ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2010Honorarverteilung: Mehr Geld für die Basisversorger

POLITIK

Honorarverteilung: Mehr Geld für die Basisversorger

Dtsch Arztebl 2010; 107(16): A-735 / B-643 / C-631

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Vom 1. Juli an werden sogenannte freie Leistungen wie Akupunktur oder Schmerztherapie in der Menge begrenzt. Korrekturen waren nötig, weil es beträchtliche Leistungsausweitungen zulasten der Regelleistungsvolumen gibt.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) haben sich auf Änderungen bei der Honorarverteilung für die circa 140 000 Vertragsärztinnen und -ärzte geeinigt. Vom 1. Juli an werden aus der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung zunächst die Regelleistungsvolumen (RLV) finanziert. Erst danach werden die Vergütungen für bislang freie Leistungen wie Akupunktur, Schmerztherapie oder die ambulante praxisklinische Behandlung und Nachsorge berechnet. Bislang lief das Verfahren umgekehrt ab. Außerdem werden zur Steuerung dieser Leistungen qualifikationsgebundene Zusatzvolumen (QZV) eingeführt.

Die Änderungen seien im „Sinne der Verteilungsgerechtigkeit“ notwendig geworden, erklärte der Honorardezernent der KBV, Dr. med. Bernhard Rochell, dem Deutschen Ärzteblatt. Denn bei den freien Leistungen, die bislang in vollem Umfang zu festen Preisen honoriert wurden, verzeichne man enorme Mengensteigerungen. „Bei der Akupunktur haben wir Zuwächse von bis zu 60 Prozent, und bei der Schmerztherapie nahmen die Leistungen im dreistelligen Prozentbereich zu“, sagte Rochell.

Zurzeit sinken die RLV von Quartal zu Quartal
Weil die Menge der freien Leistungen so stark steigt und in vielen KVen das vorab kalkulierte Volumen überschreitet, müssen zahlreiche Arztgruppen von Quartal zu Quartal sinkende RLV hinnehmen. Denn die Differenz muss im Folgequartal jeweils ausgeglichen werden. Das geht nur mit Geld aus dem Topf, der eigentlich für die RLV reserviert ist, weil die Krankenkassen meist keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung stellen.

Auf ein Verfahren zur Mengenbegrenzung der freien Leistungen müssen sich die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen auf Landesebene einigen. Die Bundesebene hat lediglich definiert, welchen Leistungen QZV zugeordnet werden. Das sind neben den freien Leistungen auch Leistungen, die von weniger als der Hälfte der Ärzte einer Arztgruppe erbracht werden (zum Beispiel Bronchoskopie) sowie Leistungen, die bislang über Fallwertzuschläge vergütet werden (zum Beispiel Psychosomatik bei Hausärzten oder Teilradiologie bei Fachärzten).

Grundsätzlich gelte aber, so KBV-Honorardezernent Rochell, dass die Leistungen im RLV und im QZV – bis zur Abstaffelungsgrenze – gleichberechtigt mit dem Orientierungswert von 3,5048 Cent vergütet werden. „Die KBV wollte eigentlich eine bevorzugte Finanzierung der RLV-Leistungen durchsetzen“, räumte Rochell ein. „Wir haben jetzt aber immerhin durchgesetzt, dass die Vertragspartner vor Ort darauf achten müssen, dass die Leistungen im RLV hinreichend finanziert sind.“ Ob sich KVen und Kassen zur Berechnung der QZV an der durchschnittlichen Fallzahl der jeweiligen Arztgruppe orientieren oder einen individuellen Ansatz wählen, indem sie die Leistungen des einzelnen Arztes im Vorvorjahresquartal zugrunde legen, bleibt ihnen überlassen. „Letzteres hätte den Vorteil, dass der mehr bekommt, der mehr geleistet hat“, sagte Rochell. Nicht betroffen von der Mengenbegrenzung sind Leistungen wie Vorsorgeuntersuchungen oder ambulante Operationen. Sie werden von den Krankenkassen auch weiterhin ohne Abstaffelung außerhalb der Gesamtvergütung honoriert. Von der Neuregelung profitieren vor allem die „Basisversorger“, die kaum Leistungen außerhalb der RLV abrechnen können.

Ein großes Problem bleibt auch nach dem aktuellen Beschluss ungelöst. Die Honorarreform benachteiligt die KVen, die sich in der Vergangenheit einen relativ hohen Punktwert durch strenge Mengenbegrenzungen gesichert haben.

Haus- und Facharzttopf werden dauerhaft getrennt
Im Zuge der EBM-Reform wurde zwar ein bundesweit einheitlicher Orientierungswert eingeführt, die Leistungsmenge je Versicherten wurde jedoch nicht vereinheitlicht. „Menge mal Preis gleich Honorar. Jetzt stehen die KVen besser da, die höhere Fallzahlen hatten“, kommentierte KV-Vorstand Dr. med. Peter Potthoff die angespannte Lage in Nordrhein. Um dieses Problem zu lösen, so Honorarexperte Rochell, müsse man die Leistungsmenge je Versicherten anpassen. Dazu fehle aber derzeit die gesetzliche Grundlage. „Solange wir dieses Problem nicht lösen können, benötigen wir weiterhin regionale Spielräume bei der Honorarverteilung.“

Darüber hinaus haben sich KBV und Kassen darauf geeinigt, die Gesamtvergütung dauerhaft in einen haus- und einen fachärztlichen Teil zu trennen, die jeweils separat weiterentwickelt werden. Das entspricht einer alten Forderung der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung. Zugrunde liegt die Sorge der Hausärzte, die Fachärzte könnten ihre Leistungen zulasten des hausärztlichen Sektors ausweiten, weil diese wesentlich weniger stark pauschaliert sind.
Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
Die neue Honorarverteilung:

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema