ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2010Evaluation medizinischer Notaufnahmen

MEDIZIN: Editorial

Evaluation medizinischer Notaufnahmen

The Evaluation of Emergency Admissions

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(15): 259-60; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0259

Werdan, Karl

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Konzept „Notaufnahme“ ist im Wandel. Während die Notaufnahme früher nicht selten ein wenig geliebtes Anhängsel der großen Fächer der Krankenhausmedizin war, das die Dienstärzte der Kliniken „nebenbei“ mitzuversorgen hatten, werden heute zunehmend unabhängige Notaufnahme-Kliniken etabliert und deren Vorzüge gepriesen. Innerhalb dieser Bandbreite gibt es alle Schattierungen (13). Man verwendet viel Mühe und Zeit darauf, die Vorteile des einen und die Nachteile des anderen Konzeptes aufzuzeigen, und verständlicherweise spielen häufig auch Kostenüberlegungen bei der Wahl eines Modells eine wichtige Rolle (4, 5). Was allerdings bisher viel zu kurz gekommen ist, sind adäquate Untersuchungen, die die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der einzelnen Notaufnahmemodelle miteinander vergleichen (6, 7). Sowohl die prähospitale als auch die hospitale Notfallmedizin haben im Hinblick auf ihre Forschungsaktivität noch erhebliche Defizite (8). Demzufolge ist jede Form der Notfallmedizin-Forschung sehr zu begrüßen, dies gilt auch für den Beitrag von Dormann und Koautoren in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (9).

Schlüsselindikatoren
Dormann et al. (9) beschreiben das Spektrum von Patienten, die innerhalb von zwölf Monaten in der medizinischen Notaufnahme einer deutschen Universitätsklinik behandelt wurden. Mit Unterstützung der zur Verfügung stehenden Informationssysteme des Kli-nikums wird eine differenzierte und informative Aufschlüsselung der Patientendaten vorgenommen. Schlüsselindikatoren der Analyse sind dabei die diagnostische Übereinstimmung (dÜ) von Aufnahmediagnose in der Notaufnahme und Entlassungsdiagnose aus dem Klinikum und die diagnostische Effizienz (dEff) (dEff = dÜ × 100/Aufenthaltsdauer in Minuten).

Die standardmäßigen Ergebnisse dieser Studie sind mit denen aus der Literatur vergleichbar und sollen hier nur kurz angesprochen werden: In zwölf Monaten wurden 6 683 Patienten behandelt, davon 64,6 % stationär weiterversorgt, inklusive der 14 % auf der Intensivstation. Vergleichbar mit Literaturdaten waren auch Krankheitsspektrum, Tages- und Wochenrhythmik sowie die diagnosebezogene Aufenthaltsdauer. Spannend und innovativ sind vor allem die Ergebnisse für die von den Autoren neu kreierten Qualitätsindikatoren: die diagnostische Übereinstimmung (dÜ) lag für das Gesamtkollektiv bei 0,71 und die diagnostische Effizienz (dEff) – bei einer mittleren Aufenthaltsdauer von 116 Minuten – bei 0,61/min. Die dÜ war mit 0,92 am höchsten für Patienten mit Vorhofflimmern/-flattern und die dEff mit 0,85/min für Patienten mit akutem Myokardinfarkt. Dormann und Koautoren (9) schlussfolgern aus ihrer Untersuchung, dass Kennzahlen und Qualitätsindikatoren einer Notaufnahme transparent dargestellt und die diagnostische Übereinstimmung (dÜ) sowie die diagnostische Effizienz (dEff) als Parameter zur diagnosebezogenen und abteilungsinternen Qualitätsbeurteilung herangezogen werden können. Diesen Aussagen der Autoren kann man nur voll zustimmen: Ein weiterer Schritt hinsichtlich der Offenlegung der Prozessqualität einer Notaufnahme ist damit getan.

Neue Fragen
Jede gute Untersuchung bringt üblicherweise neue Fragen hervor, davon ist auch die Studie von Dormann et al. (9) nicht ausgenommen:

Natürlich kann man überlegen, ob dÜ und dEff die besten Qualitätsindikatoren für die Diagnostik-Aufgaben einer Notaufnahme sind. Eine klare Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Eines erscheint jedoch plausibel: Die Verknüpfung der Diagnosesicherheit und der Zeitdauer bis zur Diagnosestellung produziert einen Mehrwert hinsichtlich der Qualitätssicherung im Vergleich zu den Einzelparametern.

Die prospektive Validierung dieser retrospektiv gefundenen Indikatoren muss abgewartet werden, und natürlich würde man sich für eine diagnostische Effizienz auch lieber einen „Prozentsatz des Optimalwertes“ anstelle eines „min-1“-Wertes wünschen. Vielleicht können die Autoren darüber ja nachdenken.

Die Effizienz einer Notaufnahme ausschließlich an der Zahl der richtig gestellten Diagnosen und der diagnostischen Liegedauer zu messen, erschiene allerdings zu kurz gegriffen, und das postulieren die Autoren auch nicht: Zum einen ist es häufig nicht Aufgabe der Notaufnahme, die definitive Diagnose zu stellen, sondern nur eine Verdachtsdiagnose mit weiterführenden diagnostischen und/oder therapeutischen Konsequenzen. Zum anderen darf man nicht vergessen, dass in der Notaufnahme auch wichtige Notfall-Therapie-Maßnahmen stattfinden sollten, wie zum Beispiel die leitliniengemäße Gabe eines Antibiotikums bei Sepsisverdacht innerhalb der ersten Stunde (10). Insofern spiegelt dEff „nur“ die diagnostische Komponente der Notaufnahmetätigkeit wider, nicht die mindestens ebenso wichtige therapeutische. Aber was könnte die Notfallmediziner abhalten der diagnostischen Effizienz dEff die krankheitsspezifische therapeutische Effizienz tEff zur Seite zu stellen? Das Tor ist geöffnet. Hier wäre der anzustrebende Weg aber sicherlich ein koordiniertes und standardisiertes Vorgehen gemeinsam mit den zuständigen Fachgesellschaften. Dies erscheint besonders wichtig.

Ein Schritt nach vorn
Dormann und Koautoren haben einen wichtigen Schritt hinsichtlich der Prozessqualitäts-Dokumentation der Notfallmedizin nach vorne getan. Sie haben praktikable Qualitätsindikatoren retrospektiv erarbeitet und vorgeschlagen, die die Arbeit auf einer Notaufnahme transparenter und damit vergleichbarer machen können, und das ist wichtig. Insofern darf man Dormann und Koautoren zu ihrer Arbeit gratulieren und den Autoren eine lebhafte Leserdiskussion und einen regen Gedankenaustausch mit den Kolleginnen und Kollegen und den Fachgesellschaften wünschen.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne des International Committee of Medical Journal Editors besteht.


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Karl Werdan
Universitätsklinik und Poliklinik für Innere Medizin III
Universitätsklinikum Halle (Saale) der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Ernst-Grube-Straße 40, 06120 Halle (Saale)
E-Mail: karl.werdan@medizin.uni-halle.de

The Evaluation of Emergency Admissions
Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2010; 107(15): 259–60
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0259

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Hogan B, Brachmann M: SWOT-Analyse einer zentralen Notaufnahme mit Analyse der Erfolgspotentiale. Notfall Rettungsmed 2009; 12: 256–60.
2.
Pietsch C, Bernhard M, Gries A: Die Interdisziplinäre Notfallaufnahme in Deutschland – eine Herausforderung für die Zukunft. Intensiv- und Notfallbehandlung 2010; 35(1): 3–15.
3.
Zimmermann H, Exadaktylos A, Brodmann M: Die interdisziplinäre Notfallstation. In: Madler C, Jauch K-W, Werdan K, Siegrist J, Pajonk F-G (eds.): Akutmedizin – die ersten 24 Stunden. Das NAW-Buch. München: Elsevier Urban & Fischer 2009; 115–31.
4.
Fleischmann T, Walter B: Interdisziplinäre Notaufnahmen in Deutschland: Eine Anlaufstelle für alle Notfälle. Dtsch Arztebl 2007; 104: A 3164–6. VOLLTEXT
5.
Stürmer KM: Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Zur Problematik zentraler Notaufnahmen. Med Klinik 2007;102: 180–1.
6.
Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutscher Notärzte (agswn), Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM), Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND), Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), Deutsche Gesellschaft für Chir-urgie (DGCH), Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK), Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC), Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU): Eckpunktepapier zur notfallmedizinischen Versorgung der Bevölkerung in Klinik und Präklinik. Notfall Rettungsmed 2008; 11: 421–2.
7.
Metzner J: Krankenhausplanung für die Notfallbehandlung in Hessen. Notfall Rettungsmed 2009; 10: 437–40.
8.
Wenzel V, Böttinger BW, Spöhr F: Wissenschaft in der Notfallmedizin. In: Madler C, Jauch K-W, Werdan K, Siegrist J, Pajonk F-G (eds.): Akutmedizin – die ersten 24 Stunden. Das NAW-Buch. München: Elsevier Urban & Fischer 2009; Kap. 105, 1–12 online.
9.
Dormann H, Diesch K, Ganslandt T, Hahn EG: Numerical parameters and quality indicators in a medical emergency department [Kennzahlen und Qualitätsindikatoren einer medizinischen Notaufnahme.] Dtsch Arztebl Int 2010; 107(15): 261–7
10.
Müller-Werdan U, Wilhelm J, Hettwer S, Nuding S, Ebelt H, Werdan K: Spezielle Aspekte beim Sepsispatienten. Initiale Phase in der Notaufnahme, Lebensalter, Geschlecht. Internist 2009; 50: 828–40. MEDLINE
Universitätsklinik und Poliklinik für Innere Medizin III Universitätsklinikum Halle (Saale) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Prof. Dr. med. Werdan
1. Hogan B, Brachmann M: SWOT-Analyse einer zentralen Notaufnahme mit Analyse der Erfolgspotentiale. Notfall Rettungsmed 2009; 12: 256–60.
2. Pietsch C, Bernhard M, Gries A: Die Interdisziplinäre Notfallaufnahme in Deutschland – eine Herausforderung für die Zukunft. Intensiv- und Notfallbehandlung 2010; 35(1): 3–15.
3. Zimmermann H, Exadaktylos A, Brodmann M: Die interdisziplinäre Notfallstation. In: Madler C, Jauch K-W, Werdan K, Siegrist J, Pajonk F-G (eds.): Akutmedizin – die ersten 24 Stunden. Das NAW-Buch. München: Elsevier Urban & Fischer 2009; 115–31.
4. Fleischmann T, Walter B: Interdisziplinäre Notaufnahmen in Deutschland: Eine Anlaufstelle für alle Notfälle. Dtsch Arztebl 2007; 104: A 3164–6. VOLLTEXT
5. Stürmer KM: Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Zur Problematik zentraler Notaufnahmen. Med Klinik 2007;102: 180–1.
6. Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutscher Notärzte (agswn), Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM), Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND), Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), Deutsche Gesellschaft für Chir-urgie (DGCH), Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK), Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC), Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU): Eckpunktepapier zur notfallmedizinischen Versorgung der Bevölkerung in Klinik und Präklinik. Notfall Rettungsmed 2008; 11: 421–2.
7. Metzner J: Krankenhausplanung für die Notfallbehandlung in Hessen. Notfall Rettungsmed 2009; 10: 437–40.
8. Wenzel V, Böttinger BW, Spöhr F: Wissenschaft in der Notfallmedizin. In: Madler C, Jauch K-W, Werdan K, Siegrist J, Pajonk F-G (eds.): Akutmedizin – die ersten 24 Stunden. Das NAW-Buch. München: Elsevier Urban & Fischer 2009; Kap. 105, 1–12 online.
9. Dormann H, Diesch K, Ganslandt T, Hahn EG: Numerical parameters and quality indicators in a medical emergency department [Kennzahlen und Qualitätsindikatoren einer medizinischen Notaufnahme.] Dtsch Arztebl Int 2010; 107(15): 261–7
10. Müller-Werdan U, Wilhelm J, Hettwer S, Nuding S, Ebelt H, Werdan K: Spezielle Aspekte beim Sepsispatienten. Initiale Phase in der Notaufnahme, Lebensalter, Geschlecht. Internist 2009; 50: 828–40. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema