ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2010Entgeltsystem: Vergütung an die klinische Realität anpassen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Fazit: „Der neue Entgeltkatalog nicht schlechter als das bestehende System, aber auch nicht besser.“ Und der „Verwaltungsaufwand, der um circa 40 Prozent zunehmen werde“? Den werden wohl einmal mehr die noch klinisch tätigen Ärzte klaglos mittragen. Bisherige Berichte lesen sich zu harmlos. Die negativen Auswirkungen für die Versorgung psychisch Kranker werden nicht erkannt – oder sollen nicht erkannt werden. Kritische Nachfragen und Proteste unerwünscht. Und es sind nicht nur der ambulante Bereich oder sektorübergreifende Ansätze nicht berücksichtigt.

Die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) hat eine sehr praxisnahe sechsseitige Auflistung von Basisleistungen der Gerontopsychiatrie veröffentlicht, die sich nicht in den „25-Minuten-Therapieeinheiten“ des OPS fassen lassen, aber doch den Kern (geronto-) psychiatrischer Arbeit ausmachen.

Stellt man diese Auflistung den bisher veröffentlichten sogenannten Komplexcodes und Codierrichtlinien gegenüber, wird schnell deutlich, dass sich eine lebendige, humane und an fachlichen Standards orientierte Psychiatrie nie und nimmer mit einem solchen praxisfernen, am grünen Tisch ersonnenen und einzig auf Schematisierung und Kostenkontrolle ausgerichteten Entgeltsystem wird umfassend darstellen lassen, es sei denn, man räumte diesen Basisleistungen gegenüber den OPS-Ziffern einen Anteil von über 90 Prozent am Klinikbudget ein.

Umgekehrt lässt die Einführung eines solchen Systems befürchten, dass wesentliche und unverzichtbare Teile unserer psychiatrischen Arbeit – da im neuen Entgeltsystem nicht dargestellt und somit nicht vergütet – schlicht entfallen oder umsonst erbracht werden müssten.

Also sollte man meines Erachtens daraus den einzig konsequenten Schritt ableiten und die Einführung eines solchen pauschalierenden Entgeltsystems aus fachlicher Sicht unisono ablehnen.

Denn: Das Ganze der Psychiatrie ist wesentlich mehr als die Summe seiner – gewaltsam in die 25-Mi-nuten-Taktung gepressten – Teile. Nicht psychiatrische Behandlung hat sich dem Entgeltsystem, sondern ein Vergütungssystem hat sich klinischen Realitäten und fachlichen Vorgaben anzupassen. Der immense personelle und finanzielle Aufwand für die Implementierung eines solchen Entgeltsystems geht vollständig zulasten der ohnehin schon unter immer schwierigeren Bedingungen zu erbringenden therapeutischen Arbeit mit dem Patienten.

Immer weiter sich aufblähende Bürokratie und ausufernde Dokumentationspflichten nähren lediglich entsprechende staatliche Institutionen sowie Heerscharen kommerzieller Beratungsfirmen und entziehen so Versichertengelder der eigentlichen Patientenversorgung.

Kontrollwahn und Misstrauens(un)kultur, die sich in derartigen Entgeltsystemen manifestieren, demotivieren die in der Psychiatrie Tätigen und beschleunigen noch – gerade im ärztlichen Bereich – die Abstimmung mit den Füßen, weg aus unserem Fachgebiet und aus der kurativen Medizin insgesamt.

Es darf nicht wieder einmal mehr von fachlicher Seite aus nur um marginale Modifikationen einer grundsätzlich praxisuntauglichen Fehlkonstruktion gehen. Stattdessen ist öffentlich wahrnehmbarer Protest gegen die völlige Demontage und Öko­nomi­sierung unserer stationären psychiatrischen Versorgung gefragt.

Ein konstruktiver Gegenvorschlag könnte eine Weiterentwicklung und vorsichtige Ausdifferenzierung der Psychiatrie-Personalverordnung mit ihrer Klassifizierung von Behandlungsbereichen und Patientengruppen und der berufsgruppenspezifischen Zuschreibung von Minutenwerten sein. Der hierfür erforderliche Aufwand würde sich im klinischen Routinebetrieb darauf beschränken können, jeden einzelnen Patienten an jedem Behandlungstag einer am Behandlungsaufwand orientierten Kategorie zuzuordnen. Eine detailliertere Leistungserfassung (auch in sogenannten Komplexen) wird entweder zu aufwendig geraten oder das Wesentliche der klinischen Psychiatrie nicht ausreichend erfassen und honorieren können.
Dr med. Johannes Ullrich, Facharzt für Psychiatrie/Psychotherapie, 75365 Calw-Hirsau
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige