ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2010Realismus: Das Abenteuer der Wirklichkeit

KULTUR

Realismus: Das Abenteuer der Wirklichkeit

PP 9, Ausgabe April 2010, Seite 185

Jaeschke, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Ausstellung, die zurzeit in der Kunsthalle Emden zu sehen ist, präsentiert einen Überblick über realistische Strömungen vom späten 19. Jahrhundert bis zu aktuellen Beiträgen in der Fotografie und Malerei.

Edward Hopper ist für eine Realismusausstellung unentbehrlich.Sein Großstadtgenre-Bild „Hotel Lobby“ aus dem Jahr 1943 wurde aus den USA ausgeliehen. Foto: dpa
Edward Hopper ist für eine Realismusausstellung unentbehrlich.
Sein Großstadtgenre-Bild „Hotel Lobby“ aus dem Jahr 1943 wurde aus den USA ausgeliehen. Foto: dpa
Diese Ausstellung ist einzigartig und überfällig. Einzigartig, weil noch nie eine Ausstellung den Realismus in der bildenden Kunst seit Prägung des Begriffs durch Gustave Courbet im Jahr 1855 in allen seinen Facetten bis zur Gegenwart dargelegt hat, und überfällig, weil realistische Tendenzen in der Ausstellungsszene bisher weitgehend ausgegrenzt wurden. In acht Kapiteln präsentiert die großzügig gehängte Ausstellung, die zurzeit in der Kunsthalle Emden zu sehen ist, einen Überblick über realistische Strömungen vom späten 19. Jahrhundert bis zu aktuellen Beiträgen in der Fotografie und Malerei. Vertreten sind circa 100 Künstler mit etwa 200 Kunstwerken.

Edward Hopper (1892–1967) ist für eine Realismusausstellung mittlerweile unverzichtbar. Das typische Großstadtgenre-Bild „Hotel Lobby“ von 1943 mit seiner kinematografischen Anmutung musste aus den USA ausgeliehen werden. In Europa gibt es kein einziges Museum, das zu Lebzeiten des Malers Interesse an einem seiner Werke gehabt hätte. In den Zeiten der damals speziell in Deutschland propagierten Abstraktion als Weltsprache der Kunst waren Hoppers Bilder unzeitgemäß, später jedoch unbezahlbar. Für die Kunst nach 1945 wird in der Ausstellung die wichtige Rolle der Hamburger Künstlergruppe „Zebra“ mit ihrem in den 60er Jahren als Gegenbewegung zum Informell begründeten Neuen Realismus gewürdigt. Mit Dieter Asmus ist zwar nur einer der drei „Zebra“-Maler vertreten, aber dafür steuert Asmus mit dem Porträt eines Laborarztes, „Froschtest (Dr. Rock)“, eines der Highlights der Ausstellung bei.

Bereits bei der Eröffnung entwickelte sich das imposante in den Jahren 1998 bis 2008 nach unzähligen selbst vorgenommenen Luftaufnahmen und Skizzen entstandene Gemälde „Landschaft an der Emscher“ von Heiner Altmeppen zu einem Publikumsmagneten. In einem langwierigen Arbeitsprozess hat der Künstler eine prototypische Ideallandschaft des Ruhrgebiets komponiert. Alles Zufällige, Untypische ist einer radikalen Formreduktion unterworfen worden, und damit unterscheidet sich Altmeppen, und in gleichem Maß auch Bernd Schwering, für den ähnliche Kriterien gelten, von den amerikanischen Fotorealisten, die ihre Schnappschüsse eins zu eins auf riesige Leinwände übertragen.

Mit dieser Ausstellung ist Nils Ohlsen, Leiter der Kunsthalle Emden, und Christiane Lange, Direktorin der Hypo-Kulturstiftung, München, eine epochale Ausstellung gelungen. Bei so viel Lob muss eine kritische Bemerkung erlaubt sein. In seinem Einführungstext subsumiert Ohlsen die DDR-Malerei pauschal unter dem Begriff sozialistischer Realismus. Entsprechend ist nur ein Bild („Frauen bei der Feinmontage“) eines DDR-Malers in der Ausstellung vertreten. Spätestens seit der Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg“ (DÄ, Heft 49/2009) sollte dieses westdeutsche Vorurteil ausgeräumt sein.
Dr. med. Helmut Jaeschke


Informationen
Die Ausstellung „Realismus – Das Abenteuer der Wirklichkeit“ ist bis zum 24. Mai in der Kunsthalle Emden und vom 11. Juni bis zum 5. September in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, zu sehen. Danach geht sie noch weiter in die Kunsthalle Rotterdam. Der Ausstellungskatalog, 300 Seiten, kostet im Museum 25 Euro.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema