ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2010Aktienanlagen: In der Ruhe liegt die Kraft

Supplement: PRAXiS

Aktienanlagen: In der Ruhe liegt die Kraft

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): [20]

Jobst, Peter

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Foto: iStockphoto
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Während viele Anleger noch mit ihrer Bank um Zehntelprozente für Festgelder verhandeln, gelten am Aktienmarkt längst wieder andere Dimensionen. Um mehr als 50 Prozent haben sich die Kurse deutscher Standardwerte 2009 erholt. Über die Strategie zum richtigen Papier

Eigentlich ist die Geldanlage in Aktien ganz einfach: Man nehme ein attraktives Unternehmen, zählt sein verfügbares Kapital und erteilt seinem Kreditinstitut einen Kaufauftrag. Binnen weniger Sekunden sind die Papiere im Depot – und aus dem Anleger ist ein Aktionär geworden. Und dies mit allen Chancen, aber auch allen Risiken: Der Kurs der Aktien kann innerhalb weniger Tage um zehn, 20 oder mehr Prozent steigen, er kann aber auch kräftig unter die Räder geraten.

Das Problem dabei: Es gibt keine klaren Regeln, nach denen der Kurs einer Aktie steigt oder fällt. Es gibt Tage, an denen der Kurs eines Papiers trotz Gewinnwarnung des Unternehmens klettert, in anderen Phasen büßt ein Papier allein deshalb deutlich ein, weil sich ein größerer Investmentfonds von seinem Engagement trennen will. Auch der Gesamtmarkt reagiert alles andere als verlässlich. Als Anfang 2009 niemand mehr an eine Erholung glaubte und manche schon über eine Währungsreform diskutierten, begannen die Kurse zu klettern, und in der Folgezeit machten gerade deutsche Standardwerte ihren Anlegern viel Freude. Umgekehrt kann auch jederzeit wieder eine Baisse einsetzen, ausgelöst möglicherweise durch eher nebensächliche Faktoren. Auch wenn den Tagestrend niemand mit absoluter Sicherheit vorhersagen kann, ist jedoch eines sicher: Langfristig schneiden Aktien wesentlich besser ab als alle anderen Anlageformen. Durchschnittliche Renditen von mehr als sieben Prozent sind eher die Regel denn die Ausnahme, während etwa am Anleihemarkt derzeit kaum mehr als 3,5 Prozent zu erzielen sind.

Einer der größten Fehler bei der Aktienanlage ist das falsche „Timing“, also der Kauf beziehungsweise Verkauf zu ungünstigen Zeitpunkten. Viele Anleger kaufen, wenn sie gerade Zeit und Lust dazu haben oder wenn das Konto einen ausreichenden Kapitalbestand signalisiert. Dabei vernachlässigen sie so grundlegende Fragen wie etwa nach dem allgemeinen Börsentrend oder Unternehmensdaten. Verluste sind damit oftmals programmiert. Anleger, die beispielsweise im Frühjahr 2000 aufgrund der seinerzeit überschwenglichen Berichterstattung in den Medien eingestiegen sind, verzeichneten in den Folgemonaten deutliche Verluste. Wer jedoch sein Geld zwischengeparkt und erst 2003 investiert hatte, konnte einen satten Reibach machen.

Der wichtigste Tipp für eine erfolgreiche Aktienanlage ist daher, die Wirtschaftslage erst einmal in aller Ruhe mit der gebotenen Distanz zu beobachten und sich nicht selbst unter Zugzwang setzen. Warum muss man investieren, wenn die Kurse bereits 100 Prozent gestiegen sind? Warum sollte man sofort einsteigen, wenn die Medien von einer erfolgreichen Unternehmensentwicklung berichten? Abwarten heißt insbesondere für Neueinsteiger die Devise. Dieser Aufwand macht sich bezahlt. Schon nach einigen Monaten des regelmäßigen Beobachtens entwickelt sich erfahrungsgemäß ein gutes Gespür für die Schlagzeilen, die wirklich die Kurse bewegen. Und wenn man dies über viele Jahre macht, steht einem erfolgreichen Investment nicht mehr viel im Weg.

Information ist alles
Die zweite Frage gilt der Auswahl der Wertpapiere. Fragt man drei Experten, wird man mindestens sechs Meinungen hören – so lautet die scherzhafte Antwort auf die Bedeutung von Aktienanalysten. Keine dieser Meinungen ist jedoch letztlich der alleinige Weg zum Gewinn, vielmehr gilt es, die Plausibilität zu prüfen. In jedem Fall sollte sich ein Anleger vor dem Einstieg auch selbst das präferierte Unternehmen und seine Aktie genauer ansehen.

Hierfür bieten sich insbesondere zwei Analysemethoden an: Da ist zum einen die Fundamentalanalyse, bei der Fakten wie etwa die Dividende und – daraus abgeleitet – die Dividendenrendite, der Unternehmensgewinn und weitere Bilanzkennziffern ausgewertet werden. Vor allem die Entwicklung in der Vergangenheit lässt dabei wertvolle Rückschlüsse auf die künftige Tendenz zu. Längst müssen Anleger dabei nicht mehr selbst rechnen. In Finanzmagazinen wie BörseOnline oder auch manchen Tageszeitungen findet man ausführliche Tabellen, mit denen sich zum Beispiel besonders dividendenstarke Aktien aufspüren lassen. Der Nachteil der Fundamentalanalyse ist jedoch: Alle Zahlen sind mehr oder weniger „alt“, falsche Unternehmensentscheidungen oder Veränderungen der Marktsituation können sich in den künftigen Ertragsrechnungen widerspiegeln.

Dem steht die Chartanalyse gegenüber, bei der die Kursgrafik – von Experten als „Chart“ bezeichnet – nach bestimmten Kriterien ausgewertet wird. Fundamentale Faktoren bleiben indes unberücksichtigt. Eine wichtige Rolle spielen in der Chartanalyse insbesondere Kurstrends, die sich unter anderem in Form des gleitenden 200-Tage-Durchschnitts ablesen lassen. Aber auch mit dem Einzeichnen von Widerstands- und Unterstützungslinien lassen sich oftmals Entwicklungen erkennen und – vor allem – in die Zukunft fortschreiben. Charts bieten inzwischen fast alle Banken und Sparkassen im Rahmen ihrer Internetprogramme an, oftmals auch versehen mit wichtigen Informationen zur Analyse. Auch hier gilt jedoch: Ein Chart kann noch so interessant aussehen, letztlich entscheidet jedoch allein der künftige Erfolg des Unternehmens über die Kursentwicklung.

Beide Analysemethoden haben also ihre Vorteile, aber auch manche Nachteile. Die fundamentale Analyse liefert ein klares Bild über die Entwicklung eines Unternehmens. Allerdings erfordert sie auch einiges an Aufwand, und nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der Aktualität. Die Chartanalyse ist dann ein wertvolles Hilfsmittel, wenn keine unerwarteten Ereignisse den Kurs beeinflussen. Nach einem möglichen Terroranschlag wird jeder Börsenkurs verlieren – und sei der Chart noch so attraktiv gewesen.

Letztlich läuft alles darauf hinaus, beide Methoden zu berücksichtigen. Wer sich über das Unternehmen informiert und dann auch noch den Chart unter die Lupe nimmt, hat einen bedeutenden Informationsvorsprung. Im Übrigen sollte sich jeder Anleger der Tatsache bewusst sein, dass für die Kursentwicklung von rund 70 Prozent aller Aktien allein der allgemeine Börsentrend maßgeblich ist. Wenn der DAX auf Baissekurs steuert, werden selbst fundamental solide Titel unter die Räder geraten, bei einer allgemeinen Hausse steuern auch Papiere aus der fundamental oder charttechnisch zweiten Reihe meist auf Erfolgskurs.

Exotisch heißt riskant
Ein weiterer großer Fehler vieler Anleger ist die nahezu schon zwanghafte Suche nach „Spezialitäten“. Es werden die Aktien von kleinen und kleinsten Unternehmen erworben, immer in der Hoffnung auf den großen Durchbruch, man setzt auf exotische Auslandswerte und wartet auf den dreistelligen Gewinn. In der Tat sind zwar auch Unternehmen wie Microsoft oder Apple als Garagenbetriebe gestartet worden, zahlreiche Pleiten aus derselben Zeit belegen jedoch die Risiken, die mit solchen Anlagen verbunden sind.

Gerade unter langfristigen Gesichtspunkten sollte der Schwerpunkt jedoch in erster Linie auf konservative Standardwerte gelegt werden, die – das zeigt die Erfahrung der vergangenen Jahre – sowohl in einer breit angelegten Hausse Gewinne verbuchen können als auch in eher unsicheren Börsenzeiten eine solide Basis darstellen. Hier sind insbesondere die weltweiten Spitzentitel interessant. Ein weiterer Vorteil der Konzentration auf „Bekanntes“: Jeder kann selbst anhand seines ganz persönlichen Umfelds die Chancen beurteilen, die er einem Unternehmen und damit seinen Aktien einräumt. Wer sich täglich über sein schlecht funktionierendes Handy ärgert, mit seinem Autolieferanten über die Zuverlässigkeit der Marke diskutieren muss oder seine Computerteile wegen des attraktiven Preises bei einem Online-Versender bestellt, sollte auch sein Aktiendepot danach ausrichten. Denn schließlich – auch das zeigt die Erfahrung – wirken sich die Kundenzufriedenheit oder Verbraucherverstimmung in der Summe auch auf das Unternehmen, seine Gewinne und schließlich den Aktienkurs aus. Peter Jobst
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