolf Virchow (Berlin) beauftragt worden war, "die schädlichen Einflüsse der Schule auf die Gesundheit der Jugend" zu untersuchen, legte er 1869 (16) ein Gutachten vor mit dem Titel "Über gewisse die Gesundheit benachteiligende Einflüsse der Schulen", in dem er Übel oder Krankheiten unterschied, "welche durch die Schulen hervorgebracht werden". Unter diesen nennt er:
¿ Augenübel, besonders Kurzsichtigkeit
À Kongestionen des Blutes zum Kopfe (Kopfweh, Nasenbluten, Kropf)
Á Verkrümmungen der Wirbelsäule
 Erkrankungen der Brusteingeweide (zum Beispiel Lungenschwindsucht)
à Erkrankungen der Unterleibsorgane (Verdauungsorgane, Sexualorgane)
Ä Ansteckende Krankheiten (zum Beispiel Scharlach, Masern, Diphtherie)
Å Verletzungen.
Unter den Krankheitsursachen führt er an: Die Luft im Schullokal, das Licht im Schullokal, das Sitzen im Schullokal, die körperlichen Bewegungen, die geistigen Anstrengungen (Dauer, Abwechslung, individuelles Maß), die Strafen, insbesondere körperliche Züchtigungen, das Trinkwasser, die Abtritte und die Unterrichtsmittel.
Wenn wir diese beiden Listen betrachten, so sind psychische Störungen oder Auffälligkeiten weder unter den "Krankheiten, welche durch die Schulen hervorgebracht werden", noch bei den Krankheitsursachen erwähnt. Es erhebt sich also die Frage: Gab es diese Störungen damals nicht? Oder wurden sie nicht zur Kenntnis genommen, weil weit wichtigere körperliche Erkrankungen (darunter solche mit Lebensgefahr) so weit im Vordergrund standen, daß die Psyche auf der Strecke blieb?
Vieles spricht dafür, daß letzteres der Fall war. Denn wenig später (1887) erschien das berühmte Lehrbuch von Hermann Emminghaus "Die psychischen Störungen des Kindesalters" (3), welches als erstes Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie betrachtet werden kann. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie, aus deren Blickwinkel hier argumentiert wird, gab es damals als eigene Facharztdisziplin noch nicht; die Kinderheilkunde hatte sich auch erst kurz zuvor aus der Inneren Medizin heraus entwickelt, so daß die psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters von zwei Disziplinen bearbeitet wurden: von der Erwachsenenpsychiatrie und der Kinderheilkunde. Dies betont auch Emminghaus in der Einleitung zu seinem Lehrbuch, wenn er ausführt:
"Zwei wichtige Disziplinen, welche im Laufe der Zeit zu selbständigen Zweigen der Pathologie herangewachsen sind, teilen sich gegenwärtig in die Aufgabe, die Lehre vom Irresein im Kindesalter zu fördern: die Kinderheilkunde und die Psychiatrie. Keine von beiden kann heute die in Rede stehende Krankheitsgruppe von ihrem Gebiete ausschließen oder gar der anderen zuweisen."
Ein wenig später fährt er fort: "Bei dem Eifer, ihr Wissen auf die größtmögliche Höhe und Vollkommenheit zu bringen, der jeder Spezialität eigen ist, dürfen wir wohl erwarten, daß die - bisher auch erfreulich friedliche - gemeinsame Arbeit der beiden Spezialitäten auf dem Gebiete der Kinderpsychosen in der Zukunft reiche Früchte trage, daß eine die andere fördern und ergänzen wird."
Es hat jedoch noch lange gedauert, ehe die Kinder- und Jugendpsychiatrie ein eigenes Spezialgebiet wurde. Dies geschah mit der Weiter­bildungs­ordnung der Bundes­ärzte­kammer im Jahre 1968, also rund 100 Jahre nach dem hier zitierten Bericht von Rudolf Virchow.
Fragen wir heute, was sich seither an den Lebensbedingungen von Kindern, in ihrem Erleben und Verhalten, an der Arbeit für Kinder, an ihren Zukunftserwartungen und ihren Zukunftschancen verändert hat, so ist dies so viel, daß jede Betrachtung unvollständig bleibt, insbesondere dann, wenn sie auf engem Raum komprimiert werden muß.
Veränderte Lebensumstände
Der leitende Gedanke muß dabei sein, die Situation von Kindern stets in der Perspektive ihrer Entwicklung zu sehen, wobei Entwicklung stets Veränderung umfaßt. In der Definition von Thomae kann Entwicklung aufgefaßt werden als eine "Reihe von miteinander zusammenhängenden Veränderungen, die bestimmten Orten des zeitlichen Kontinuums eines individuellen Lebenslaufes zuzuordnen sind".
Diese Definition umschreibt Entwicklung ganz allgemein als Veränderung des Verhaltens und stellt den zeitlichen Zusammenhang dadurch her, daß diese Verhaltensänderungen jeweils auf bestimmte Zeitabschnitte (Altersstufen) bezogen werden. Durch diese Rückführung auf festgelegte Zeitabschnitte wird es möglich, zufällige und beliebige Verhaltensänderungen von gesetzmäßigen, entwicklungsbedingten zu unterscheiden. Es ist wichtig, daß sich alle Fachdisziplinen, die sich mit Kindern beschäftigen, in dieser oder ähnlicher Weise am Entwicklungsgedanken orientieren.
Veränderungen im
gesellschaftlichen Bereich
Seit den Zeiten von Virchow und Emminghaus haben zwei Weltkriege und ihre Auswirkungen die Welt und unser Land erschüttert. Zusammenbruch und Wiederaufbau haben viele zukunftsweisende Entwicklungen zerstört, aber auch Kräfte freigesetzt - man denke an das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg -, die die materiellen Lebensbedingungen entscheidend verbessert haben. Große gesellschaftliche Wandlungen sind in der gesamten Arbeitswelt festzustellen, zum Beispiel die Umstellung auf maschinelle Produktion, die Verkürzung der Arbeitszeit, die Stärkung der Rechte von Arbeitnehmern. Entscheidungsprozesse in allen Lebensbereichen werden nach demokratischen Regeln und Prinzipien herbeigeführt, die Bildungschancen für alle sind größer geworden, die Massenmedien haben das Freizeitverhalten signifikant verändert und üben erheblichen Einfluß auf Denkprozesse und Meinungsbildung der Bevölkerung aus.
Alle diese Einflüsse sind nicht spurlos an unseren Kindern vorübergegangen. Eltern und Lehrer klagen über die Reizüberflutung der Kinder durch die Massenmedien, die Freizeitgestaltung ist vielfach überfrachtet, und unsere Gesellschaft nimmt viel zu wenig Rücksicht auf kindliche Bedürfnisse, obwohl die Rechte der Kinder seit der Jahrhundertwende eine immense Aufwertung erfahren haben.
Für viele dieser Veränderungen sind Auswirkungen auf unsere Kinder nachgewiesen, jedoch wird seitens der Politik aus ökonomischen Gründen unterlassen, hieraus konkrete Gegenmaßnahmen abzuleiten. So gibt es vielfältige Hinweise darauf, daß Gewaltdarstellungen in den Medien bei Kindern und Jugendlichen gewalttätiges Verhalten fördern. Dabei spielt sowohl die Vorbildfunktion eine Rolle als auch der gewissermaßen katalytische Einfluß auf ein bereitliegendes aggressives Potential. Hierbei sind intervenierende oder Kontextvariablen bedeutsam, wie die Rechtfertigung von Gewalt, Belohnung oder ausbleibende Bestrafung des Aggressors, den Zuschauer befriedigende Gewaltdarstellungen oder Gewaltdarstellungen, die nicht kritisch in Frage gestellt werden. Darüber hinaus wird die Auswirkung von Gewaltdarstellungen durch folgende Momente beeinflußt (2, 5):
¿ Sozial akzeptierte Gewalt hat nachweisbare negative Auswirkungen, verglichen mit sozial nicht akzeptierter Gewalt.
À Belohnte Gewalthandlungen erwecken beim Zuschauer den Eindruck eines wirksamen Problemlöseverhaltens und sind insofern von größerem Einfluß.
Á Gewalthandlungen, die für die Lösung einer Konflikt- oder Problemsituation relevant sind, haben eine verstärkende Wirkung auf die Auslösung von Gewalthandlungen beim Zuschauer.
 Auch das Erregungsniveau des Zuschauers ist von Bedeutung. So haben erotische und aggressive Inhalte zur Folge, daß das Erregungsniveau des Zuschauers gesteigert wird, und ein gesteigertes Erregungsniveau wiederum erhöht nachweislich die Gewaltbereitschaft.
Im Hinblick auf die Auswirkung von Gewaltdarstellungen in den Massenmedien führt die AntiGewaltkommission der Bundesregierung folgendes aus (8): "Die Massenmedien beeinflussen die Perzeption der Wirklichkeit und die Reaktion auf die soziale Realität. Dramatische, besonders spektakuläre Gewaltdarstellung ermutigt, stimuliert und rechtfertigt Gewaltanwendung. Selbst wenn die dargestellte Gewalt nicht unmittelbar nachgeahmt wird, führt die ständige Überschwemmung des Bewußtseins mit Gewaltreizen zur Trivialisierung der Gewalt, die als alltägliches Ereignis weder als ungewöhnlich eingestuft noch vermieden wird."
Veränderungen im
familiären Bereich
Gesellschaftliche Veränderungen wirken sich natürlich auch auf Familien aus. Wenn man den Wandel der letzten 50 Jahre betrachtet, so lassen sich folgende Tendenzen ausmachen: Berufstätigkeit beider Eltern, neuerdings eingeschränkt durch die hohen Trennungs- und Scheidungsraten und dadurch Anstieg der Zahl alleinerziehender Elternteile, Verarmung der intrafamiliären und extrafamiliären Bindungen, zunehmende Erschwernis für Kinder, freundschaftliche Beziehungen zu Gleichaltrigen in ihrem sozialen Nahraum aufnehmen zu können, Unsicherheiten im erzieherischen Verhalten, hohe materielle Ansprüche bei sehr unterschiedlichen finanziellen Voraussetzungen in den einzelnen Familien. Es ist die Frage, wie sich diese Veränderungen in psychischen Störungen und Erkrankungen widerspiegeln und welche Auswirkungen sie insbesondere auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen in der Schule haben.
Veränderungen im
schulischen Bereich
Auch im schulischen Bereich sind die Veränderungen zahlreich und lassen sich nicht auf einen Nenner bringen, weshalb die im folgenden gewählte Aufzählung nicht auf alle Regionen und Gemeinden zutrifft: zunehmende Anonymisierung durch Auflösung der Klassenverbände, Zusammenfassung der Schüler in Mammutschulen, Einführung wenig erprobter neuer Lehrmethoden (Mengenlehre, Ganzwortmethode), zu starkes Experimentieren mit didaktischen Konzepten, starke Einschränkung des erzieherischen Auftrages der Schule (trifft eher auf die höheren Schulen zu), Überforderung der Kinder mit altersinadäquaten Problemen und Entscheidungen, zu geringe Rücksichtnahme auf Kinder mit speziellen Lern- und Leistungsstörungen (zum Beispiel Teilleistungsstörungen), chronischen Erkrankungen und Behinderungen unterschiedlicher Art. Zur Lösung der sich daraus ergebenden Probleme ist eine intensive Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Ärzten erforderlich, wobei der schulärztliche Dienst eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.
Veränderungen im Spektrum körperlicher und seelischer
Erkrankungen
Änderungen im Bereich der Erkrankungen und Störungen haben sich in den folgenden Bereichen ergeben:
Zunächst ist festzustellen, daß die Zahl der chronisch körperlich kranken Kinder zugenommen hat. Dies hängt mit dem Fortschritt der Medizin zusammen, der es mit sich bringt, daß viele Kinder, die früher nicht am Leben geblieben wären, heute überleben, aber teilweise Behinderungen aufweisen, die sie lebenslang begleiten. Ferner ist eine Vielzahl von Erkrankungen behandelbar, für die es früher keine adäquate Behandlungsmethode gegeben hat. Die Folge dieser Entwicklung ist eine Zunahme von chronisch kranken Kindern (zu nennen sind asthmakranke Kinder, Kinder mit Mukoviszidose, Kinder mit Diabetes mellitus, nierenkranke Kinder, anfallskranke Kinder, Kinder mit verschiedenen Stoffwechselstörungen, Kinder mit zerebralen Funktionsstörungen und andere).
Auch bestimmte psychische Erkrankungen und Störungen haben zugenommen. Glücklicherweise trifft dies nicht auf alle seelischen Erkrankungen zu, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll.
Nach einer sorgfältigen Analyse der Literatur können wir drei Typen von seelischen Erkrankungen und Störungen unterscheiden, deren Entwicklungstrend über die letzten 50 Jahre im folgenden beschrieben werden soll.
Typ I zeigt keine Veränderungen in der Häufigkeit in diesem Zeitraum. Dies trifft zu auf schizophrene Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, auf bipolare Störungen (manisch-depressive Erkrankungen), auf tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie den frühkindlichen Autismus und das Rett-Syndrom sowie auf organische Hirnschädigungen einschließlich der Epilepsie. Diese Störungen haben ganz überwiegend eine starke genetische Basis, von der man natürlich nicht erwarten kann, daß sie sich in einigen wenigen Dekaden verändert.
Typ II umfaßt solche Störungen, bei denen sowohl genetische als auch Umweltfaktoren zusammenwirken und auch Entwicklungsprozesse eine besondere Rolle spielen (speziell zur Zeit der Pubertät und Adoleszenz). Der Zeittrend dieser Störungen ist nicht einheitlich, sondern muß differenziert gesehen werden. Diese Störungen zeigen Fluktuationen in ihrer Häufigkeit, aber ob sie sich wirklich im Zeitraum der letzten 50 Jahre signifikant in ihrer Häufigkeit verändert haben, bleibt fraglich. Zu diesem Typ gehören die Anorexia nervosa, die Bulimia nervosa, Zwangsstörungen und Angsterkrankungen.
Typ III schließlich beinhaltet jene Störungen, bei denen eine eindeutige Zunahme in den letzten 50 Jahren zu beobachten ist, wenngleich bestimmte Fluktuationen in der Häufigkeit bestehen. Diese Auffälligkeiten lassen sich unter der Bezeichnung psychosoziale Störungen zusammenfassen. In allen entwickelten Ländern haben sie an Häufigkeit bedeutsam zugenommen. Es handelt sich um: Adipositas, Alkohol- und Drogenkonsum sowie abhängigkeit, delinquentes Verhalten und Kriminalität, depressive Störungen und Erkrankungen sowie vollendete Suizide und suizidales Verhalten.
Viele dieser Störungen sind eng miteinander verknüpft. Der Zusammenhang muß aber kein direkter sein, er kann auch indirekt durch sogenannte intermediäre Einflüsse (14) vermittelt werden. So ist Alkohol- und Drogenmißbrauch häufig mit Kriminalität assoziiert (Kriminalität im Kindes- und Jugendalter zeigt übrigens den höchsten Anstieg in allen entwickelten Ländern mit Ausnahme Japans). Weiterhin sind Störungen des Sozialverhaltens häufig Vorläufer von Drogenmißbrauch und Kriminalität. Depressive Störungen, Suizide und Suizidversuche korrelieren hoch miteinander, aber es gibt auch eine ausgeprägte Komorbidität zwischen Depressionen, Störungen des Sozialverhaltens und Angststörungen. Beide sind die stärksten Prädiktoren für suizidales Verhalten.
Die Zunahme dieser psychosozialen Störungen läuft parallel zu bemerkenswerten Entwicklungen in der Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Solche sind (14):
1 die Verlängerung der Periode der Adoleszenz,
1 die Zunahme der Lebenserwartung,
1 der Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg, der gefolgt war durch eine Abnahme junger Menschen in der Allgemeinbevölkerung,
1 der dramatische Anstieg des materiellen Wohlstandes und die Verbesserung der Lebensbedingungen,
1 die markante Verbesserung der physischen Gesundheit sowie der Wohn- und Lebensbedingungen,
1 die Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeiten,
1 die Zunahme der Freizeit,
1 die Veränderungen im Hinblick auf Arbeit und Beschäftigung,
1 die zunehmende Instabilität von Familien und familienähnlichen Gemeinschaften,
1 der Einfluß der Massenmedien (Gewalt, Kriminalität, suizidales Verhalten) und
1 die komplexen Veränderungen in den Moral- und Wertvorstellungen der Bevölkerung.
Der Einfluß einiger dieser Veränderungen auf psychosoziale Störungen konnte gezeigt werden. So ist ein klarer Zusammenhang festzustellen zwischen zunehmender Urbanisierung und Delinquenz, zwischen Einfluß der Massenmedien und gewalttätigem Verhalten, zwischen ungünstigen Familieneinflüssen und Störungen des Sozialverhaltens sowie depressiven Störungen.
Fortschritte der Medizin
Vielleicht am ausgeprägtesten sind die Veränderungen beziehungsweise Fortschritte der Medizin und im Gefolge der diagnostischen und therapeutischen Methoden, die uns Ärzten zur Verfügung stehen. Sie liegen auf dem Gebiet der Biochemie, deren Methoden uns erlauben, eine Vielzahl von Stoffwechselstörungen sicher festzustellen und einige von ihnen zu behandeln (zum Beispiel die Phenylketonurie oder die Glutarazidurie). Damit kann vielen Kindern das Leben gerettet oder eine schwere geistige Behinderung verhindert werden. Weiterhin ermöglicht uns die Molekularbiologie und Molekulargenetik, Vorgänge innerhalb der Zelle zu untersuchen und zu verstehen und unter Umständen auch therapeutisch in diese Prozesse einzugreifen.
Die Elektrophysiologie und die bildgebenden Verfahren erlauben uns nicht nur, unblutig und schonend für die Patienten Strukturen des Gehirns bis in kleinste Dimensionen hinein sichtbar zu machen, sondern sie ermöglichen auch funktionelle Untersuchungen, die uns zeigen, was im Gehirn vorgeht, wenn wir ein Bild betrachten, wenn wir Musik hören oder wenn wir eine mathematische Aufgabe lösen.
Fortschritte wurden aber nicht nur in diesen eher apparativen Bereichen erzielt, sondern auch in der Art und Weise, wie wir mit Kindern und Familien umgehen, wie wir ihre Interaktionen begreifen, wie wir das soziale Umfeld, Schule und Familie in unsere diagnostischen und therapeutischen Prozesse einbeziehen und wie wir Risikofaktoren für die Entstehung von Erkrankungen, aber auch protektive Faktoren für ihre Überwindung in unsere Behandlungsmethoden integrieren. In diesem Sinne hat auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Entwicklung durchgemacht, die Leo Kanner, der Erstbeschreiber des frühkindlichen Autismus, 1957 wie folgt beschrieben hat (6):
"In der ersten Phase unseres Fachgebietes dachte man ,über das Kind nach’, in der zweiten Phase arbeitete man ,an Kindern’, in der dritten arbeitete man ,für Kinder’, in der vierten arbeitete man ,mit dem Kind’, und für die heutige Epoche können wir hinzufügen, arbeitet man ,mit dem Kind und seiner Familie’."
In dieser historischen Kennzeichnung zeigt sich zugleich ein fortschreitender Emanzipationsprozeß des Kindes, aber auch ein Anspruch auf jene Hilfemöglichkeiten, die unsere Zeit zu bieten hat, und ich möchte behaupten, daß diese keineswegs ausgeschöpft sind.
Psychische Störungen und Schule heute
Zur Häufigkeit psychischer Störungen bei Schulkindern
Internationale epidemiologische Untersuchungen über die Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten im Schulalter zeigen, daß die Auffälligkeitsraten zwischen acht und 21 Prozent schwanken, wobei sich in großstädtischen Regionen höhere Raten ergeben als in ländlichen Gebieten.
Unsere eigenen Erhebungen in drei nordhessischen Landkreisen haben in der Altersgruppe von sechs bis 17 Jahren eine Rate von 12,7 Prozent ergeben, was in einer jüngsten französischen Untersuchung (4) bestätigt wurde. In dieser Untersuchung ergab sich mit Hilfe derselben Methode (der "Child Behavior Checklist", die auf einer Befragung der Eltern beruht) eine Rate von 12,4 Prozent bei acht- bis elfjährigen Kindern.
Obwohl die Auffälligkeitsrate 12,7 Prozent betrug, befanden sich jedoch nur 3,3 Prozent (n=64) in Behandlung. Von diesen 64 Kindern hatten 33, also die Hälfte, eine psychiatrisch-psychotherapeutische Einrichtung aufgesucht, die andere Hälfte eine nicht-psychiatrische ärztliche Institution. Dies bedeutet, daß rund zehn Prozent der Kinder, die eine Beratung oder Behandlung benötigen, eine solche nicht erfahren.
Die Häufigkeit der psychischen Symptome korrelierte deutlich mit dem Alter, der sozialen Schicht und dem Schultypus. Die bekannte Geschlechterverschiebung in der Pubertät zeigte sich ebenfalls: in der Altersgruppe der 14- bis 18jährigen waren die Mädchen auffälliger als die Jungen, in den jüngeren Jahrgängen hingegen dominierten die Jungen. In Abhängigkeit vom Schultyp wurden die niedrigsten Prävalenzraten bei den Realschülern und Gymnasiasten ermittelt (8,5 beziehungsweise 7,1 Prozent), die höchsten bei den Schülern der Sonderschulen (23,4 Prozent), der Grundschulen (16,6 Prozent), der Hauptschulen (16,3 Prozent) und der Förderstufe (15,4 Prozent). An den beruflichen Schulen betrug die Rate rund elf Prozent.
Schulische Bedingungen und Entwicklung von Kindern
Ohne Zweifel beeinflussen die schulischen Bedingungen, neben jenen in der Familie, die Entwicklung von Kindern nachhaltig. Wenn wir uns die gesellschaftlichen Funktionen der Schule vor Augen führen, so wird uns deutlich, daß in der Schule wichtige Weichen für den weiteren Lebensweg eines Kindes gestellt werden. Die Schule vermittelt nicht nur Qualifikation, sie ist ebenso mit Selektionsprozessen verbunden, trägt zur Sozialisierung bei und vermittelt Kontakte zu Gleichaltrigen. Aber sie übt auch eine ganze Reihe von anderen Einflüssen aus, die im Textkasten dargestellt sind.
Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, daß Schulen als Institution großen Einfluß auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen haben.
Untersuchungen in England an zwölf höheren Schulen (12, 13) haben folgendes ergeben: Zwischen den einzelnen Schularten bestanden im Hinblick auf Leistungen und Verhaltensvariablen der Schüler erhebliche Unterschiede. Diese ließen sich nicht in systematischer Weise auf äußere Faktoren wie Größe der Schule, Alter des Gebäudes, Organisationsstruktur oder administrative Gepflogenheiten zurückführen. Vielmehr hingen sie mit der Charakteristik der Schule als sozialer Institution zusammen. Faktoren wie Bedeutung des Stoffes, Förderung des Leistungswillens der Schüler, regelmäßige Hausaufgaben, klar formulierte Lernziele, Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Schüler, Einbeziehung der Schüler in Verantwortlichkeiten für die Schule, konstante Schulklassen, sorgfältige Vorbereitung des Unterrichts und Übereinstimmung der Lehrerschaft hinsichtlich Bildungsauftrag und Engagement hatten einen sehr positiven Einfluß. Auch waren Zerstörungen in jenen Schulen wesentlich seltener, die sehr sorgfältig das Gebäude und das Mobiliar instandhielten, möglichst persönlich auf die Schüler eingingen und sie intensiv an der Verantwortung für die Schule beteiligten.
Insgesamt zeigte sich in dieser bemerkenswerten Studie, daß Ethos, Wertesystem und Erziehungsziel einer Schule sehr stark Verhalten und Erfolg der Schüler über ihre individuellen Voraussetzungen hinaus bestimmen.
Derartige Beobachtungen müssen Veranlassung sein, der Schule als Bildungsinstitution mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nicht in Form von wissenschaftlich ungenügend abgesicherten Schulversuchen, sondern in Form von Untersuchungen über die Bedingungen, unter denen Kinder lernen und Lehrer unterrichten.
Wenn dies so ist, so müßten in der Schule auch präventive Maßnahmen erfolgreich durchgeführt werden können, und dies ist auch der Fall (7). Es liegen bereits ermutigende Ansätze und Erfahrungen vor (zum Beispiel zur Reduktion depressiver Störungen oder zur Verminderung aggressiven und gewalttätigen Verhaltens), die jedoch noch kaum in umfassender Weise in die Praxis umgesetzt sind. Auch hier ist die Gesetzmäßigkeit zu konstatieren, wonach wissenschaftliche Erkenntnisse zehn bis 15 Jahre benötigen, um in der Praxis Anwendung zu finden. Es ist eine wichtige Aufgabe der Ärzteschaft, sich mit all jenen Bedingungen zu beschäftigen, die Einfluß auf Kinder und ihre Familien haben und die Entwicklung, Gesundheit, Befinden und Verhalten unserer Kinder mitbestimmen.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-2127-2131
[Heft 33]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über den Verfasser.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. phil.
Helmut Remschmidt
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der
Philipps-Universität
Hans-Sachs-Straße 6
35039 Marburg

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1.Bundes­ärzte­kammer: Musterweiterbildungsordnung. Nach den Beschlüssen des 95. Deutschen Ärztetages 1992 in Köln
2.Comstock G: New emphases in research on the effects of television and film violence. In: Palmer EL, Dorr A: Children and the faces of television: teaching, violence, selling: London, Academic Press, 1980; 129-148.
3.Emminghaus H: Die psychischen Störungen des Kindesalters, Tübingen: Laupp, 1887.
4.Fombonne E: The Chartres study: I. Prevalence of psychiatric disorders among French school-aged children. British Journal of Psychiatry 1994; 164: 69-79.
5.Geen RG, Thomas SL: The immediate effects of media violence on behavior. Journal of Social Issues 1986; 42: 7-27.
6.Kanner L: Child psychiatry. Blackwell, Oxford. 3. Aufl. 1957.
7.Remschmidt H: Psychische Störungen und Schule. In: Remschmidt H. (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie. Eine praktische Einführung. 2. Auflage, Thieme, Stuttgart 1987, 328-335.
8.Remschmidt H, Hacker F, Müller-Luckmann E, Schmidt MH, Strunk P: Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt aus psychiatrischer Sicht. Gutachten der Unterkommission II (Psychiatrie). In: Schwind H.-D, Baumann J. u. a. (Hrsg.): Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt (Gewaltkommission). Bd. II (Erstgutachten der Unterkommissionen). Duncker & Humblot, Berlin 1990; 157-292.
9.Remschmidt H, Schmidt MH, Strunk P: Ursachen und Prävention von Gewalt. Bericht über die Arbeit der "Gewaltkommission" der Bundesregierung. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 1990; 18 (2): 99-106.
10.Remschmidt H, Walter R: Psychische Auffälligkeiten bei Schulkindern. Eine epidemiologische Untersuchung. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 1990; 18 (3): 121-132.
11.Remschmidt H, Walter R: Psychische Auffäligkeiten bei Schulkindern. Eine epidemiologische Untersuchung. (Mit deutschen Normen für die Child Behavior Checklist). Hogrefe, Göttingen 1990.
12.Rutter M: Changing youth in a changing society. Patterns of adolescent development and disorder. Harvard University Press, Cambridge/Mass., 1980.
13.Rutter M, Maughan B, Mortimore P, Ouston J: Fifteen thousand hours: secondary schools and their effects on children. Open Books, London, 1979.
14.Rutter M, Smith DJ: Psychosocial disorders in young people. Time trends and their causes. Wiley, Chichester 1995.
15.Sylva K: School influences on children's development. J Child Psychol Psych 1994; 35: 135-170.
16.Virchow R: Über gewisse die Gesundheit benachteiligende Einflüsse der Schulen. Zentralblatt für die gesamte preußische Unterrichtsverwaltung. 1869; 343-362.

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