ArchivDeutsches Ärzteblatt15/20101989/1990 – 2009/2010 – 20 Jahre Deutsche Einheit: Aufbruch nach der Wende

THEMEN DER ZEIT

1989/1990 – 2009/2010 – 20 Jahre Deutsche Einheit: Aufbruch nach der Wende

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): A-702 / B-610 / C-602

Jachertz, Norbert; Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Was im Großen geschah, spiegelte sich auch im Kleinen, im Gesundheitswesen, wider: die Ablösung der basisdemokratischen Bewegung durch Übernahme des westdeutschen Systems. Dazu zählt auch die Gründung von Lan­des­ärz­te­kam­mern, Kassenärztlichen Vereinigungen und Ärzteverbänden.

Das Schlösschen Lindstedt in Potsdam sieht heute noch so aus wie vor 20 Jahren, als hier die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Brandenburg als Körperschaft begründet wurde. Die preußisch bescheidene Festveranstaltung am 6. April 2010, anlässlich des Jubiläums, geriet nicht zur Nostalgiestunde, sondern vermittelte Zukunftsoptimismus. Hervorgehoben wurden von KV wie Ärztekammer ihre beispielhaft gute Zusammenarbeit. Die Etablierung von Kammern und Kassenärztlichen Vereinigungen folgte dem westdeutschen Modell. Zur Wende gab es allerdings auch ganz andere Ideen. So tauchte am 13. November 1989 – die innerdeutsche Grenze war erst ein paar Tage offen – ein Dr. med. Michael Burgkhardt beim Deutschlandfunk in Köln auf, den Westlern ein Fremder aus einem unbekannten Land. Er wollte mit dem damaligen Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Karsten Vilmar, über die Ereignisse in der DDR diskutieren. Beide gingen für die Zukunft noch von zwei deutschen Staaten aus, die auf irgendwie zusammenwachsen würden. Folglich erkundigte sich der Besucher aus Leipzig bei der Bundes­ärzte­kammer und dem Marburger Bund auch danach, wie in einer reformierten DDR die ärztliche Selbstverwaltung organisiert werden könnte. Er wollte mit einigen Mitstreitern in Leipzig einen Verband gründen, der alle Arztgruppen vereinen sollte. Parallel dazu arbeitete Prof. Dr. med. Harald Mau in Berlin ebenfalls an einem solchen Unternehmen, Virchow-Bund genannt nach dem berühmten Arzt und Politiker des 19. Jahrhunderts.

Aufbau Ost: Der 105. Deutsche Ärztetag 2002 in Rostock wurde auf einer Schiffswerft in Warnemünde eröffnet. Vor dem fast fertigen Frachter der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Fotos: Bernhard Eifrig
Aufbau Ost: Der 105. Deutsche Ärztetag 2002 in Rostock wurde auf einer Schiffswerft in Warnemünde eröffnet.
Vor dem fast fertigen Frachter der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe.
Fotos: Bernhard Eifrig
Ein Verband für alle?
Die Anfänge des Virchow-Bundes lagen, wie Mau erläutert, in der Endphase der DDR, wenn auch Vereinsgründungen offiziell nicht erlaubt waren. Ohnehin „machte sich über die Struktur der Ärzteschaft in der DDR keiner Gedanken“, sagt er. Die Ärzte seien in der Gewerkschaft organisiert gewesen, eine Reihe in der SED. Die Gründer des Virchow-Bundes hatten zunächst allein das Ziel, die Bevormundung „durch Leute, die von nichts eine Ahnung hatten“ zu beenden und als Ärzte und Ärztinnen ihre Interessen selbst zu vertreten.

Die Leipziger bewegten ähnliche Ideen. Doch wollten sie „nicht wieder was von Berlin übergestülpt haben“, meint Burgkhardt heute mit einem Seitenhieb auf den Virchow-Bund. Zunächst sah es so aus, als ob ein eigener, basisdemokratisch fundierter Leipziger Verband Chancen hätte. Doch rasch tummelten sich im Osten auch die bekannten West-Verbände wie der Marburger Bund, der Hartmannbund und der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands (NAV). Bei der Gründungsversammlung des Leipziger Verbandes in spe am 8. März 1990 machte der Marburger Bund mit Hilfe seiner Strategen aus dem Westen das Rennen. Burgkhardt fühlte sich damals „völlig überrannt“.

Mau hingegen hatte schon am 3. Februar 1989 erfolgreich mit einer Reihe von Kollegen den Virchow-Bund gegründet. Er sollte auch unter den neuen Verhältnissen Erprobtes aus der DDR bewahren. Nicht alle Regionen machten bei den Berlinern gleichermaßen mit. Auch das Einsickern der westlichen Verbände konnte der Virchow-Bund nicht aufhalten. Er trat die Flucht nach vorn an und tat sich „unter Gleichen“, wie Mau betont, mit dem NAV zusammen. Mitgespielt hat dabei wohl auch, dass dem NAV der Ruf voranging, ein wenig links, sprich: der SPD zugeneigt, zu sein. Und so entstand und lebt bis heute der NAV-Virchow-Bund.

Indirekt hat der Virchow-Bund bei der Gründung von Ärztekammern mitgespielt. Allein schon deshalb, weil dank seiner ein lockeres Netz von berufspolitisch interessierten Ärzten existierte. So stützte sich auch Dr. med. Roger Kirchner auf Virchow-Bund-Leute. Kirchner war einer der Initiatoren der brandenburgischen Ärztekammer.

Per Zufall erreichte ihn 1990 eine Einladung, im Saarland ein Krankenhaus zu besuchen. Weil gleichzeitig der Saarländische Ärztetag stattfand, informierte sich Kirchner auf der Reise auch über die Grundzüge der ärztlichen Selbstverwaltung. „Und auf der Heimfahrt konzipierte ich im Zug den Aufbau einer Ärztekammer im Land Brandenburg“, erinnert er sich.

Mit einigen Kollegen gründete er innerhalb von sechs Wochen, am 16. Juni 1990, die Ärztekammer als Verein. Der führte zusammen mit regionalen Initiativgruppen Wahlen im Land Brandenburg durch. Am 29. September 1990 konstituierte sich die erste Kammerversammlung in Cottbus.

Kirchner war dort zu Hause. Sein Sprechzimmer wurde die erste Kammergeschäftsstelle, in der zugleich Niederlassungs- und Finanzierungsberatungen der Standesbank stattfanden. Außerdem konnte man sich auf einige Verwaltungsfachleute des sich auflösenden Cottbuser Instituts für Sozialhygiene stützen. Kammersitz ist bis heute Cottbus.

Dank solcher Zufälle sitzen auch die Lan­des­ärz­te­kam­mern von Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen nicht in der jeweiligen Landeshauptstadt. Statt Schwerin ist Kammersitz der Ersteren Rostock, die Heimat von Dr. med. Andreas Crusius, Präsident von Anbeginn an. Die Thüringer Kammer residiert in Jena, wo im Klinikzimmer des inzwischen verstorbenen Prof. Dr. med. Eggert Beleites alles begann, statt in Erfurt.

Dass Kammersitz und Landeshauptstadt in Sachsen und Sachsen-Anhalt identisch sind, auch das liegt an „Männern der ersten Stunde“: Prof. Dr. med. Walter Brandstädter und Prof. Dr. med. Heinz Diettrich. Brandstädter leitete schon zu DDR-Zeiten ein Institut für Blutspende- und Transfusionswesen an der Magdeburger Medizinischen Akademie. Diettrich arbeitete als chirurgischer Oberarzt in einer Dresdener Klinik.

In Chemnitz, Dresden und Leipzig hätten sich „einige Leute kurzgeschlossen und einen Verein gegründet“, erinnert sich Diettrich. Den „Auftrag“, eine Kammer zu gründen, habe ihm Prof. Dr. med. Jürgen Kleditzsch von der benachbarten Orthopädie gegeben, der Ge­sund­heits­mi­nis­ter in der DDR-Regierung von Lothar de Maizière. Diese bereitete nämlich ein DDR-Kammergesetz vor, das dann auch am 13. Juli 1990 in Kraft trat.

„Paten“ aus dem Westen
Rat habe er sich, sagt Diettrich rückblickend, in Baden-Württemberg, Bayern und Hamburg geholt, weil er von ärztlicher Selbstverwaltung noch nichts wusste. Da man keine Ärzteregister vorfand, habe man die Kollegen durch öffentliche Aufrufe gesammelt. Derart mühevoll wurde innerhalb eines Dreivierteljahres ein Arztregister zusammengestellt. Auch in Sachsen entstand die Kammer zunächst als Verein, am 12. Mai 1990. Der 1. Sächsische Ärztetag trat erst nach der Wiedervereinigung zusammen, am 20. und 21. April 1991.

Ob Brandenburg oder Sachsen – in den neuen Ländern liegen die Anfänge der Kammern noch vor der deutschen Einheit, wie auch generell die neuen Länder die Organisation des Gesundheitswesens, einschließlich der Kammergesetze, parallel zu den Verhandlungen über die deutsche Einheit vorantrieben. Ein Zeichen dafür, dass sie lange glaubten, ohne Westvorgaben handeln zu können?

Alle Kammern der neuen Länder stützten sich beim Aufbau der Organisation auf „Paten“ aus dem Westen. Die berieten, schulten Mitarbeiter, informierten auf Versammlungen. Die Kammer Mecklenburg-Vorpommern wurde gar auf zwei Klausurtagungen 1990 in der „Mutterkammer“ Schleswig-Holstein konzipiert.

Über die Gestaltungsmöglichkeiten der neuen Kammern gehen die Meinungen bis heute auseinander. Während Diettrich (Sachsen) und Beleites (Thüringen) sich zufrieden äußerten, ist der Brandenburger Kirchner skeptischer: „Die Mitwirkungsmöglichkeiten waren begrenzt. Bei der Krankenhausplanung saßen wir zum Beispiel am Katzentisch.“ Früh haben die neuen Ärztekammern aber die Deutschen Ärztetage als Forum genutzt. Schon im Mai 1990, die Regierung de Maizière war wenige Wochen im Amt, skizzierte der frisch bestallte DDR-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Kleditzsch anlässlich des Deutschen Ärztetages in Würzburg seine Idee eines dritten Weges. Doch wenig später, in den Verhandlungen zum Einigungsvertrag, akzeptierte Kleditzsch (unter starkem Druck des Westens, argwöhnen manche) das westdeutsche System der Gesundheitsversorgung.

Keimzellen der KV
Für die Kassenärztlichen Vereinigungen der neuen Länder war die Ausgangslage ein wenig anders als für die Kammern. Es gab eine einheitliche gesetzliche Grundlage und eine – allerdings rudimentäre – Organisationsstruktur. Die (erste frei gewählte) DDR-Volkskammer verabschiedete am 13. September 1990 neben einem Krankenkassen-Errichtungsgesetz, das die gegliederte Kran­ken­ver­siche­rung auch in die neuen Länder übertrug, ein Krankenkassen-Vertragsgesetz. Das begründete die KV in jedem der ostdeutschen Länder zumindest formal. Der organisatorische Aufbau brauchte indes Zeit.

Immerhin hatte es beim „Freien Deutschen Gewerkschaftsbund“ der DDR schon Abrechnungsstellen, Überreste der alten Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD), für die wenigen noch verbliebenen niedergelassenen Ärzte gegeben. 1989 waren das nur noch etwas mehr als 300. Zum Vergleich: In den circa 1 650 Polikliniken und Ambulatorien waren zur Wende etwa 16 000 Ärztinnen und Ärzte tätig; sie machten etwa 80 Prozent der 20 500 ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte der DDR aus.

Auf diese Abrechnungsstellen konnten die sich formierenden Kassenärztlichen Vereinigungen schon vor der deutschen Einheit zurückgreifen. Dr. med. Klaus Penndorf, der die Verrechungsstelle der DDR-Bezirke Magdeburg, Halle und Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) leitete und die KV Sachsen-Anhalt mitbegründete, hält die Verrechnungsstellen für die „Keimzellen der KV“.

So wurde auch die KV Brandenburg bei der Jahreshauptversammlung der FDGB-Abrechnungsstelle in Werder (Havel) gegründet, zunächst als Verein. Hilfe kam aus dem Westen. Auf Bundesebene hatten sich alle Kammern und KVen, ähnlich wie auch andere öffentliche Institutionen, auf solche Zusammenarbeit verständigt. Dr. med. Burkhard John, KV-Vorstand aus Magdeburg, erinnert sich an damalige „unzählige Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen“, bei denen sich Kontakte zu Westkollegen ergaben. Partner für Sachsen-Anhalt war das benachbarte Niedersachsen. Um die Selbstverwaltungsstrukturen auf die Beine zu stellen, spannte die KV Sachsen-Anhalt Mitarbeiter des Betriebsgesundheitswesens ein, denn „die hatten immer weniger zu tun“, berichtet John.

Ostdeutsche Interessen
Dank Eigeninitiative und Mithilfe von außen bewältigten die neu entstandenen KVen auch die ab 1991 einsetzende Niederlassungswelle. Dass die medizinische Versorgung nach der Wende „von heute auf morgen unter anderen Zeichen fortgeführt wurde, es keine Versorgungslücken für die Patienten gab, das war schon toll und gelang nur durch den Einsatz der Ärzteschaft“, sagt John.

Die Idee einer Vertretung spezifisch ostdeutscher Interessen ist immer wieder ventiliert – und immer wieder aufgegeben worden. Im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung fungierte immerhin Penndorf aus Magdeburg als Sprecher der Ost-KVen. Kurz nach der Wiedervereinigung schien es sogar, dass sich die KVen der neuen Länder eigenständig zusammentun würden. Denn, so erinnert sich der heutige Brandenburger KV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Hans-Joachim Helming, habe es solchen Streit mit der KBV wegen der Honorierung der ostdeutschen Ärzte gegeben, dass „zwischendurch die Gründung einer Ost-KBV anstand“. Das war 1991, „als die Westkollegen meinten, statt rund zehn Pfennig wie bei ihnen seien 4,5 Pfennig in den neuen Ländern ausreichend“. Man einigte sich schließlich auf 6,1 Pfennige Punktwert.

Zu einer Ost-KBV kam es somit nicht. Immerhin besteht seit 1996 für die etwa 20 000 ostdeutschen Vertragsärzte eine lose „Arbeitsgemeinschaft der Kassenärztlichen Vereinigungen der neuen Länder“, kurz KV-Ost.
Norbert Jachertz, Sabine Rieser

@Zusatzinformationen im Internet unter www. aerzteblatt.de/10702
Leser, die über keinen Internetzugang verfügen, können die Artikel telefonisch anfordern: 030 246267-0.


Anzeige
Zum 100. Ärztetag wieder im Osten
Zu den erfreulichen Folgen der deutschen Einheit zählt, dass der Deutsche Ärztetag seit der Wende auch in den neuen Ländern stattfinden konnte, erstmals 1993 in Dresden. Es folgte 1997 der 100. Deutsche Ärztetag in Eisenach, diesem traditionsreichen Ärztetagsstandort. Das Foto zeugt von der Improvisation der Anfangsjahre. Gleichwohl, die einladende Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen hat die Herausforderung gemeistert (vgl. auch die Erinnerungen von Prof.Dr. Eggert Beleites unter www.aerzteblatt.de/10702). Auf Eisenach folgten in Ostdeutschland die Deutschen Ärztetage in -Cottbus (1999), Rostock (2002) und Magdeburg (2006).

Berlin war seit der Wende Austragungsort von zwei außerordentlichen Ärztetagen (2003 und 2006) sowie einem ordentlichen Deutschen Ärztetag (2005). Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung wird der Deutsche Ärztetag in diesem Jahr wieder zu Gast in Dresden sein.


Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Beginn auf einem Blatt Papier
„Wie eine Kassenärztliche Vereinigung funktioniert, habe ich erst im Mai 1990 erfahren. Beim Deutschen Ärztetag in Würzburg sprach mich ein leitender Mitarbeiter der KV Niedersachsen an und wollte mit mir auf einem karierten Blatt Papier eine KV aufbauen.“

So begann die KV-Gründung in Sachsen-Anhalt der Erinnerung von Dr. med. Klaus Penndorf nach. Penndorf war in der DDR als Chirurg niedergelassen, leitete eine Verrechnungsstelle für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte und den beim FDGB angesiedelten zentralen Honorarausschuss.

Was man in der DDR als Niedergelassener verdiente, warum es Ärger in der KV wegen der frühen Bezahlung der Mitarbeiter auf Westniveau gab und warum Penndorf nie von einem dritten Weg, sondern von einem gemeinsamen träumte, unter www.aerzteblatt.de/10702

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema