ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2010Ärztin auf den Philippinen: „Ich möchte das verdienen, was ich verdiene“

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Ärztin auf den Philippinen: „Ich möchte das verdienen, was ich verdiene“

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): A-708 / B-615 / C-607

Merten, Martina

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Dr. Arlene Guce ist Kinderärztin in Manila. Noch in diesem Jahr will sie – zur Krankenschwester umgeschult – in die USA auswandern. Denn dort erhält sie das Vierfache ihres jetzigen Gehalts.

Eigentlich klingt alles gut. Dr. Arlene Guce ist Kinderärztin. 42 Jahre alt. Sie führt zwei Praxen in Manila – eine auf den Fluren des renommierten Privatkrankenhauses St. Luke’s in Quezon City, die andere inmitten des gehobenen Einkaufsareals Rockwell im Geschäftsviertel Makati. Guce verdient monatlich etwa 1 000 Euro. Damit gehört sie auf den Philippinen der gehobenen Mittelschicht an. Dort leben 30 Prozent der Bevölkerung von weniger als 1,50 Euro täglich. Guce ist dennoch unzufrieden. Denn sie sehnt sich nach einem Leben, wie sie es als Ärztin in einem westlichen Land führen könnte.

In einem Land wie den USA, sagt Guce mit festem Blick, müsste sie nicht mehr bei den Eltern wohnen, um Geld für die Miete zu sparen. Dort könne sie sich als Ärztin ein eigenes Auto und Reisen erlauben. Will Guce aber in ihrem Land ein Auto fahren, auf Reisen gehen oder sich ein kleines Häuschen in einem der besseren Stadtteile Manilas leisten, muss sie noch mehr, noch besser verdienen. Denn die Preise im Millionenmoloch Manila schießen in die Höhe. Sie gleichen sich dem Niveau westlicher Länder zunehmend an. Die Schere zwischen den reichen Familienclans und den vielen Armen des Landes klafft immer weiter auseinander. Ärzte, Lehrer und Rechtsanwälte verlassen das Land, um im Westen ein ihrer Ausbildung entsprechendes Gehalt zu bekommen. Guce will eine von ihnen sein. „Denn ich möchte endlich das verdienen, was ich verdiene“, sagt die Ärztin.

Die 42-Jährige hat 13 Jahre in ihre Aus- und Weiterbildung investiert. Sie bestand sogar im Anschluss an ihr Studium das Examen des US Medical Board. Schließlich habe sie schon damals gewusst, dass sie irgendwann aus Geldgründen ihr Land verlassen werde. Da Guces US-amerikanisches Examen allerdings vor einigen Jahren abgelaufen ist und sie die aufwendige Prüfung nicht wiederholen wollte, absolvierte die Philippinerin eine Ausbildung zur Krankenschwester. Das kostete die Kinderärztin zwar noch einmal 3 700 Euro. Ist sie aber einmal in den USA angekommen, verdient sie als Krankenschwester das Vierfache ihres jetzigen Einkommens als Ärztin auf den Philippinen. Das sei Ansporn genug, meint sie.

Arlene Guce ist kein Einzelfall. Nach Angaben von Dr. Anthony Calibo, Mitarbeiter im Ministerium für Gesundheit der Philippinen, verlassen jedes Jahr mehrere Tausend Ärzte ihre Heimat, um als Krankenschwestern oder -pfleger im Westen mehr Geld zu verdienen. Weil immer mehr Fachpersonal ins Ausland abwandert, sind 800 von 1 800 philippinischen Krankenhäusern von der Schließung bedroht. Das Land verfügt nur noch über 30 000 praktizierende Ärzte, bei 90 Millionen Einwohnern. Da die Geburtenrate auf den Philippinen zu den höchsten in ganz Asien zählt, werden in Zukunft noch mehr Ärzte gebraucht. Ein Teufelskreis, wissen Gesundheitsexperten des Landes.

Mit Hilfe von ausländischen Patienten, die sich auf den Philippinen ärztlich behandeln lassen, hoffte die Regierung, neue Arbeitsplätze zu schaffen und abwanderungswillige Ärzte im Land zu halten. Bislang kämen jedoch nicht genügend Medizintouristen ins Land, räumt Calibo ein.

Auch Guce wurde vor einigen Jahren vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium ermutigt, im Land zu bleiben. Denn ausländische Patienten seien eine gute zusätzliche Einnahmequelle. Guce glaubte von vornherein nicht daran: „Ich bin ja Kinderärztin und nicht ästhetisch-plastische Chirurgin.“

Noch vor Juni dieses Jahres erwartet die Ärztin ihre Lizenz als Krankenschwester in den USA. Anschließend könnte sie als Touristin einreisen, bei ihren Verwandten einziehen und sich dann an einem Krankenhaus bewerben. Hundertprozentig sicher ist Guce sich allerdings noch nicht. Denn obwohl sie so kurz vor ihrem langersehnten Ziel stehe – eines bereite ihr Kopfschmerzen: ihre Eltern. Denn die müsste sie zurücklassen. Ihr einziger Bruder ist bereits nach Großbritannien ausgewandert. Auch er wollte mehr Geld verdienen.
Martina Merten
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