ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2010Traumatherapie: Erkenntnisse auf hohem Niveau

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Traumatherapie: Erkenntnisse auf hohem Niveau

PP 9, Ausgabe April 2010, Seite 184

Koch, Joachim

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Frei von der Leber weg schreibt der erfahrene Traumatherapeut über seine Erfahrungen mit Klienten und stellt dabei zugleich theoretische Erkenntnisse auf hohem Niveau und auf eine gut verständliche Weise dar. Der Autor will allerdings Konzeptansätzen, wie dem von Marsha M. Linehan, keine Konkurrenz machen. Er verdeutlicht, dass eine erfolgreiche Traumatherapie zweierlei leisten muss: Sie muss dem Patienten Wissen vermitteln zu Fragen wie „Was ist und wie entsteht eine traumatische Erfahrung?“, „Welche Konsequenzen hat das für meinen Körper und meine Seele?“ und „Wie kann ich mir das erklären, was ich da in mir spüre und fühle?“. Der zweite Baustein ist eine schonende, nicht erneut traumatisierende Aufarbeitung der Erlebnisse. Dies soll nach einer Phase ausreichender Stabilisierung stattfinden.

Der Neurologe und Psychotherapeut Jochen Peichl macht den Leser mit dem Konzept der verschiede-nen Selbst-Anteile vertraut. Weil es verschiedene Selbst-Anteile gibt, sind Distanzierungen und Regulationen möglich. Das gilt besonders für unangenehme Gefühle. Der Autor stellt fest, dass viele Menschen in seiner klinischen und ambulanten Arbeit von einem häufig quälenden Gefühl innerer Unruhe berichten, dass immer spürbar ist, von einem Getriebensein und einer inneren Rastlosigkeit. Patienten mit einer schweren Traumafolgestörung nach traumatischen Kindheitserfahrungen klagen darüber, dass sie sich nach einer kurzen Stressbelastung im Alltag nicht schnell wieder „herunterregeln“ können. Es gelingt ihnen nicht, sich von dem eben Erlebten zu distanzieren. Verarbeitungsstörungen können nach massiven traumatischen Stresssituationen auftreten oder nach Vertrauenserschütterungen in wichtigen Beziehungen. Unter traumatischen Lebensereignissen sind neben den großen katastrophalen (sexuelle Übergriffe, Gewalterfahrungen, schwere Vernachlässigung) auch „small-t-Erfahrungen“ zu verstehen. Dabei handelt es sich um verbal missbräuchliche Situationen, ständig nörgelnde Kritik und Entwertung durch Erwachsene oder das Gefühl, als Kind immer ausgegrenzt zu sein. Als Folge von früh wiederkehrender emotionaler, sexueller und körperlicher Gewalt entstehen neurobiologische Defizite, die zu Problemen in der Stress-, Spannungs- und Emotionsregulation führen. Deshalb ist die Entwicklung von Selbstregulation und -selbstfürsorge von entscheidender Bedeutung. Diese beiden Punkte gehören zu einem positiven Selbstwertgefühl.

Konzepte der Traumatherapie haben in den letzten Jahren alte Weisheiten der fernöstlichen Meditation und des Yoga übernommen. Der Autor betont die Kultivierung positiver Gefühle und weist auf die Bedeutung von Achtsamkeitsübungen hin. Bei Übungen zur inneren Achtsamkeit soll eine Beobachterposition eingenommen werden. Wenn es gelingt, beispielsweise das Gefühl der eigenen Wut zu beobachten, kann die Erfahrung gemacht werden, mehr zu sein als die eigene Wut. Gedanken und Gefühle werden wahrgenommen und in einem weiteren Schritt benannt. Die sorgfältig etikettierten Gedanken fangen von selbst an, sich zu beruhigen und sind ein wesentlicher Schritt hin zu mehr Selbstkontrolle.

Der Autor ermutigt, auch andere dissoziative Techniken zu erlernen, um bei sehr hoher Belastung durch Stress schnelle Orientierung im Hier und Jetzt zu finden. Der Autor erklärt, dass bei einer Dissoziation, die durch ein Trauma ausgelöst wird, unerträgliche Gefühle in einem emotional-physiologischen Prozess abgespalten werden. An einem Fallbeispiel zeigt er die therapeutische Teile-Arbeit nach einem Schocktrauma und erläutert die drei grundlegenden Prinzipien dieser Arbeit. Im Abschlusskapitel des Buches wird das Thema Sucht behandelt. Joachim Koch

Jochen Peichl: Jedes Ich ist viele Teile.
Die inneren Selbst-Anteile als Ressource nutzen. Kösel, München 2010, 160 Seiten, gebunden, 15,95 Euro
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