ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2010Börsebius: Tricksereien

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Börsebius: Tricksereien

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): A-721 / B-629 / C-617

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LNSLNS Tom Tailor, Brenntag, Kabel Deutschland. Der lange verstopfte Markt für Börsenneulinge belebt sich langsam wieder, und das ist prinzipiell ein gutes Zeichen für eine Normalisierung an den Börsen.

Nicht jede Emission hat dabei das Potenzial zum Börsenstar, das war schon in der Vergangenheit so, und das wird sich auch künftig nicht ändern, wie die zähe Preisfindung beim Modelabel Tom Tailor eben eindrücklich unter Beweis stellte.

Jeder Börsenaspirant bedarf also einer genauen Vorprüfung, bevor sich der Anleger zur Zeichnung entscheidet – oder auch nicht. Schließlich soll die Investition in absehbarer Zeit ordentliche Früchte tragen. Was ist der Laden wirklich wert, wie groß ist das Kurspotenzial, wer bekommt eigentlich den Emissionserlös? Die Altaktionäre (schlechtes Zeichen) oder das Unternehmen (grundsätzlich positiv)?

Dabei ist zu beachten, dass nahezu alle an der Emission Beteiligten (Banken, Unternehmen, PR) ein großes Interesse daran haben, die präsentierten Zahlenwerke so aufzuhübschen, dass der Betrachter über den Zustand des Unternehmens in Begeisterung verfällt oder doch zumindest ziemlich angetan ist. Die Braut schön zu machen, gehört fraglich zum unverzichtbaren Outfit im Rahmen eines gelungenen Going Public.

Wenn das Window-Dressing allerdings zu dreist ausfällt, sollten sämtliche Alarmglocken in Gang gesetzt werden, damit der Anleger bloß keinen Schaden nehme. Derlei Schönfärberei, so scheint es mir, ist beim Berliner Immobilienunternehmen GSW AG ziemlich maßlos praktiziert worden.

Der Börsenaspirant, der sein IPO (Initial Public Offering) für den kommenden Monat Mai plant, hat für meinen Geschmack ziemlich herumgetrickst und in der Bilanz rumgematscht. Alles nach dem Motto „wenn mein Unternehmen nicht so viel wert ist, machen wir es einfach teurer“. So hat die GSW in der eben veröffentlichten Konzernbilanz 2008 sogenannte Zuschreibungen in Höhe von 60 Millionen Euro vorgenommen, was nichts anderes als eine Höherbewertung des Wohnungsbestands bedeutet.

Nun sind bilanzielle Zuschreibungen eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber eben nur eigentlich. Es kommt halt auf die Branche an, ob solche Operationen üblich oder denkbar sind. Und das sind sie genau in der Immobilienbranche gerade nicht. Im Gegenteil. 2008 war für Wohnungsgesellschaften (GAGFAH, IVG-Immobilien, Deutsche Wohnen, Patrizia-Immobilien) ein Annus horribilis mit der (zwingenden) Folge hoher Bestandsabschreibungen, also dem exakten Gegenteil der von der GSW vorgenommenen Zuschreibungen. Alle börsennotierten Immobiliengesellschaften werden derzeit mit einem gewaltigen Abschlag auf den Nettoinventarwert NAV (Net Asset Value) gehandelt. Bei der GSW entspricht der NAV eben dem Wert des Unternehmens, nach Zuschreibung!

Diese irre Aktion besagt letztlich nichts anderes, als dass die GSW in der Vergleichsgruppe (Peergroup) um mindestens 20 bis 30 Prozent zu teuer ist. Die pure Veräppelei also. Woher hier also die Kursfantasie für einen Zeichner kommen soll, ist mir ein großes Rätsel. Finger weg von der GSW, kann mein Fazit demnach nur lauten.
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