ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2010Suizidprophylaxe in der DDR: Auf verlorenem Posten

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Suizidprophylaxe in der DDR: Auf verlorenem Posten

PP 9, Ausgabe April 2010, Seite 168

Grashoff, Udo

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LNSLNS Schon in den 60er Jahren gab es in der DDR Betreuungsstellen für Suizidpatienten. Durch den Einfluss der SED auf Medizin und Wissenschaft unterlagen jedoch sowohl die Suizidforschung als auch Präventionsangebote politischen Restriktionen.

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Die Frage, ob und in welchem Umfang man Selbsttötungen vermeiden kann, ist bis heute umstritten. Einig sind sich die Experten darin, dass ein in vielen Kulturen anzutreffendes Tabu im Umgang mit Suizid diese Aufgabe zusätzlich erschwert. In der DDR verstärkte sich das Problem zudem durch eine politisch diktierte Tabuisierung (1). Allerdings waren die Beschränkungen im Umgang mit Selbsttötungen nicht konstant, sondern wurden mehrfach verschärft oder gelockert, was zeitweise auch Handlungsspielräume für Psychiater und Psychologen eröffnete.

Bis Mitte der 50er Jahre konnte über das Suizidgeschehens in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise DDR nur spekuliert werden. Dann jedoch erschien 1956 das erste Statistische Jahrbuch der DDR mit den Suizidzahlen seit 1946. Mit einer Rate von knapp 30 Selbsttötungen pro 100 000 Einwohner pro Jahr lag die DDR im internationalen Vergleich im Spitzenfeld, aber die Tendenz war rückläufig: Seit 1946 war die Rate um 25 Prozent gesunken, was Sozialhygieniker der DDR als Erfolg des sozialistischen Aufbaus interpretierten. Demgegenüber warnten einige Psychiater, nicht darauf zu vertrauen, dass sich das „Selbstmordproblem“ von selbst lösen würde, und forderten eine spezifische Prophylaxe.

Der Mauerbau beendete die öffentliche Suiziddiskussion
Die Idee, Suizide gezielt zu verhüten, war nicht neu, aber sie war nach dem Zweiten Weltkrieg durch Erwin Ringel als medizinisches Problem neu formuliert worden. Er arbeitete mit der Beschreibung eines „präsuizidalen Syndroms“ die Erkennbarkeit von Suizidgefahr nicht nur theoretisch heraus – in Wien wurden Suizidpatienten seit 1948 nachbetreut, um Rezidive zu verhindern. In der Folgezeit entstanden weltweit Einrichtungen zur Suizidprävention. In der DDR hingegen blieb es bei Überlegungen. Mit dem Mauerbau 1961 endete die Offenlegung der Statistiken, die zwar weiterhin erstellt, aber penibel unter Verschluss gehalten wurden. Angesichts der nun wieder ansteigenden Selbsttötungsraten wünschte die SED-Führung überhaupt keine Diskussionen zur Suizidproblematik mehr, was sich auch in einem Rückgang entsprechender Publikationen äußerte.

Gleichwohl etablierte zur gleichen Zeit, als in Berlin, Magdeburg und Dresden über Suizidprophylaxe diskutiert wurde, ein Psychologe in der Kleinstadt Görlitz die erste Betreuungsstelle für Suizidgefährdete in der DDR. Der Kreis Görlitz wies eine überdurchschnittlich hohe Selbsttötungsrate auf, was Erwin F. Wiele Ende der 50er Jahre veranlasste, in Eigeninitiative eine Beratungs- und Betreuungsstelle zu schaffen. In Zusammenarbeit mit der chirurgischen Klinik und der Kriminalpolizei erfasste Wiele alle Patienten, die einen Suizidversuch unternommen hatten, und bestellte diese in größeren Abständen in seine Praxis beziehungsweise organisierte Besuche von Fürsorgerinnen. Wieles Suizidbetreuung existierte bis Mitte der 60er Jahre und wurde 20 Jahre später angesichts der mittlerweile noch gestiegenen Selbsttötungsziffern von Wolfgang Hasenfelder erneut etabliert.

Die verschärfte Tabuisierung der Suizidthematik nach dem Mauerbau beendete auch eine wissenschaftliche Ost-West-Debatte über die Ursachen der im Vergleich zur Bundesrepublik um etwa 50 Prozent höheren Selbsttötungsrate in der DDR. Im Jahr 1990 flammte diese Debatte wieder auf, wobei sich zeigte, dass das wichtigste Ergebnis der Forschungen um 1960 in Vergessenheit geraten war: Die relativ hohe Selbsttötungsrate der DDR ging nämlich nicht, wie vielfach vermutet, auf das Konto der SED-Diktatur, sondern war im Kern ein Resultat langfristiger regionaler Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Eigentlich hätte sich die SED mit diesen Forschungsergebnissen gegen westliche Vorwürfe entlasten können. Da sich jedoch im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft im Jahr 1960 und nach dem Mauerbau 1961 ganz offensichtlich politisch motivierte Selbsttötungen häuften, beschloss der Ministerrat die Geheimhaltung der Daten, um, wie es damals hieß, dem „Klassenfeind keine Munition zu liefern“.

Erst Ende der 60er Jahre, als die Selbsttötungsraten wieder sanken, begann man erneut suizidprophylaktische Aktivitäten zu verstärken. Zunächst wiederum in lokaler Eigeninitiative durch den Dresdner Psychiater Ehrig Lange, der 1967 eine Betreuungsstelle für Suizidgefährdete einrichtete. Lange war zuvor nach Wien gefahren, um Erfahrungen der dortigen suizidpräventiven Tätigkeit unter Erich Ringel zu nutzen. Seine Betreuungsstelle an der Medizinischen Akademie Dresden existiert bis heute. Sie löste die bisher übliche Praxis, Suizidpatienten erst unmittelbar vor ihrer Entlassung durch einen Psychiater begutachten zu lassen (um das Vorliegen psychischer Erkrankungen zu prüfen), durch eine gezielte Betreuung des Patienten ab. Die personelle Einheit von Konsiliararzt und anschließendem Therapeuten habe durch den sehr schnellen Kontakt das Gelingen einer Kurztherapie (Krisenintervention) begünstigt, erinnern sich Ehrig Lange und der langjährige Leiter der Betreuungsstelle Werner Felber. Unmittelbar nach ihrer Rettung waren die Suizidpatienten für diese Behandlung am zugänglichsten. Statt die ursächlichen sozialen oder intrapsychischen Konflikte mit Medikamenten zu überdecken, sahen die Psychiater ihre Aufgabe in einer „helfenden zwischenmenschlichen Begegnung“ und der „Einbeziehung umfassender sozial wirksamer Maßnahmen“. Neben dem Arzt war in der Betreuungsstelle auch eine Fürsorgerin angestellt, die sich um soziale Belange wie Arbeit, Wohnung, Krippenplatz et cetera kümmerte und gegebenenfalls auch Gespräche mit Familienangehörigen und Arbeitskollegen führte.

Betreuungsstellen scheitern an fehlenden Kapazitäten
Die Dresdner Initiative blieb nicht die einzige. Ende 1968 gelang es, im Ge­sund­heits­mi­nis­terium eine planmäßige flächendeckende Suizidprävention in der gesamten DDR anzuregen. Entsprechend sollte in der DDR ein Netz von Betreuungsstellen entstehen. Praktisch scheiterte dieses Vorhaben jedoch an fehlenden Kapazitäten. Nur in Brandenburg konnte der Psychiater Helmut F. Späte eine weitere Betreuungsstelle für Suizidgefährdete aufbauen, die bis Ende der 70er Jahre arbeitete. Dennoch galt die Tatsache, dass das Ministerium für Gesundheitswesen überhaupt in der Sache aktiv geworden war, als Signal für einen offeneren Umgang mit dem Tabuthema, und das nicht nur im medizinischen Bereich. So rechtfertigte sich die erste evangelische Telefonseelsorge der DDR, die 1969 in Halle/Saale eingerichtet wurde, gegen staatliche Anfeindungen mit dem Verweis auf aktuelle Bemühungen des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums um Suizidprävention.

Die Blüte der DDR-Suizidforschung
Anfang der 70er Jahre nahm die Suizidforschung in der DDR einen spürbaren Aufschwung. Die Betreuungsstellen in Dresden und Brandenburg spielten hierbei eine zentrale Rolle. Aber auch in Berlin, Magdeburg, Rostock, Halle, Erfurt, Neubrandenburg, Wismar und selbst im Zentralen Lazarett der Nationalen Volksarmee in Bad Saarow wurde zum Thema Suizid geforscht.

Auf dem Jahreskongress 1972 der Akademie für ärztliche Fortbildung der DDR zeigten sich die Leiter der beiden Betreuungsstellen für Suizidgefährdete, Helmut Kulawik und Helmut F. Späte, zuversichtlich, dass eine institutionalisierte Suizidprophylaxe möglich sei. Gleichzeitig forderten sie bessere Publikationsmöglichkeiten über den engen Rahmen medizinischer Fachzeitschriften hinaus. „Um das Gebäude der Suizidprophylaxe sicher aufzubauen, muss eine weitere tragende Säule eingefügt werden: die Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit“, forderte Helmut F. Späte. Damit stießen die Psychiater jedoch an eine Beschränkung, die von der SED-Führung nur sehr widerwillig ge-lockert wurde.

Beiträge zum Thema Suizid in den Medien wurden bis auf ganz wenige Ausnahmen unterbunden, wenn sie nicht schon vorher der Selbstzensur zum Opfer gefallen waren. Lediglich der Belletristik kam die Rolle einer Ersatzöffentlichkeit zu, und so wurde das Thema Selbsttötung im Verlauf der 70er Jahre in der DDR-Literatur schrittweise enttabuisiert. Dies gipfelte darin, dass auch SED-treue Autoren wie Gunter Görlich und Erik Neutzsch über Suizide schrieben. Görlichs 1977 publizierter Roman „Eine Anzeige in der Zeitung“ – die Darstellung eines Selbsttötungsfalls an einer DDR-Schule – wurde von der Volksbildungsministerin Margot Honecker breit propagiert. Görlich hatte es verstanden, die gesellschaftskritische Potenz des Falls durch eine letztlich pathologische Motivierung des Suizids zu entschärfen. Bei der SED-Führung bestand knapp zwei Jahre nach der öffentlichen Selbstverbrennung von Pfarrer Brüsewitz in Zeitz offenbar großer Bedarf, sich in dieser Hinsicht zu entlasten. Das als politische Protestaktion geplante und durchgeführte Fanal hatte auch die Frage nach politischen Ursachen von Selbsttötungen in der DDR erneut aufgeworfen.

Die Kehrseite der kontrollierten Enttabuisierung des Suizidthemas in der DDR-Belletristik war jedoch eine restriktive Beschränkung der Publikationsmöglichkeiten für die wenigen Suizidforscher der DDR. Zur gleichen Zeit, als viele Lehrer der DDR in Vorbereitung des VIII. Pädagogischen Kongresses Görlichs Roman lasen, erhielten Suizidforscher ihre eingereichten Manuskripte von medizinischen Fachzeitschriften mit fadenscheinigen Begründungen zurück. Dissertationen wurden mit Geheimhaltungsgraden versehen, in sogenannte Giftschränke von Bibliotheken verbannt und waren so nicht einmal Fachkollegen zugänglich. Erst Ende der 80er Jahre verbesserten sich die Publikationsmöglichkeiten für mit der Suizidproblematik befasste DDR-Mediziner wieder.

Verschleierung bis zur Unkenntlichkeit
Aber selbst in der Blütephase der medizinischen Suizidologie der DDR in den 70er Jahren unterlag die Forschung strengen Restriktionen. Argwöhnisch wurde bei allen Publikationen darauf geachtet, dass keine Angaben zur Häufigkeit von Selbsttötungen enthalten waren. Da es in der DDR keine soziologische Suizidforschung gab, waren es Psychiater wie Helmut F. Späte, die versuchten, durch epidemiologische Analysen besonders betroffene Gebiete zu identifizieren. Ein 1978 veröffentlichter Aufsatz über „Wohngebiet und suizidale Handlungen“ zeigt, auf welche Verzerrungen sich die Suizidforschung in der DDR einlassen musste, um überhaupt publizieren zu dürfen. Die Frage nach einem Einfluss des Städtebaus auf die Selbsttötungsrate hatte in der DDR politische Brisanz, kursierten doch Gerüchte, dass Suizide in Neubaugebieten besonders häufig sein würden. Brigitte Reimann hatte das in ihrem Roman „Franziska Linkerhand“ thematisiert, wobei die betreffenden Stellen jedoch von der Zensur gestrichen und erst nach 1990 in der vollständigen Ausgabe nachlesbar waren.

Der Versuch von Späte und Mitarbeitern, sich dem Problem durch wissenschaftliche Analyse zu nähern, konnte zwar veröffentlicht werden, man musste den Aufsatz aber sehr gründlich lesen, um das Dementi zu entdecken: Aus der Aussage, dass Suizide im Altstadtviertel häufiger als in anderen Wohngebieten waren, ergab sich indirekt, dass das untersuchte Neubaugebiet keine höhere Suizidrate aufwies. Hier bestand aus Sicht der SED eigentlich kein Grund, dies zu verheimlichen; trotzdem gab es selbst in medizinischen Fachzeitschriften zwischen 1979 und 1988 restriktive Publikationsbeschränkungen – die SED-Führung wollte das Thema totschweigen.

Ein Beispiel aus dem Jahr 1982 illustriert die allgemeine Situation. Als bekannt wurde, dass der Gerichtsmediziner Friedrich Wolff einen Vortrag über „Untersuchungen zum Suizidgeschehen in Magdeburg von 1881–1982“ halten wollte, wurde ihm per Anruf aus dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium eindringlich nahegelegt, dies nicht zu tun. Dennoch referierte er vor Ärzten, Kriminalisten und Juristen über die Entwicklung der Suizidhäufigkeit in den letzten 100 Jahren. Angesichts des politischen Drucks aus Berlin verzichtete er jedoch darauf, seine Ergebnisse zu publizieren.

Bemerkenswert ist, dass die mit Suizid befassten Mediziner der DDR – selbst wenn sie sich wie Helmut Kulawik als Marxisten verstanden – sehr pragmatisch mit den Theorien von westdeutschen Forschern umgingen. Auch in Zeiten verstärkter Tabuisierung brachen Kontakte zum Westen nie vollständig ab. Da es für DDR-Wissenschaftler nicht möglich war, ungehindert zu reisen, und da bundesdeutsche Suizidforscher nicht in die DDR kommen durften, trafen sich Suizidologen aus Ost und West ab 1984 alle zwei Jahre im ungarischen Szeged zu wissenschaftlichen Tagungen. Im Frühjahr 1989 gelang es den Dresdner Suizidforschern um Werner Felber sogar, eine internationale Suizid-Tagung durchzuführen – damals noch ein halblegales Unternehmen, an dem westdeutsche Kollegen nur teilnehmen konnten, weil ihr aktueller Arbeitsort in der Schweiz beziehungsweise in Österreich lag. Dabei zeigte sich, dass in der Suizidforschung der DDR trotz ihrer Abschottung und Verinselung durchaus auch bemerkenswerte wissenschaftliche Beiträge entstanden waren. Beispielsweise wurde in der Dresdner Betreuungsstelle eine Typologie parasuizidalen Verhaltens entwickelt, die eine differenzierte Behandlung von Suizidpatienten ermöglichte.
Udo Grashoff


Anschrift des Verfassers
Dr. Udo Grashoff, Holbeinstraße 73, 04229 Leipzig
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1.
Felber W; Lange E: 30 Jahre Betreuungsstelle für Suizidgefährdete – mit einer Bibliografie, in: Suizidprophylaxe 25 (1998) 4: 133–40.
2.
Späte HF, Otto K-R, Kursawe H, Klein M: Wohngebiet und suizidale Handlungen, in: Zeitschrift für die gesamte Hygiene 24 (1978) 12: 948–56. MEDLINE
3.
Wiele EF: Sozialpsychologische Erfahrungen aus der Betreuung Suizidgefährdeter, in: Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie 15 (1963): 36–9.
4.
Grashoff U: „In einem Anfall von Depression . . .“ Selbsttötungen in der DDR, Berlin 2006.
1. Felber W; Lange E: 30 Jahre Betreuungsstelle für Suizidgefährdete – mit einer Bibliografie, in: Suizidprophylaxe 25 (1998) 4: 133–40.
2. Späte HF, Otto K-R, Kursawe H, Klein M: Wohngebiet und suizidale Handlungen, in: Zeitschrift für die gesamte Hygiene 24 (1978) 12: 948–56. MEDLINE
3. Wiele EF: Sozialpsychologische Erfahrungen aus der Betreuung Suizidgefährdeter, in: Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie 15 (1963): 36–9.
4. Grashoff U: „In einem Anfall von Depression . . .“ Selbsttötungen in der DDR, Berlin 2006.

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