ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1997Die tiefe Venenthrombose: Psychosomatische Ursachen

MEDIZIN: Diskussion

Die tiefe Venenthrombose: Psychosomatische Ursachen

Kroener, Dieter

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Curt Diehm Dr. med. Frank Stammler Dr. med. Klaus Amendt in Heft 6/1997
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LNSLNS Der Artikel geht leider mit keinem einzigen Wort auf mögliche psychosomatische Zusammenhänge ein. Die Anamnese beginnt mit Beginn der Beschwerden, und das Krankheitsbild wird rein chemischmechanistisch gedeutet. Nachdem ich seit Jahren in meiner proktologisch ausgerichteten Praxis viele perianale Thrombosen behandle, habe ich im Zuge einer ganzheitlichen Anamneseerhebung auch nach Thrombosen an anderen Körperstellen gefragt. Dabei mußte ich die überraschende Feststellung machen, daß viele Patienten in der Vergangenheit bereits thromboembolische Geschehen an anderen Organen hatten: Beinvenenthrombosen (mit oder ohne Varizen), Herz- und Lungeninfarkte, apoplektische Insulte oder Augenhintergrunds-Thrombosen. Die Beobachtung legt den Schluß nahe, daß es sich bei Thrombosen an unterschiedlichen Körperstellen nur um topographische Varianten einer erhöhten Gerinnungsbereitschaft handelt, also um eine psychosomatische Konditionierung.
Bei den perianalenThrombosen als frischem Geschehen ist es fast ausnahmslos möglich, mit wenigen, für den Patienten nachvollziehbaren Fragen ein akutes biographisches Ereignis (live event) zu finden, das als Stressor angesehen werden kann. Ich ziehe als Anhaltspunkt die Streßpunkteliste nach Holms und Rahe heran.
Angesichts des mangelhaften Körperbezugs der meisten Patienten pflege ich zu fragen: "Hat sich in diesen Tagen in Ihrem Leben etwas ereignet, das geeignet war, eine Stimmungslage zu erzeugen, von der der Volksmund sagt ,Jetzt bin ich stocksauer'; ,Da stockt einem das Blut in den Adern'?"
Der Patient stellt häufig überrascht die Gegenfrage: "Meinen Sie, Herr Doktor, daß das auch etwas Seelisches sein kann?" Dann erzählt er seine aktuelle Lebenssituation beziehungsweise das akute Ereignis, in dessen Anschluß er einen Knoten am Enddarm entdeckt hat.
In diesem Zusammenhang war es mir dann auch vielfach möglich, den psychosomatischen Zusammenhang bei lange zurückliegenden thrombotischen Ereignissen abzuklären. Sie ereignen sich aber auch im Rahmen einer psychosovegetativen Erschöpfungsdepression; dann fehlt im allgemeinen das akute Ereignis.
Ich denke, daß die von den Autoren angegebenen Erklärungen zur Genese der tiefen Venenthrombosen Hilfskonstruktionen sind, die einer psychosomatischen Nachprüfung nicht standhalten dürften. Über das vegetative Nervensystem drücken wir nun einmal ständige innere und äußere Stressoren aus (Eustreß wie Distreß).


Dr. med. Dieter Kroener
Rheinstraße 26
55116 Mainz


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