ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1997AOK-Beitragsrückerstattung: Krokodilstränen

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AOK-Beitragsrückerstattung: Krokodilstränen

Maus, Josef

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LNSLNS Die Ersatzkassen sind pikiert: Unter den Mitstreitern der großen Solidargemeinschaft GKV gibt es offenbar keinen Gemeinsinn mehr - nur noch Gemeinheiten. Und eine solche haben sich nun die Allgemeinen Ortskrankenkassen in Berlin, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern geleistet. Diese drei Wettbewerber wollen ihren Versicherten einen Monatsbeitrag (Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil) zurückzahlen, wenn sie außer der Prävention ein Jahr lang keine Leistungen in Anspruch genommen haben. Ein starkes Stück, findet Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der Ersatzkassenverbände: "Wenn Gesunde und Junge Geld zurückerhalten, müssen die Kranken dafür draufzahlen." Mit dem Solidargedanken sei so etwas nicht vereinbar, murren die Ersatzkassen und drohen mit der Verweigerung des Risiko­struk­tur­aus­gleichs. Kassen, die ihr Geld "so offenkundig rauswerfen", könnten nicht weiterhin subventioniert werden.
Aus dem Blickwinkel einer alles umfassenden Solidargemeinschaft betrachtet, haben die Kritiker der AOKBeitragsrückerstattung recht. Würden alle Kassen so handeln, ginge die Rechnung jung zahlt für alt und gesund für krank nicht mehr auf. Andererseits herrscht Wettbewerb. Jeder muß sehen, wo er bleibt. Und damit sieht’s für die AOK schon wieder ganz anders aus.
Viele Ortskrankenkassen haben ein Problem mit hohen Beitragssätzen. Nach den Regeln des Wettbewerbs suchen die Versicherten, vor allem die gutverdienenden, einen möglichst günstigen "Anbieter" - und wären damit für die AOK über kurz oder lang verloren. Mit den Versicherten wandern jene Beitragseinnahmen ab, die zur finanziellen Deckung sogenannter "schlechter Risiken" dringend gebraucht werden. Die AOK-Rechnung könnte demnach auch so aussehen: Lieber zahlen wir einen Monatsbeitrag zurück und behalten dafür elf Beiträge, bevor wir zwölf Beiträge pro Jahr für immer verlieren. Nach den Gesetzen des Wettbewerbs hat die AOK damit (eben auch) recht. Sind die Ersatzkassen die letzten Hüter der Solidarität? Wohl kaum. Auch sie hegen und pflegen ihre "guten Risiken" - und können gar nicht genug davon kriegen. So funktioniert halt der Wettbewerb. Ärzte warnen allerdings vor möglichen Folgen einer Beitragsrückerstattung. Etwa, wenn Versicherte einen dringenden Arztbesuch unterließen, nur um in den Genuß einer Rückzahlung zu kommen. Aber ist da nicht andererseits immer vom mündigen Bürger und Patienten die Rede? Josef Maus
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