ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Pankreaskarzinom: Neuer genetischer Defekt identifizierbar

SPEKTRUM: Akut

Pankreaskarzinom: Neuer genetischer Defekt identifizierbar

Koch, Klaus

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LNSLNSLNSLNS Mit einer Fünfjahresüberlebensrate von 0,2 Prozent gehört das Pankreaskarzinom zu den gefährlichsten Tumoren. Beim Blick auf die Liste der genetischen Defekte zum Zeitpunkt der Diagnose wundert das nicht: Mehr als 80 Prozent der Tumoren weisen Mutationen an "Ki-ras", 50 bis 70 Prozent an "p 53" und mehr als 85 Prozent an "p 16" auf – alle drei Gene besetzen Schlüsselfunktionen in der Steuerung der Zellteilung. Jetzt hat eine deutsch-amerikanische Gruppe der Johns Hopkins University School of Medicine in Balti- more ein neues Gen entdeckt, dessen Defekte ebenfalls zur Aggressivität des Pankreastumors beitragen konnten: DPC4 (deleted in pancreatic carcinoma, locus 4) ist in etwa der Hälfte der untersuchten Tumoren defekt oder verlorengegangen (Science Bd 271, S 350, 1996).


Anlaß der Suche war die Beobachtung, daß 90 Prozent der Pankreastumoren Anomalien am Chromosom 18 tragen, häufig haben sie große Passagen verloren. Solche Deletionen sind ein typischer Hinweis auf den Standort eines "Tumor-Suppressor-Gens", einer genetischen Wachstumsbremse gegen unkontrollierte Zellteilung. Bekannt war, daß auf dem Chromosom 18 das Tumor-Suppressor-Gen "DCC" liegt. Es spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Kolonkarzinomen. Indem die Forscher bei einer Reihe von Tumoren die Grenzen der Deletionen auf Chromosom 18 miteinander verglichen, konnten sie jedoch eine Beteiligung von DCC ausschließen. Statt dessen identifizierten sie im gemeinsamen Überlappungsbereich ein bisher unbekanntes Gen – eben DPC4. Die Suche in einer genetischen Datenbank förderte als nächsten Verwandten des DPC4 ein Gen der Fruchtfliege Drosophila zutage.

Frühere Beobachtungen zeigen, daß dieses Fliegen-Gen offenbar an einer Signalkaskade beteiligt ist, deren Grundelemente auch während der Evolution der Säuger erhalten blieben: Die Autoren vermuten, daß DPC4 an der Weitergabe des Signals vom Rezeptor für den transforming growth factor b (TGF-b ) in das Innere der Zellen beteiligt sein könnte. In Gegenwart von TGF-b stellen viele Zellen ihr Wachstum ein. Deshalb liegt der Verdacht nahe, daß ein Verlust von DPC4 diesen Bremseffekt des TGF-b zunichte macht. Dieser Frage will Stephan Hahn, Erstautor der "Science"-Publikation, nach seiner Rückkehr an die Universitätsklinik Bochum nachgehen. Angesichts der Beobachtung, daß zwar 90 Prozent der Pankreastumoren einen Schaden am Chromosom 18 haben, bislang aber nur in der Hälfte der untersuchten Tumoren Defekte an DPC4 nachgewiesen werden konnten, bleibt jedoch die Frage nach dem Hintergrund der restlichen 40 Prozent. Klaus Koch

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