ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2010Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin: Blick auf Kernfragen

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Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin: Blick auf Kernfragen

Dtsch Arztebl 2010; 107(16): A-738 / B-646 / C-634

Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Beim Internistenkongress in Wiesbaden wurden Standort und Perspektiven des Fachgebiets reflektiert.

Bildgebung, Infektiologie, Notfall- und Intensivmedizin: Die für eine optimale Versorgung der Patienten zunehmend notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit des Internisten mit diesen -Fächern war Schwerpunkt des Internistenkongresses. Der Tagungspräsident Prof. Dr. med. Jürgen Schölmerich (Regensburg) mahnte dringend eine bessere Aus- und Weiterbildung auf dem Gebiet der Infektiologie an.

Interdisziplinarität optimieren
„Wir müssen die Reisemedizin ausbauen und eine Migrantenmedizin etablieren“, sagte Schölmerich. Auch werde die Fachgesellschaft am Aufbau einer interdisziplinär arbeitenden, logistisch gut geplanten Notfallmedizin in Deutschland mitwirken. Bei der Versorgung intensivmedizinischer Patienten müssten ebenso fachübergreifende Strukturen optimiert werden. So hat eine Kohortenstudie ergeben, dass sich die Mortalität auf Intensivstationen durch eine tägliche, multidisziplinäre Visite statistisch signifikant um 16 Prozent senken lässt im Vergleich zu Visiten durch nicht fachübergreifend besetzte Teams (Arch Intern Med 2010; 170: 369–769). Der positive Effekt zeigte sich auch in Subgruppen wie Patienten mit Sepsis. Circa 14 000 Menschen sterben jährlich auf deutschen Intensivstationen an den Folgen einer Sepsis, 20 bis 30 Prozent der Infektionen wären nach Schätzungen von Experten vermutlich vermeidbar. „Es ist für die Weiterbildung in allen Schwerpunkten der Inneren Medizin erforderlich, dass es eine intensivmedizinische Phase unter Anleitung eines erfahrenen, internisti-schen Intensivmediziners gibt, wenn bereits Kenntnisse der wichtigen inneren Erkrankungen vorhanden sind“, erklärte Schlömerich. Um die Qualität zu sichern, müssten Laufbahnoptionen in Kliniken geschaffen werden, da Leitungspositionen mit intensivmedizinischen Qualifikationen ohne Schwerpunktbezeichnung eher selten sein dürften.

Wie aber steht es um die Zukunft des Internisten? Schölmerich sieht das Selbstverständnis des (Inneren) Mediziners und seine Freude am Beruf gefährdet durch eine „tiefgehende und schnelle Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“. Die beiden Dimensionen ärztlicher Tätigkeit, Wissenschaft und Handwerk, drohten, sich unter ökonomischen Zwängen und dem zunehmenden Anspruch von Patienten nach wunscherfüllender Medizin auf das Handwerk zu verschieben. „Der Patient als Kunde legt mehr Wert auf Prozesse, also nicht nur auf das Resultat, sondern auch auf das Gefühl während der Behandlung und deren Preis. Erkenntnis wird nur akzeptiert, wenn sie den eigenen Vorstellungen entspricht, und seien es irrationale Überzeugungsmuster.“

Arzt als „zertifizierter Guru“
Die Kunden wollten einen „medizinisch zertifizierten Guru“. Die Welt­gesund­heits­organi­sation definiere Gesundheit – das Ziel medizinischer Behandlung – als Freisein von physischen, psychischen und sozialen Beschwerden. Die Definition reduziere Gesundheit auf eine individuelle Sphäre und entziehe sie dem wissenschaftlichen Ansatz. Für Deutschland wünsche er sich eine Debatte darüber, welche gesundheitlichen Störungen behandlungsbedürftig sein sollten. Der Ethikrat, aber auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer seien als geeignete Institutionen in die Debatte einzubinden.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
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