ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2010Psychische Erkrankungen: Die zwei Gesichter der Arbeit

EDITORIAL

Psychische Erkrankungen: Die zwei Gesichter der Arbeit

PP 9, Ausgabe April 2010, Seite 145

Meißner, Marc

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LNSLNS Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, mangelnde Wertschätzung – solche Arbeitsbedingungen sind keine Seltenheit. Unter diesem konstanten Leistungsdruck entwickeln immer mehr Beschäftigte psychische Erkrankungen, wie eine Studie der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) zeigt (siehe Artikel auf Seite 151 in diesem Heft).

Um dem entgegenzuwirken, ist ein Umdenken in den Chefetagen notwendig. Vorgesetzte dürfen sich nicht nur auf den ökonomischen Erfolg konzentrieren, sondern müssen auch Wert auf ein soziales Arbeitsumfeld legen. Hierzu gehören sowohl ein angemessener Umgang mit Angestellten, als auch Arbeitsbedingungen, die den Beschäftigten mehr eigene Entscheidungen ermöglichen. Nur so können Arbeitsplätze entstehen, die psychischen Erkrankungen vorbeugen, statt sie zu fördern.

Doch nicht nur Arbeit kann krank machen: Seinen Arbeitsplatz zu verlieren, ist ein noch größeres Risiko für die seelische Gesundheit. „Arbeitslose sind drei- bis viermal so häufig psychisch krank wie Erwerbstätige“, stellte Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK, fest. Dies liegt nicht etwa daran, dass Arbeitnehmer mit psychischen Leiden eher ihre Stelle verlieren. Vielmehr entwickeln Arbeitslose, nachdem sie ihre Beschäftigung verloren haben, verstärkt psychische Probleme.

Denn ebenso wie Arbeit krank machen kann, unterstützt sie auch die geistige Gesundheit. Sie gibt dem Leben Sinn und Struktur und schafft durch die Kollegen ein vertrautes soziales Umfeld. Wenn dies durch eine Entlassung verloren geht, bedeutet das für die meisten Menschen eine Selbstwert- und Sinnkrise. Die Betroffenen sind dadurch besonders anfällig für psychische Erkrankungen, vor allem für Depressionen und Alkoholabhängigkeit.

„Arbeit dient der Existenzsicherung – der materiellen, aber auch der geistigen“, sagte Richter. Viele Arbeitslose leiden deshalb unter einem Inkongruenzerleben: Obwohl sie keine Beschäftigung haben, hat es für sie einen hohen Stellenwert, berufstätig zu sein. „Etwas sein zu müssen, was man nicht sein möchte, macht auf Dauer fast zwangsläufig psychisch krank“, erklärte Richter.

Es kann also nicht genügen, nur für die Beschäftigten bessere Arbeitsbedingungen zu fordern, um psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Auch für Arbeitslose muss ein Umfeld geschaffen werden, das ihre seelische Gesundheit nicht gefährdet. Hier ist vor allem die Politik gefragt, über Arbeitslose als Teil der Gesellschaft zu diskutieren und sich nicht in polemischen Debatten über „spätrömische Dekadenz“ zu verlieren. Ihre Aufgabe ist es nicht nur, Bedingungen zu schaffen, dass jeder, der arbeiten will, auch eine Stelle findet. Sie muss ebenso nach Wegen suchen, dass sich Arbeitslose nicht für überflüssig und bedeutungslos halten. Nur dann werden sie psychisch in der Lage sein, auch nach einer langen Zeit ohne Beschäftigung wieder eine Stelle anzutreten und am sozialen Leben teilzunehmen.
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