ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2010Honorarreform: Großes Plus reicht nicht für jeden

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Honorarreform: Großes Plus reicht nicht für jeden

PP 9, Ausgabe April 2010, Seite 161

Korzilius, Heike; Rieser, Sabine

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LNSLNS Das Honorar der Vertragsärzte und -psychotherapeuten lag im ersten Halbjahr 2009 um 6,4 Prozent höher als im selben Zeitraum 2008. Doch es gibt Verlierer: bei den Kassenärztlichen Vereinigungen, bei den Arztgruppen und einzelnen Ärzten.

Es gibt mehr, aber nicht für jeden: Am 1. März hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die erste offizielle Bilanz der Honorarreform vorgelegt. Ausgewertet wurden die Abrechnungsdaten des ersten Halbjahrs 2009. Danach erhöhte sich das Honorar der circa 150 000 Vertragsärzte und -psychotherapeuten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 924 Millionen Euro auf 15,47 Milliarden Euro (+6,4 Prozent).

Zwar steht damit insgesamt mehr Geld zur Verfügung als zuvor. Allerdings profitieren nicht alle Ärzte und Psychotherapeuten gleichermaßen von den Zuwächsen. „Es gibt Gewinner und Verlierer“, heißt es in der KBV-Auswertung. Und zwar auf allen Ebenen: bei den KVen, bei den Arztgruppen und innerhalb der Arztgruppen. Dafür ist in erster Linie die seit der Reform einheitliche Verteilung der Honorare anhand von Regelleistungsvolumen verantwortlich.

Zuwächse und Einbußen
So erzielten elf KVen überdurchschnittliche Zuwächse, darunter Sachsen-Anhalt (17,4 Prozent), Niedersachsen (17,1 Prozent) und Hamburg (15,1 Prozent). Dagegen mussten die KVen in Baden-Württemberg und Bayern ein Minus von 4,1 beziehungsweise 0,5 Prozent verkraften. Bei den Arztgruppen sieht es ähnlich aus. Während Internisten ohne Schwerpunkt und Nervenärzte im Durchschnitt Honorarsteigerungen von 30,7 beziehungsweise 23,7 Prozent verzeichnen konnten, mussten Orthopäden Einbußen von 3,4 Prozent hinnehmen.

Erkennbar ist anhand der Daten auch, dass den Ärzten in einigen KVen sinkende Regelleistungsvolumen zugeteilt wurden. Das hat der KBV zufolge mehrere Gründe: Einige KVen haben im ersten Quartal 2009 zu wenig Geld für freie Leistungen zurückgestellt, die im Rahmen der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung ohne Mengenbegrenzung zu festen Preisen vergütet werden. Sie mussten mithin dafür mehr Geld auszahlen – Geld, das in den Folgequartalen für die Finanzierung der Regelleistungsvolumen fehlt.

KBV will gegensteuern
Nach den Berechnungen beläuft sich die Unterdeckung derzeit bundesweit auf 210 Millionen Euro. Am stärksten betroffen sind die KV Hamburg, die 46,9 Millionen Euro mehr an die Ärzte ausschütten musste als geplant, und die KV Nordrhein, bei der sich der Betrag auf 46 Millionen Euro summierte. Allerdings wird bereits gegengesteuert: KBV und Krankenkassen verhandeln im Bewertungsausschuss darüber, die freien Leistungen in der Menge zu begrenzen. Einzelne KVen wie zum Beispiel Nordrhein haben damit, in Absprache mit den Krankenkassen im Land, schon begonnen. Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KV Hessen hat jüngst einen Beschluss gefasst, der in dieselbe Richtung geht. In Bayern und Baden-Württemberg wiederum sind die Gesamtvergütungen geschrumpft, weil diese dort um Leistungen aus den Hausarztverträgen nach § 73 b SGB V bereinigt wurden.

Unter dem Strich bedeutet das alles: Wenn wieder mehr regionale Absprachen getroffen werden wie in Nordrhein und die Anzahl der Selektivverträge steigt, wird es in Zukunft noch schwerer sein, die Auswirkungen der jüngsten Honorarreform in den einzelnen Bundesländern zu vergleichen. Von den großen Zielen der Reform – Transparenz, gleiche Vergütung gleicher Leistungen, planbare Honorare – entfernt man sich damit ebenfalls weiter.

Über Gewinner schweigt man
Das liegt nicht nur am nachvollziehbaren Wunsch nach regionalen Spielräumen oder an Mechanismen wie dem Fremdkassenzahlungsausgleich zwischen den KVen, mit dem berücksichtigt wird, dass Brandenburger sich häufig in Berlin oder Niedersachsen in Bremen behandeln lassen, sondern auch daran, dass über Gewinner der Honorarreform ungern offen gesprochen wird – bald stehen schließlich Wahlen im KV-System an.
Heike Korzilius, Sabine Rieser

@Weitere Tabellen zur Honorarentwicklung unter www.aerzteblatt.de/10374
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