ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2010Interview mit Jörg Arnold, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Ärzteversicherung: „Wir machen im dritten Jahr in Folge hohe Verluste“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Jörg Arnold, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Ärzteversicherung: „Wir machen im dritten Jahr in Folge hohe Verluste“

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): A-695 / B-602 / C-594

Flintrop, Jens; Korzilius, Heike

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LNSLNS Die Deutsche Ärzteversicherung hat die Prämien für die Arzthaftpflicht im Schnitt verdoppelt. 65 000 niedergelassene Ärzte sind davon betroffen. Der Vorstand des Marktführers erläutert die Gründe.

Jörg Arnold ist seit Anfang 2010 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Ärzteversicherung. Der 45-Jährige arbeitet seit 1991 im Axa-Konzern.
Jörg Arnold ist seit An­fang 2010 Vor­stands­vor­sitzender der Deut­schen Ärzte­ver­siche­rung. Der 45-Jährige arbeitet seit 1991 im Axa-Konzern.
Viele Ärztinnen und Ärzte müssen sich mit zum Teil drastischen Prämiensteigerungen bei ihrer Arzthaftpflicht abfinden. Warum? Und warum gerade jetzt?

Arnold: Wir verlieren mit der Sparte „Arzthaftpflicht“ nachhaltig Geld. Wir haben Schadensquoten, die um die 200 Prozent liegen. Das heißt, wir nehmen 1 000 Euro ein und geben 2 000 Euro für die Schadensregulierung aus. Das Geschäft ist hochgradig defizitär. Weil wir schon im dritten Jahr in Folge diese hohen Verluste machen, mussten wir jetzt reagieren. Wir haben deshalb im letzten Jahr unseren Tarif neu kalkuliert.

Sie sagen, Sie schreiben seit drei Jahren rote Zahlen. Was war denn vorher anders?
Arnold: Wir haben es insgesamt im Bereich der Arzthaftpflicht mit einer Erhöhung der Entschädigungssummen zu tun. Nur ein Beispiel: Ein Orthopädieschaden mit Knieversteifung und einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 40 Prozent erreichte 1998 eine Schadenshöhe von 110 000 Euro, 2008 lag die Schadenshöhe bei 450 000 Euro.

Wer sind denn die Kostentreiber?
Arnold: Da gibt es mehrere. Ein Kostentreiber ist der medizinische Fortschritt, ein anderer sind die Verdienstausfallschäden, mit denen wir immer häufiger konfrontiert werden. Vor zehn, 20 Jahren ging es eher um die medizinische Nachbehandlung von Fehlern. Heute ist der größte Aufwandsposten bei Großschäden in der Regel der Verdienstausfall.

Sie versichern 180 000 Ärzte und sind damit Marktführer. Welche Versicherten sind denn in erster LInie von den Prämiensteigerungen betroffen?
Arnold: Von der Umstellungswelle betroffen sind im Kern die niedergelassenen Ärzte. Es gibt ein paar angestellte Ärzte, die auch außerhalb ihres Krankenhausvertrags noch freiberuflich tätig sind. Die sind ebenfalls betroffen. Das ist aber ein einstelliger Prozentsatz. Wir sind aktuell mit 65 000 niedergelassenen Ärzten im Dialog.

Fotos: Eberhard Hahne
Fotos: Eberhard Hahne
Auf welcher Basis kalkulieren Sie Ihre Tarife? Welche Risiken fließen ein?
Arnold: Wir unterteilen in Fachrichtungen und schauen uns dann sehr genau an, welche Tätigkeiten der einzelne Arzt ausübt.

Bei Augenärzten differenzieren wir bei der Prämienkalkulation zum Beispiel danach, ob sie LASIK-Operationen durchführen oder nicht. Denn diese Behandlungen sind sehr schadensträchtig. Wir wollen natürlich, dass die Augenärzte, die das nicht machen, entsprechend niedrigere Prämien zahlen.

Ein gutes Beispiel sind auch die Gynäkologen. Gynäkologen ohne Geburtshilfe sind preislich sehr unauffällig. Da haben wir am Tarif nicht viel verändert. Explodiert im Preis sind die niedergelassenen Gynäkologen, die auch geburtshilflich tätig sind. Das sind etwa 1 000 in Deutschland. Deren Prämien sind aktuell von rund 13 000 Euro jährlich auf gut 40 000 Euro gestiegen. Die Gynäkologen mit Geburtshilfe sind im Grunde genommen die schadensexponierteste Fachrichtung.

Aber den Gynäkologen unterlaufen doch nicht mehr Fehler als anderen Ärzten?
Arnold: Sicher nicht. Aber ihre Fehler sind besonders teuer. Problematisch sind die Großschäden – das sind Schäden, die sich auf mehr als 150 000 Euro belaufen. Im letzten Jahr mussten wir 140 Großschäden neu anlegen. Deren Schadensaufwand allein summierte sich auf 75 Millionen Euro. Daran sehen Sie, dass das Problem nicht so sehr dar-in besteht, dass die Ärzte ständig Schäden verursachen. Das Problem ist, dass für die in Deutschland zum Glück sehr seltenen Großschadensereignisse sehr hohe Entschädigungssummen fällig werden.

Welche Fehler lagen den 140 Großschäden zugrunde, und welche Fachgruppen haben diese hauptsächlich verursacht?
Arnold: Sie können das nicht an einzelnen Fachrichtungen festmachen. Klar ist natürlich, dass der Gynäkologe mit Geburtshilfe ein großes Risiko darstellt. Aber die zweitstärkste Fachgruppe, gemessen an der Zahl der Schäden, sind die Allgemeinmediziner.

Als ganz großes Risiko hat sich hier der Befunderhebungsmangel entwickelt. Ein klassischer Fall: Ein Patient kommt mit Schmerzen zum Arzt, der Arzt diagnostiziert eine Entzündung an einer Gliedmaße. Ein Jahr später stellt sich heraus, dass es keine Entzündung war, sondern ein Karzinom. Der Patient muss sich einer Operation unterziehen, die ihn sehr stark mit Nebenwirkungen belastet. Er macht gegen den Arzt einen Schaden geltend, weil dieser das Karzinom ein Jahr zuvor nicht entdeckt hat, obwohl das durch geeignete diagnostische Verfahren möglich gewesen wäre. Mit anderen Worten: Die Diagnostik war nicht umfangreich genug. Das ist natürlich eine Situation, die beim Allgemeinmediziner immer wieder vorkommen kann.

„Wir schauen uns die Tätigkeit des einzelnen Arztes sehr genau an.“
„Wir schauen uns die Tätigkeit des einzelnen Arztes sehr genau an.“
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Wie groß ist denn der Unmut der Ärzte über die Prämiensteigerungen?
Arnold: Wenn ich einem Allgemeinarzt mitteile, dass wir seinen Tarif verdoppeln müssen – er zahlte bisher im Durchschnitt 350 Euro und demnächst 770 Euro –, sagt der natürlich: „Moment mal, ich bin seit Jahren völlig schadensfrei tätig und habe immer meine Prämie gezahlt. Jetzt kommt doch bitte nicht zu mir mit einer Prämienerhöhung.“ Das kann ich natürlich aus seiner Sicht nachvollziehen. Das Problem ist schwer zu vermitteln. Denn rein statistisch gesehen verursacht der einzelne Arzt nur alle 28 Jahre einen Schaden – und das ist dann noch kein Großschaden.

Aber wir versichern das Kollektiv und müssen mit 500 000 Euro den Schaden regulieren, den sein Kollege verursacht hat. Bei den Allgemeinmedizinern machen 0,9 Prozent der Schäden 55 Prozent des Gesamtaufwands aus.

Der Ärger der Ärzte kommt also bei Ihnen an?
Arnold: Natürlich beschweren sich Einzelne. Gemessen an der Zahl der betroffenen Ärzte sind das aber vergleichsweise wenige. Meistens beschweren sich die Ärzte darüber, dass die Erhöhungen ohne Vorankündigung erfolgen. Dafür sind allerdings nicht wir zuständig, sondern diese Aufgabe obliegt unseren Vertriebspartnern. Insgesamt stoßen wir auf viel Verständnis.

Einer unserer Leser ist so aufgebracht, dass er Ihnen unterstellt, Sie wollten das ganze Geschäftsfeld abstoßen . . .
Arnold: Wir reklamieren für uns, dass wir der Standesversicherer sind. Wir möchten das Geschäftsfeld nicht abstoßen. Wir können es aber nur betreiben, wenn es profitabel ist. Wenn Sie dauerhaft knapp neunstellige Minusbeträge erwirtschaften, dann gibt es keinen Aktionär auf dieser Welt, der Ihnen weiterhin das erforderliche Risikokapital zur Verfügung stellt.

Wenn Schadenssummen und Prämien sich in ungeahnte Höhen schrauben und Ärzte bestimmte Behandlungen nicht mehr durchführen, weil sie sich ihre Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten können, wird das zum gesellschaftlichen Problem. Wo ist da der Ausweg?
Arnold: Uns wäre es wichtig, hier in Deutschland das Geschäft auskömmlich hinzubekommen. Wenn das nicht gelingt, müssen sich andere Lösungen finden. Im europäischen Ausland gibt es teilweise staatliche Lösungen wie in Schweden. In Frankreich wird ein Basisschutz vom Staat beschrieben.

Das heißt, die teuren Schäden übernimmt der Steuerzahler?
Arnold: Genau. Einen Teil der Schäden übernimmt der Staat. Wir glauben aber, dass eine privatwirtschaftliche Lösung die effizienteste ist. Wir wollen nicht der Spezialist sein, der nur noch einen Teil der Deckung übernimmt. Wir wollen den Ärzten einen umfassenden Schutz anbieten.

Sie verstehen sich als Standesversicherer der Ärzteschaft. Worin äußert sich das?
Arnold: Wir arbeiten sehr eng mit der Ärzteschaft zusammen. Wir versuchen, über Schadensursachen zu berichten und in einen konstruktiven Dialog darüber einzutreten, was man tun kann, um Schäden zu verhindern. Natürlich können wir nicht sagen, wie man die ärztliche Behandlung optimiert. Wir sind Versicherer und Kaufleute. Wir können aber Hinweise geben, indem wir beispielsweise über Schadensmuster berichten, oder darüber, wie die Organisation einer Arztpraxis verbessert werden könnte.

Was könnte man denn dort verbessern?
Arnold: Die Dokumentation. Das eine ist, den Patienten zu behandeln, das andere ist, das, was man getan hat, richtig zu dokumentieren. Viele niedergelassene Ärzte dokumentieren zwei, drei Sätze auf einer Karteikarte. Aber für die seltenen Fälle von Großschäden muss man gewappnet sein.

Das Gespräch führten Jens Flintrop und Heike Korzilius.

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