ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2010Medizinstudium: Auf der Suche nach „guten“ Ärzten

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Medizinstudium: Auf der Suche nach „guten“ Ärzten

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): A-688 / B-600 / C-592

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Die Abiturnote soll künftig bei der Vergabe von Studienplätzen kaum noch eine Rolle spielen. So der Vorschlag von Bundes­gesund­heits­minister Rösler. Die Fakultäten können jedoch bereits heute 60 Prozent der Studierenden nach eigenen Kriterien auswählen.

Foto: dpa
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Abiturnote, Medizinertest oder Auswahlgespräch: Nach welchen Kriterien sollen Studienplätze vergeben werden? Diese Frage dürfte den bundesweit circa 1 500 Erstsemestern, die im April ihr Medizinstudium begonnen haben, erst einmal egal sein. Denn sie haben es geschafft. Und das können nicht alle Bewerber von sich behaupten. Zum Sommersemester 2010 kamen fast elf Bewerber auf einen Studienplatz. An der Kölner Universität beispielsweise musste man einen Notendurchschnitt von 1,2 vorweisen, um über die Abiturbestenquote einen Platz zu bekommen. Zum Wintersemester ist die Situation wegen der höheren Zahl der Plätze in der Regel zwar entspannter (Grafik 1), doch spätestens seitdem Bundes­gesund­heits­minister Philipp Rösler (FDP) die Debatte um den Numerus clausus (NC) angestoßen hat, reißt die Kritik am Auswahlkriterium Abiturnote nicht ab.

Für Rösler ist die Sache klar: Ob jemand ein guter Arzt wird, entscheidet sich nicht anhand seines Notendurchschnitts. Auch die Fähigkeit zur menschlichen Zuwendung sei wichtig. „Deswegen plädiere ich für eine Abschaffung des Numerus clausus und für eine stärkere Berücksichtigung von Auswahlgesprächen.“ Rösler kann sich außerdem vorstellen, Studienplätze bevorzugt an Bewerber zu vergeben, die sich verpflichten, nach dem Studium als Landarzt zu arbeiten.

Unterstützung bekam Rösler vom Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Auch er forderte, zur Abiturnote müssten weitere Kriterien hinzukommen. Hoppe hatte sich bereits mehrfach dafür ausgesprochen, auch Sozialkompetenz und die Begeisterung für den Arztberuf stärker zu berücksichtigen. „Wir brauchen einfach mehr junge Leute, die bereit sind, sich den Patienten zu widmen“, sagte Hoppe mit Blick auf den Ärztemangel und die Abwanderung von jungen Ärzten in andere Berufsfelder.

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) begrüßte Röslers Vorschläge, sieht sie aber nur als einen Teil eines Maßnahmenpakets. Vor allem müsse der Arztberuf attraktiver werden, damit wieder mehr Absolventen in die Patientenversorgung gingen. Angesichts des hohen Frauenanteils müsse zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden. Um das Problem des Hausärztemangels zu lösen, ist es für die KBV sinnvoll, Medizinstudierende in den Regionen anzuwerben, wo sie sich niederlassen sollen. Denn Studien zeigten, dass sich Ärzte in erster Linie in ihrer Heimatregion eine Praxis eröffneten.

Aber kann sich ein 18-Jähriger festlegen, in jedem Fall Landarzt zu werden? Dominique Ouart, Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), glaubt das nicht. Es gebe im Studium viele Faktoren, die die Wahl der Facharztrichtung beeinflussten. „Das ist auch ein wichtiger Kontrollmechanismus, dass man seine einmal getroffene Entscheidung immer wieder hinterfragen kann“, sagt Ouart. Eine Abschaffung des NC hält der bvmd-Präsident nicht für sinnvoll. Schon jetzt hätten die Hochschulen die Möglichkeit, einen Großteil der Studierenden selbst auszuwählen. „Dies sollte noch an wesentlich mehr Universitäten genutzt werden“, fordert Ouart.

Seit 2005 können sich die Fakultäten im Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) 60 Prozent ihrer Studierenden selbst aussuchen (Grafik 1) – zum Beispiel mit naturwissenschaftlichen Tests und Interviews. In Baden-Württemberg müssen die Bewerber beispielsweise wieder den Medizinertest absolvieren. Auch Berufspraxis und soziales Engagement werden mancherorts berücksichtigt. Allerdings sind die Fakultäten bei der Wahl ihrer Kriterien nicht frei. Die Gesetzgebung einiger Bundesländer verlangt, dass die Abiturnote auch bei den AdH den Ausschlag gibt. Dennoch: An einigen Hochschulen ist es durchaus möglich, mit einem mittelmäßigen Abitur eine Chance zu bekommen. So liegt die Notengrenze für die Auswahlverfahren in Greifswald, Ulm und an der Freien Universität Berlin bei 2,5.

Nicht alle Hochschulen zeigen aber Interesse an eigenen Bewerbungsverfahren. Zehn Fakultäten – also rund ein Drittel – richteten sich im Wintersemester 2009/10 immer noch ausschließlich nach den Resultaten im Abitur und ließen die AdH-Plätze von der ZVS verteilen. Zu ihnen zählt die medizinische Fakultät der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Hier scheut man den zeitlichen Aufwand. Mit den vorhandenen Personalkapazitäten sei es kaum möglich, Gespräche mit Hunderten von Interessenten durchzuführen, erklärt Prof. Dr. rer nat. Wolfgang Dott, Prodekan für Studium und Lehre. „Für uns ist es wichtiger, unsere Zeit für gute Lehre einzusetzen.“ Durch die Umstellung des Curriculums an der RWTH auf einen Modellstudiengang und den damit verbunden Kleingruppenunterricht sieht er für ein aufwendiges Auswahlverfahren keine Ressourcen.

Außerdem darf ein Auswahlverfahren juristisch nicht anfechtbar sein. Das ist für Dr. Volker Hildebrandt, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT), ein entscheidendes Problem. Die Standorte, die auf eigene Bewerberauswahl verzichteten, seien vor allem die, die besonders von Klagen betroffen seien. „Die Freiheit der Fakultäten endet da, wo die Studienplatzklagen beginnen“, kritisiert er. Zurzeit seien bundesweit etwa 20 000 solcher Verfahren anhängig.

Die Abiturnote ist für Hildebrandt im Prinzip kein schlechtes Kriterium für die Studienplatzvergabe. „Nach der Datenlage korreliert die Abiturnote am besten mit den Ergebnissen im Staatsexamen“, sagt er. Mit circa fünf Prozent sei die Abbrecherquote in der Medizin niedriger als in allen anderen Studienfächern. Dass der NC in Verbindung mit dem Ärztemangel auf dem Land gebracht wird, ist für ihn nicht nachvollziehbar. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass schlechtere Durchschnittsnoten zu besseren Ärzten führen.“

Dem Nachwuchsmangel will Minister Rösler nicht nur mit der Landarztquote und neuen Auswahlkriterien begegnen. Auch die Zahl der Studienplätze soll erhöht werden. Und in der Tat ist die Zahl der Medizinstudierenden seit den 1990er Jahren deutlich gesunken (Grafik 2). Das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) sei hier auf dem richtigen Weg, lobte Rösler. Der NRW-Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte im Vorfeld der Landtagswahl bereits angekündigt, 100 neue Medizinstudienplätze schaffen zu wollen. Als Standort ist eine neue medizinische Fakultät in Bielefeld vorgesehen. Die Ärztekammer Westfalen-Lippe begrüßte die Ankündigung Pinkwarts. Nach Ansicht von Kammerpräsident Dr. med. Theodor Windhorst ist dieser Schritt dringend notwendig, um dem Ärztemangel in der Region Ostwestfalen entgegenzuwirken. Studenten ließen sich meist in einem Umkreis von 100 Kilometern rund um ihren Studienort nieder.

MFT-Generalsekretär Hildebrandt hält hingegen die bestehende Anzahl an Studienplätzen für ausreichend. Neue Fakultäten sind für ihn nicht zielführend, sondern in erster Linie mit hohen Kosten verbunden.Besser sei es, bestehende Standorte auszubauen.
Dr. med. Birgit Hibbeler


Röslers Plan
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP) will den Zugang zum Medizinstudium ändern:

• Neues Zulassungsverfahren: Die Abiturnote soll nicht mehr das zentrale Kriterium sein. Auswahlgespräche sollen eine größere Rolle spielen.

• Landarztquote: Ein Teil der Studienplätze soll vorab an die Bundesländer gehen, insbesondere an Flächenländer. Diese könnten dann zum Beispiel Bewerber bevorzugen, die sich auf dem Land niederlassen wollen.

• Mehr Studienplätze: Die Zahl der Medizinstudierenden soll steigen. In welcher Größenordnung, ließ Rösler offen.
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