ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2010Psychotherapie: Plädoyer für eine reflexive Haltung

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Psychotherapie: Plädoyer für eine reflexive Haltung

PP 9, Ausgabe April 2010, Seite 183

Gerlach, Alf

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Die Arbeit, entstanden aus der Dissertation des Autors, ist eine empirisch-qualitative Studie in der Tradition von Alfred Lorenzers Tiefenhermeneutik. Dabei werden narrative Interviews, hier mit vier türkischstämmigen Psychotherapiepatienten und vier deutschen Psychotherapeuten, eingehend untersucht und nach darin vorherrschenden Konflikttypen gegliedert. Dabei bildet der manifeste, transkribierte Text der Interviews nur eine erste Schicht, die nach unbewusstem Abwehren hin untersucht wird, woraus dann ein unbewusster und verdrängter Gehalt des Textes zu entschlüsseln versucht wird.

Der Leser kann die einzelnen Untersuchungsschritte am ausgebreiteten Textmaterial gut nachvollziehen und dann auch der von Gün vorgelegten sprachpsychologischen, kulturwissenschaftlichen, ethnologischen und tiefenpsychologischen Perspektive folgen. Dabei wird deutlich, zu welchen tiefgreifenden Missverständnissen es zwischen einheimischen Therapeuten und ausländischen Patienten kommen kann. Denn die kulturelle, ethnische und sprachliche Zugehörigkeit setzt schon in frühesten kindlichen Entwicklungsschritten Bedingungen, nach denen sich die Persönlichkeit, die innere Struktur und die kulturspezifischen Abwehrprozesse auf beiden Seiten richten. Im therapeutischen Alltag, in der Begegnung zwischen Patient und Therapeut, kann es dann zu tiefwirkenden Missverständnissen kommen. Der ungarische Ethnopsychoanalytiker George Devereux hat diese auf das kulturelle Unbewusste zurückgeführt, das sich in der Regel einer systematischen Bearbeitung in der therapeutischen Begegnung entzieht, diese aber entscheidend beeinflusst. Der Autor plädiert aufgrund seiner Forschungsergebnisse für eine besondere reflexive Haltung der Therapeuten im Kontakt mit fremdsprachigen Patienten, die er als „interkulturelle therapeutische Kompetenz“ zu fassen versucht.

Gün ergänzt seine Fallstudien und mit theoretischen Überblicken zur Geschichte der Arbeitsmigration, zur psychosozialen Versorgung und Krankheit, zur Familienstruktur türkischstämmiger Migranten und zum Verhältnis von Islam und Krankheit und deren Auswirkungen auf psychotherapeutische Zugangswege. Alf Gerlach

Ali Kemal Gün: Interkulturelle Missverständnisse in der Psychotherapie. Gegenseitiges Verstehen zwischen einheimischen Therapeuten und türkeistämmigen Klienten. Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 2007, 310 Seiten, kartoniert, 29 Euro
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