ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1997Arzneitherapie in Krankenhaus und Praxis: Hausärzte sind keine „Erfüllungsgehilfen“

POLITIK: Aktuell

Arzneitherapie in Krankenhaus und Praxis: Hausärzte sind keine „Erfüllungsgehilfen“

JS

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LNSLNS Wie sollen Hausärzte die Arzneimitteltherapie von Patienten weiterführen, die im Krankenhaus mit teuren Originalpräparaten versorgt wurden? Die Münchner Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns will eine Clearingstelle einrichten, die die niedergelassenen Ärzte in Zweifelsfällen über die Fortsetzung einer Arzneimitteltherapie berät.
Die Budgetierung in Klinik und Praxis wirft im Zusammenhang mit der Weiterführung einer im Krankenhaus begonnenen Arzneimitteltherapie eine Reihe medizinischer, pharmakologischer, rechtlicher und vertragsärztlicher Fragen auf. Die in der Praxis vermutlich häufigste Konfliktsituation ergibt sich, wenn der Patient aus der Klinik, mit einem oder mehreren Originalpräparaten versorgt, entlassen wird und der Hausarzt diese durch Generika substituieren möchte. Wie soll er sich verhalten, wenn der Patient auf der teureren Verordnung besteht? Kann er sich in der Wirtschaftlichkeitsprüfung gegebenenfalls auf die Vorgaben des Krankenhauses berufen? Soll er besonders hochwirksame und teure Behandlungskonzepte fortsetzen?
KV Bayerns richtet
Clearingstelle ein
Die Münchner Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) hat dazu einen Workshop veranstaltet, bei dem die Probleme aus den verschiedenen Blickrichtungen angesprochen wurden. Ein erstes vorläufiges Ergebnis der mehrstündigen Veranstaltung: In München soll bei der KV eine Clearingstelle eingerichtet werden, die dem niedergelassenen Arzt in Zweifelsfällen nicht nur mit guten Worten helfen soll. Dort soll er auch ein teures Behandlungskonzept, das ihm von der Klinik vorgegeben ist, "ankündigen" können, so daß es deshalb gar nicht erst zu einer Wirtschaftlichkeitsprüfung kommt.
Einig waren sich die Experten darin, daß man vom Hausarzt, der zwar die Verantwortung für die Versorgung seiner Patienten zu tragen hat, nicht verlangen kann, daß er Sinn und Nutzen eines hochdifferenzierten Behandlungskonzeptes überprüft. Um gegen den Vorwurf gewappnet zu sein, die Behandlung entspreche möglicherweise gar nicht dem Stand der medizinischen Erkenntnis, sollte das Krankenhaus dem Hausarzt zusammen mit dem Entlassungsbericht ein Kurzgutachten mit Hinweisen auf die zugrundeliegende Literatur zur Verfügung stellen, empfahlen Vertreter der Kassen und der KV.
Zur Frage, ob der Hausarzt den aus dem Krankenhaus entlassenen Patienten von Originalpräparaten auf Generika umstellen muß, war die Antwort eindeutig: Der niedergelassene Arzt sei nicht der Erfüllungsgehilfe des Krankenhauses, sagte der Münchner Medizinrechtler Professor Dr. Klaus Ulsenheimer. Wolle der Arzt nicht gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot verstoßen, sei er sogar verpflichtet zu substituieren, wenn der günstigere Preis der einzige Unterschied zwischen Originalpräparat und Generikum ist.
Unterscheiden sich die alternativen medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten jedoch auch in pharmakologischer Hinsicht, sei der Hausarzt gezwungen, alle Aspekte gegeneinander abzuwägen. Um sicherzugehen, sollten die in diesem Zusammenhang angestellten Überlegungen dokumentiert werden, um so eine Abweichung von der Empfehlung des Krankenhauses nachvollziehbar begründen zu können. JS
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