ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2010Ethik – Enhancement: Viele ungeklärte Fragen

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Ethik – Enhancement: Viele ungeklärte Fragen

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): A-714 / B-620 / C-612

Goddemeier, Christof

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1999 veröffentlichte der Philosoph Peter Sloterdijk seinen Text „Regeln für den Menschenpark“. Sobald in einem Feld das notwendige Wissen entwickelt ist, führen ihm zufolge bloße Weigerungen nicht weiter. Stattdessen komme es künftig wohl darauf an, „das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Kodex der Anthropotechniken zu formulieren“.

Das Buch versammelt elf Beiträge einer Tagung im Ethikzentrum Jena. Was meint „Enhancement“ genau? Die Übersetzungen „Verbesserung“ und „Steigerung“ beinhalten bereits Wertungen, die die Debatte einengen. Demgegenüber bezeichnet der englische Begriff meistens medizinische Eingriffe, die über andere Formen der Verbesserung wie Erziehung, Lernen und körperliches Training hinausgehen. Die meisten Autoren verwenden das englische Wort.

Zwei Lager stehen sich gegenüber: „Biokonservative“ halten Veränderungen unserer biologischen Gegebenheiten für falsch und leiten daraus die politische Forderung nach einem Verbot ab. „Bioliberale“ halten „Enhancement“ unter bestimmten Bedingungen für zulässig, manche sehen darin gar ein erstrebenswertes Gut. Während Biokonservative sich in ihrer Ablehnung zum Teil auf Intuitionen wie „Weisheit der Abscheu“ (Kass) stützen, streben Bioliberale einen analytischen Zugang mit logisch durchdachten Argumenten an. Dabei ist klar: Gemeint sind hier nicht Hilfsmittel wie Brille, Fahrrad und Telefon – in einem weiten Sinn ebenfalls Formen von „Enhancement“. Auch Impfungen, angesiedelt in einer Grauzone zwischen Prävention und „Enhancement“, sind unumstritten. Doch die Möglichkeit, in das menschliche Genom einzugreifen, löst bei manchem ein „moralisches Schwindelgefühl“ (Sandel) aus, dem man rational nicht beikommt. Wesentlich ist, zwischen Therapie mit den Mitteln der Gentechnik und lediglich wunscherfüllendem „Enhancement“ zu unterscheiden. Jeder Eingriff in das Genom muss sich Fragen der Reversibilität stellen. Sollen nicht nur Erwachsene sich für derartige Maßnahmen entscheiden dürfen, sondern auch Eltern für ihre Kinder (autonomes versus heteronomes „Enhancement“)? Aus juristischer Sicht handeln Mediziner, die Wünsche von Gesunden nach Veränderung erfüllen, im Sinn der Berufsordnung nicht ärztlich, sondern bieten am Markt gegen Entgelt eine technische Qualifikation an. Hinsichtlich Aufklärung und Erfolg gelten für sie deshalb andere Kriterien.

Die wenigsten der angesprochenen Fragen sind genau identifiziert, geschweige denn hinreichend geklärt. Gelegentlich beschleicht einen der Verdacht, dass über Dinge fantasiert wird, die wir gar nicht können. Doch womöglich ist der Kompetenzgraben, der uns vom Homunkulus trennt, inzwischen kleiner geworden. Ein beunruhigendes Buch.
Christof Goddemeier

Nikolaus Knoepffler, Julian Savulescu (Hrsg.): Der neue Mensch? Enhancement und Genetik. Alber, Freiburg 2009, 316 Seiten, 39 Euro
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