ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2010Afghanistan: Zwischen humanitärer Hilfe und Geschäft

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Afghanistan: Zwischen humanitärer Hilfe und Geschäft

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): A-727 / B-635 / C-623

Kipping, Erika

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LNSLNS Private Anbieter versuchen, die Lücken in der medizinischen Versorgung ziviler Helfer zu schließen.

Für seine zahlungskräftigen Kunden organisiert das private Rettungsunternehmen auch Evakuierungsflüge, wie hier nach Dubai. Der Krankenwagen holt die Patienten auf dem Rollfeld ab. Fotos: Erika Kipping
Für seine zahlungskräftigen Kunden organisiert das private Rettungsunternehmen auch Evakuierungsflüge, wie hier nach Dubai. Der Krankenwagen holt die Patienten auf dem Rollfeld ab. Fotos: Erika Kipping
Afghanistan zählt nach wie vor zu den am stärksten verminten Ländern der Welt; zudem ist die Infrastruktur nach 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg weitgehend zerstört. In- und Ausländer sind durch Entführungen, Selbstmordattentate und auch offene Kampfhandlungen bedroht. Aber nicht nur Gewaltakte gefährden die Gesundheit der Menschen. Die medizinische Versorgung ist nur rudimentär ausgebaut und oft qualitativ schlecht, so dass auch vermeintlich banale Erkrankungen bedrohlich werden können.

Im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungsländern, in denen es zumindest in der Hauptstadt private Krankenhäuser mit internationaler Qualität gibt, sind Schwerpunkt- oder gar intensivmedizinische Versorgungsmöglichkeiten in Afghanistan nicht vorhanden. Es gibt aber eine zahlungskräftige Nachfrage nach derartigen Angeboten. Denn am Wiederaufbau des Landes arbeiten vor Ort viele gut bezahlte internationale Berater, humanitäre Helfer und Mitarbeiter privater Sicherheitsdienste. Bei ernsthafter Erkrankung lassen sich diese – ebenso wie Afghanen, die es sich leisten können – im Ausland behandeln. Zur Akutversorgung können die Patienten auf die Gesundheitsinfrastruktur des ausländischen Militärs hoffen. Nach der Akutphase werden die Betten aber wieder für die NATO-Soldaten freigehalten.

Einige private Anbieter versuchen, die Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen oder zumindest zu verkleinern. So gibt es in Kabul seit ein paar Jahren ein Unternehmen, das medizinische Versorgung für die Akteure des zivilen Wiederaufbaus anbietet. Verträge werden zum Beispiel mit Firmen oder Nichtregierungsorganisationen geschlossen. Für internationale Mitarbeiter liegen die Kosten dabei dreimal höher als für afghanische. Als Quasimonopolist können die Preise fast beliebig festgelegt werden. Die Verträge beinhalten die kostenfreie Behandlung in der Notfallpraxis des Unternehmens in Kabul, wo die internationalen Mitarbeiter von internationalem Personal, die afghanischen von entsprechend schlechter bezahltem afghanischem Personal behandelt werden. Bei Bedarf werden auch Hausbesuche oder Krankentransporte durchgeführt. Bei ernsthafter Erkrankung kann eine stationäre Versorgung organisiert werden, in der Regel in einem der NATO-Militärkrankenhäuser. Falls notwendig, wird ein medizinischer Evakuierungsflug (meist nach Dubai) organisiert und die dortige stationäre Weiterversorgung in einer Privatklinik mit westlichem Standard angemeldet. Die hohen Kosten für einen Evakuierungsflug sind durch die zusätzlich abzuschließende Rückholversicherung des Patienten gedeckt. Im Todesfall kann die Rückführung des Leichnams in das Heimatland organisiert werden, die per Linienflug durchgeführt wird.

Nach 30 Jahren Krieg ist die medizinische Versorgung im Land nur noch rudimentär ausgebaut – die zerstörte Kabuler Uniklinik.
Nach 30 Jahren Krieg ist die medizinische Versorgung im Land nur noch rudimentär ausgebaut – die zerstörte Kabuler Uniklinik.
Die Evakuierungsflüge hingegen werden mit einer gecharterten kleinen Propellermaschine durchgeführt, in der Patient, Arzt, Paramedic und die mitgebrachten notwendigen Gerätschaften (Trage, EKG-Monitor, Defibrillator, Beatmungsmaschine) gerade genug Platz finden. Die Krankheitsbilder der zu evakuierenden Patienten reichen von nichtlebensbedrohenden Notfällen wie Frakturen, die im Land nicht osteosynthetisch versorgt werden können, über durch die Militärärzte vorbehandelte internistische Erkrankungen, für die vor Ort keine Weiterbehandlungs- beziehungsweise Rehabilitationsmöglichkeit bestehen, bis zum akuten Herzinfarkt, der zum Herzkatheter ausgeflogen werden muss.

In der Notfallpraxis werden die Patienten hauptsächlich mit recht harmlosen Krankheitsbildern vorstellig. Viele leiden unter Magen-Darm-Grippe oder hartnäckigen Erkältungen, mitverursacht durch die allgemeine Keim- und Schadstoffbelastung der Luft. Einige der Internationalen suchen nach ungeschütztem Verkehr den Arzt mit der Angst vor Geschlechtskrankheiten auf. Andere Patienten haben in ihrem Heimatland gar keinen Hausarzt mehr, weil sie schon seit Jahren in Entwicklungsländern im Einsatz sind. Manche leiden wegen der psychischen Dauerbelastung unter Schlafstörungen und wollen einfach nur mal reden.

Einige typische Herausforderungen organisatorischer und qualitativer, aber auch ethischer Art erschweren die Arbeit einer solchen Organisation. Wie an der Preisgestaltung erkennbar, scheint es für die internationalen Patienten vor allem wichtig zu sein, von westlichen Ärzten und Sanitätern behandelt zu werden. Die Rekrutierung von motiviertem und qualifiziertem Personal in ein Land wie Afghanistan ist allerdings schwierig. Die persönliche Freiheit der dort arbeitenden Ausländer wird durch strikte Sicherheitsbestimmungen stark eingeschränkt. So hält man sich hauptsächlich auf von Mauern und Stacheldraht umgebenen Grundstücken auf; es wird empfohlen, alle Wege mit dem Auto zurückzulegen.

Durch die Zusammenarbeit mit dem Militär ergeben sich weitere Probleme. Nicht nur die Sprachenvielfalt der NATO, auch die Sicherheitsbestimmungen erschweren die Weiterbetreuung der in Feldkrankenhäusern untergebrachten Patienten. Um sie zu visitieren, müssen zunächst die am Eingang des Militärlagers wachhabenden und häufig nicht Englisch sprechenden Soldaten davon überzeugt werden, die Mitarbeiter des Rettungsunternehmens hineinzulassen. Die behandelnden Ärzte können oft nicht erreicht werden, weil das Mobilfunksignal aus Angst vor per Handy ferngesteuerten Anschlägen von den Militärs regelmäßig gestört wird.

Weitere Herausforderungen ergeben sich durch das Angewiesensein auf die vor Ort vorhandenen Ressourcen. Der afghanische Staat ist nicht in der Lage, den medizinischen Privatsektor zu regulieren. Jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann ein Labor, eine Röntgen- oder gar „Arzt“-Praxis eröffnen, ohne mit Qualitätskontrollen rechnen zu müssen. Das Gleiche gilt für in Afghanistan verkaufte Medikamente. Man kann daher nicht davon ausgehen, dass sie tatsächlich den auf der Packung angegebenen Wirkstoff in der angegebenen Menge enthalten.

Im Ergebnis gibt es in Afghanistan eine Zweiklassenmedizin. Einerseits erleichtert das private Angebot die Arbeit der internationalen Helfer, die ansonsten noch größeren Gefahren ausgesetzt wären. Andererseits ist es für die Einheimischen in der Regel unbezahlbar. Immerhin organisiert das profitorientierte Unternehmen für Einheimische kostenfreie Evakuierungsflüge innerhalb Afghanistans. So rettete der rasche Transport aus der Provinz in die Hauptstadt einem zweijährigem Mädchen mit Meningitis wohl das Leben. Es wurde in Kabul erfolgreich weiterbehandelt und konnte nach wenigen Tagen gesund nach Hause zurückkehren.
Dr. med. Erika Kipping*

*Die Autorin war für einige Monate in dem hier beschriebenen privaten afghanischen Gesundheits- und Rettungsunternehmen tätig.
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