ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2010Elektronische Fallakte und Patientenakte: Auf dem Weg zu einer einheitlichen Lösung

Supplement: PRAXiS

Elektronische Fallakte und Patientenakte: Auf dem Weg zu einer einheitlichen Lösung

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): [8]

Neuhaus, Jan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Seit Ende 2009 kooperieren die Projekte zur Entwicklung einer elektronischen Fallakte und einer elektronischen Patientenakte in Nordrhein-Westfalen. Die Bemühungen um eine sektorenübergreifende Kommunikation kommen voran.

Foto: Fotolia
Foto: Fotolia
Standards sind in vielen Bereichen selbstverständlich – wer Papier nach DIN A4 kauft, wird dieses auch in einen dafür geeigneten Drucker einlegen können. Niemand denkt darüber nach, ob der Brief in den Briefumschlag passt oder der Schraubenschlüssel zur Schraube. Auch die Medizin kennt und nutzt Standards, und dabei geht es nicht nur um das Kerngeschäft, die Behandlung von Menschen, sondern auch um die Werkzeuge: Röntgengeräte, Ultraschall, Labordiagnostik, Medikamente und Wirkstoffe, Dokumentation, Abrechnung und nicht zuletzt die Welt der Computer und der Vernetzung.

Standards sind ohne Frage nützlich, aber es darf auch nicht zu viele geben. Wer will denn als Mediziner auch noch Bits und Bytes oder DSL und VDSL unterscheiden und im Detail wissen, warum sein System nur ADT kennt und HL7 nicht versteht? Es wimmelt von Abkürzungen: von § 291 a über ISO 13606, CCR, EHR bis zur eGA, und fast jeden Monat werden neue Begriffe eingeführt. Es kann und darf nicht sein, dass das Detailverständnis der Informationstechnik für die Ausübung des Arztberufes unabdingbar wird. Vielmehr muss die IT dazu dienen, dass die Behandlungsprozesse besser unterstützt werden, Dokumentationsaufgaben automatisiert werden und die Ärzte und Ärztinnen zusammen mit ihrem Personal mehr Zeit für die Versorgung der Patienten erhalten. Dazu braucht man nicht immer mehr Standards und Systeme, die um die Gunst der Kunden wider Willen werben, sondern weniger. Dafür sollten sie aber an die Bedürfnisse des medizinischen Alltags angepasst sein.

Bei der Medica 2009 haben das Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen, in seiner Rolle als Projektleiter des Projekts „EPA.2015“, und der Verein elektronische Fallakte einen Kooperationsvertrag unterschrieben, der genau in diese Richtung geht. Was bedeutet dies insbesondere für die niedergelassenen Ärzte?

Eine für alle offene technische Lösung
Der Verein elektronische Fallakte (kurz eFA) ist aus einer Initiative des stationären Sektors entstanden – aus der Einsicht heraus, dass sehr viel Geld für Informationstechnik ausgegeben wurde, und zwar von jeder Einrichtung immer wieder neu, für im Prinzip gleiche Lösungen. Diese entpuppten sich zudem oft als Lösungen, die nicht ganz den Wünschen der Anwender entsprachen und die trotz der vielen vorhandenen Standards nicht in der Lage waren, miteinander zu „reden“. Mehrere private Klinikkonzerne und die Deutsche Krankenhausgesellschaft beschlossen daraufhin, sich zusammenzutun und gemeinsam technische Lösungen zu entwickeln, die für alle gleich nutzbar sind und den Bedürfnissen der Anwender entsprechen. Als wichtigste Aufgabe wurde dabei die Kommunikation zwischen Krankenhäusern und Niedergelassenen, aber auch zwischen unterschiedlichen Krankenhäusern gesehen. Man wollte bewusst davon weg, Bindungen über spezielle technische Lösungen zu schaffen, und damit den Wettbewerb wieder voll auf die medizinische Leistungsfähigkeit legen.

eFA-Projekt der Sana-Kliniken: Über eine UMTS/VPN-Box werden die einweisenden Ärzte angebunden.
eFA-Projekt der Sana-Kliniken: Über eine UMTS/VPN-Box werden die einweisenden Ärzte angebunden.
Mit Hilfe des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik wurde eine Spezifikation für elektronische Fallakten geschaffen, die offen und für jeden frei nutzbar ist und die das Problem der Kommunikation in Behandlungszusammenhängen effektiv löst, und zwar interoperabel über unterschiedliche Hersteller und Systeme hinweg. Der Standard wurde in Piloten evaluiert, und die Industrie wurde hinzugezogen, um auch deren Anforderungen zu integrieren. So entstand eine Lösung, die in erster Linie auf den Anforderungen der Ärzte basiert, aber gleichzeitig so konzipiert ist, dass die Industrie diesen Standard möglichst einfach in ihre Produkte aufnehmen kann.

Anzeige
Eine Schlüsselfrage bei solchen IT-Lösungen ist immer der Datenschutz. Mit der Fallakte hat man eine spezielle Organisationsform gefunden, die den Kompromiss zwischen zuverlässigen Informationen zur Behandlung und der informationellen Selbstbestimmung der Patienten löst. Die eFA wurde daher auch im letzten Bericht des Bundesdatenschützers positiv erwähnt. Dies war nur dadurch möglich, dass mit einer Arbeitsgruppe der Datenschützer der Länder zusammengearbeitet wurde.

Was ist eine Fallakte, was leistet sie?
Ärzte kennen die Probleme, dass der Arztbrief noch nicht vorliegt, aber der Patient schon zur Nachbehandlung vorstellig wird, oder dass im Krankenhaus wichtige Voruntersuchungen nicht berücksichtigt wurden beziehungsweise dort nochmals durchgeführt werden. Der häufig fehlende Informationsfluss untergräbt nicht zuletzt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Und oft bleibt kein zeitlicher Spielraum, um sich die Informationen zu beschaffen, von einer Vergütung dafür ganz zu schweigen.

Fallakten sind Datenzusammenstellungen, die immer im Kontext einer Behandlung stehen, sie können nur eingesetzt werden, wenn klar ist, dass es sich um eine Behandlung handelt, bei der unterschiedliche Personen zusammenarbeiten. Daher kann der Patient auch eine Einwilligung geben, in der klar eine Zweckbindung der Daten (zu einer medizinisch definierten Behandlung, dem „Fall“) und eine Gruppe von Zugriffsberechtigten genannt ist. Diese können gemeinsam auf die Fallakte zugreifen und dort Daten einstellen oder Daten aus der Akte übernehmen.

In einem typischen Verlauf würde der niedergelassene Arzt seine Voruntersuchungen in die Fallakte einstellen, bevor er den Patienten ins Krankenhaus einweist. Trifft der Patient im Krankenhaus ein, weist eine Kennung oder ein Beiblatt zur Einweisung direkt darauf hin, dass eine Fallakte vorliegt. Der Aufnahmearzt sieht anschließend sofort im Krankenhausinformationssystem (KIS), dass schon Informationen in einer eFA vorhanden sind. Während der stationären Behandlung werden kontinuierlich Dokumente eingestellt, wenn diese für die Weiterbehandlung von Bedeutung sind. Also nicht eine Fieberkurve jeder einzelnen Aktivität, aber sehr wohl ein OP-Bericht oder das Ergebnis einer Tumorkonferenz. So kann der niedergelassene Arzt schon auf wesentliche Informationen zugreifen, bevor ihn der endgültige Arztbrief erreicht. Wenn es sich um Erkrankungen handelt, bei denen ein häufiger Wechsel zwischen ambulanten und stationären Behandlungen stattfindet, kann über die Fallakte immer eine aktuelle Datengrundlage sichergestellt werden. Auch sind über die eFA neue Formen der Zusammenarbeit einfacher zu realisieren, bei denen zum Beispiel der niedergelassene Arzt die OP-Vorbereitung übernimmt und der Patient direkt am Aufnahmetag operiert wird.

Bisher wird der Betrieb der Fallakten von Krankenhäusern übernommen, da diese schon entsprechende IT-Systeme und zugehöriges Personal besitzen und gleichzeitig als medizinische Einrichtungen die Daten vor Beschlagnahme schützen können. Der Standard ist aber bewusst so ausgelegt, dass auch andere Betreiber, etwa größere Ärztenetze, möglich sind. Unabhängig davon, wer eine eFA betreibt, kann sie auch zur ausschließlichen Kommunikation zwischen niedergelassenen Ärzten verwendet werden. Gerade in den unterschiedlichen Formen der integrierten Versorgung kann die Fallakte einen optimalen Informationsfluss unterstützen.

Derzeit wird die eFA für niedergelassene Ärzte noch als Portal angeboten, sie läuft also neben dem eigenen Primärsystem (hier: dem Praxisverwaltungssystem, kurz PVS), und die Daten müssen manuell übertragen werden. Zu erwarten ist aber, dass auch die PVS-Anbieter eine volle Integration der Fallakte in ihre Systeme anbieten werden. Dann kann man, so wie es heute schon in mehreren KIS-Systemen der Fall ist, direkt ein Dokument markieren, das in die Fallakte eingestellt werden soll, und bei jedem Patienten sehen, ob er eine eFA besitzt und welche Dokumente darin enthalten sind. Aber auch wenn sich die Fallakte heute für den Hausarzt noch als ein Portal präsentiert, gibt es einen wichtigen Unterschied: Er ist nicht an ein Krankenhaus gebunden. Wer beispielsweise mit dem Portal des Uniklinikums Aachen arbeitet, kann darüber auch Fallakten sehen und befüllen, die zu einem Patienten gehören, der im Klinikum Dortmund stationär behandelt wird.

In dem Projekt „EPA.2015“, das in die Initiative eGesundheit.nrw des Landes Nordrhein-Westfalen eingegliedert ist, sollen Vorgaben für eine elektronische Patientenakte geschaffen werden. Diese Patientenakten können lebenslang gepflegt werden, wobei der Patient entscheiden kann, was in die Akte kommt und was daraus wieder gelöscht wird. Es wird aber davon ausgegangen, dass solche Aktivitäten von Ärzten moderiert werden. Weil es viele Überlappungen mit der elektronischen Fallakte gibt, hat man sich entschlossen, die Projekte zu synchronisieren.

Gewinn durch Arbeitsteilung
Um der Industrie die Arbeit zu erleichtern und insgesamt die Menge der unterschiedlichen Spezifikationen zu verringern, wird das Projekt „EPA.2015“ die technischen Spezifikationen der Fallakte übernehmen, einschließlich der darin enthaltenen Sicherheitsfunktionen. In einigen Bereichen werden Anpassungen notwendig werden, die in gemeinsamen Arbeitsgruppen gefunden werden sollen. Dafür konzentriert man sich im Projekt „EPA.2015“ auf die semantischen Aspekte und die Inhalte der auszutauschenden Objekte und übernimmt diese Aufgabe auch mit für die Fallakte. Dadurch ergeben sich auch für die Anwender Vorteile. Wenn etwa ein Arztbrief, der in einer Fallakte steht und dort eindeutig gekennzeichnet ist, als Arztbrief der Chirurgie bei einem Patienten mit Darmkrebs in eine Patientenakte übernommen wird, erwartet man, dass er auch dort als Arztbrief der Chirurgie bei einer Darmkrebsbehandlung identifiziert werden kann, und zwar bevor man das Dokument heruntergeladen und gelesen hat. Dies funktioniert aber nur, wenn es dafür einen Standard gibt, der für die Fachabteilungen und Indikationen genau das gleiche System verwendet. Eine Vielfalt von Standards würde hier jedes sinnvolle Arbeiten verhindern.

Durch die gleiche technische Basis und das gleiche Sicherheitskonzept ergeben sich noch weitere Vorteile für die Anwender: Die Integration in die Primärsysteme wird auch gleichartig erfolgen, und die wenigen notwendigen Änderungen in den Abläufen lassen sich ebenfalls ähnlich gestalten. Wer also heute schon mit der elektronischen Fallakte arbeitet, wird in Zukunft kein Problem haben, auch eine Patientenakte, die sich nach den Vorgaben von „EPA.2015“ richtet, zu bedienen. Dies gilt im Übrigen auch für die Patienten. Hierbei ist ebenfalls zu berücksichtigen, dass die eFA schon in fast allen Bundesländern im Einsatz ist, also bundesweit Erfahrungen gesammelt werden. Jan Neuhaus

Kontaktadresse: Jan Neuhaus, Fraunhofer-Institut
für Software- und Systemtechnik, Emil-Figge-Straße 91, 44227 Dortmund, E-Mail: jan.neuhaus@isst.fraunhofer.de, www.isst.fraunhofer.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema