ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2010Interview mit Prof. Dr. med. Hartwig Bauer, dem Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie: Heilsame Entheroisierung

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Hartwig Bauer, dem Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie: Heilsame Entheroisierung

Dtsch Arztebl 2010; 107(16): A-746

Siegmund-Schultze, Nicola

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Prof. Dr. med. Hartwig Bauer ist Facharzt für Viszeral- und Unfallchirurgie und war bis 2002 Ärztlicher Direktor der Kreisklinik Altötting. Er hat sich intensiv dem Thema Qualitätssicherung gewidmet. Foto: privat
Prof. Dr. med. Hartwig Bauer ist Facharzt für Viszeral- und Unfallchirurgie und war bis 2002 Ärztlicher Direktor der Kreisklinik Altötting. Er hat sich intensiv dem Thema Qualitätssicherung gewidmet. Foto: privat
Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) tagt in Berlin. Die Fachgesellschaft öffnet sich zunehmend auch kritischen Themen wie dem Umgang mit Fehlverhalten, mangelnden Führungsqualitäten und den Arbeitsbedingungen der Chirurgen.

Vor kurzem ist einer der namhaftesten Chirurgen Deutschlands, Prof. Dr. med. Christoph Broelsch aus Essen, zu einem dreijährigen Freiheitsentzug verurteilt worden. Entscheidend für die von vielen Ihrer Kollegen als hart empfundene Strafe waren Bestechlichkeit und die Erkenntnis des Gerichts, dass die zeitnahe Behandlung lebensbedrohlich kranker Patienten von Geldzahlungen abhängig gemacht wurde. Für die Fachgesellschaft ein Thema?
Bauer: Selbstverständlich, zum Beispiel auf der Präsidiumssitzung kurz vor Beginn der Jahrestagung. Ein vom Präsidium im vergangenen Jahr eingerichteter Ombudsrat, der sich nicht nur mit wissenschaftlichem, sondern auch mit persönlichem Fehlverhalten zu befassen hat, sollte über die Frage beraten, wie sich die Fachgesellschaft verhalten wird, wenn das Urteil des Landgerichts Essen gegen Professor Broelsch rechtskräftig würde – das ist es ja noch nicht.

Die Verteidigung hat Revision vor dem Bundesgerichtshof angekündigt . . .
Bauer: Die berufs- und standesrechtliche Bewertung des Urteils ist dann Sache der Ärztekammer. Aber wie gesagt: Wenn das Urteil ein solch gravierendes Fehlverhalten bestätigen sollte, muss auch die Fachgesellschaft sich darüber klarwerden, ob die Mitgliedschaft von Professor Broelsch mit den Zielen der Fachgesellschaft vereinbar ist. Der Modus eines eventuellen Ausschlussverfahrens ist in der Satzung der Fachgesellschaft festgelegt. Wir können aber nicht erst anfangen, über diese Frage nachzudenken, wenn das Urteil rechtskräftig ist. Ich bin davon überzeugt: Der ganz überwiegende Teil deutscher Chirurgen ist rechtschaffen. Deshalb sollten wir rasch auf Einzelfälle reagieren, damit nicht der Eindruck entsteht, es handele sich um die Spitze eines Eisbergs.

Auch wenn Vorgänge, wie sie das Gericht im Fall Broelsch für erwiesen hält, eine extreme Ausnahme sind: Der Nährboden für jahrelanges Schweigen der Mitarbeiter zum Fehlverhalten ihres Chefs sind ausgeprägte hierarchische Strukturen. Im Prozess war von einem „Klima der Angst“ die Rede – nach der Erfahrung auch vieler jüngerer Ärzte in der Chirurgie keine Seltenheit.
Bauer: Die Chirurgie und die DGCH als Dachgesellschaft für neun chirurgische Fachgesellschaften hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend selbstkritisch Fragen ihrer Profession gestellt, wie der Qualität von Kommunikation und Personalführung, Transparenz der Weiterbildung oder Patientensicherheit. Das Thema Fehler in der Chirurgie zum Beispiel ist um Schwerpunkt der DGCH-Jahrestagung 2005 gemacht worden. Es gab damals auch den Vorwurf der Nestbeschmutzung. Inzwischen hat sich die Diskussion versachlicht.

Dennoch: Im Vergleich zu vielen angloamerikanischen Ländern sind bei uns starke Hierarchien ausgeprägter, und dies gilt offenbar besonders für die Chirurgie. Was sind die Ursachen?
Bauer: In Deutschland ist die Verantwortung des Chefarztes einer chirurgischen Abteilung besonders hoch, zum Beispiel, wenn es um die Frage eines Behandlungsfehlers geht. An den Universitäten ist er als letzte Instanz zuständig für Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Wir haben nicht nur steile Entscheidungs-, sondern auch Verantwortungshierarchien, übrigens auch gegenüber den Klinikträgern, was möglicherweise die Ausbildung rigiderer Strukturen begünstigt – die ich damit aber keineswegs rechtfertigen möchte.

Offenbar haben sich bei uns stärker als in anderen Ländern sogenannte Chirurgen-Schulen ausgebildet. Noch heute erwarten nicht wenige Lehrer eine gewisse „Richtungstreue“. Dann geraten Ärzte in Loyalitätskonflikte und können sich nicht optimal persönlich und fachlich weiterentwickeln.
Bauer: Das möchte ich nicht bestreiten, halte es aber auch für ein Generationenproblem. In der Tat haben sich in der Vergangenheit in einem hochkompetitiven Umfeld bei absoluter Dominanz der wissenschaftlichen Reputation solche „Chir-urgen-Schulen“ herausgebildet, vor allem natürlich an den Universitätskliniken. Es wächst aber zunehmend eine Generation von leitenden Chirurgen mit einem gewandelten Selbstverständnis heran. Natürlich muss eine Abteilung leistungs-, verantwortungs- und entscheidungsorientiert organisiert sein, aber ebenso müssen Kooperation, Vertrauen und Wertschätzung der Mitarbeiter in die Führung der Abteilung integriert werden.

Aber viele Chirurgen erleben einen fragwürdigen Führungsstil. Beispiele: Manche Ober- und Assistenzärzte werden von ihrem Chef unverabredet geduzt, die Vorgesetzten selbst möchten natürlich mit Sie angesprochen werden. Oder: Der Chefarzt einer unfallchir-urgischen Abteilung wirft regelmäßig in der Frühbesprechung seinen Autoschlüssel auf den Tisch und fragt, wer sein Fahrzeug auf den Parkplatz fährt. Ärzte sollen also nicht nur Dienst tun, sondern auch dienen.
Bauer: Das sind inakzeptable Formen von „Steinzeit-Absolutismus“, die sich möglicherweise noch vereinzelt finden. Aber ich kann Ihnen versichern: Wer heute in der Chirurgie etwas werden möchte, braucht nicht nur die entsprechende fachliche, sondern auch emotionale Kompetenz, besonders eine Qualifikation im richtigen Umgang mit Mitarbeitern. Ich kann es auch etwas altmodisch sagen: Ein chirurgischer Chef muss Vorbild und ein begeisterter, aber auch begeisternder Lehrer sein.

Zeit für eine Entheroisierung Einzelner in Führungspositionen?
Bauer. Ja. Für die künftigen Chirurgen in leitenden Funktionen wird es zur Selbstverständlichkeit werden, dass sie auch ihr Teamverständnis überprüfen und weiterentwickeln. Aber es muss auch genügend Zeit geben für das Gespräch mit den Mitarbeitern, für die persönliche Fortbildung und genügend Freiräume für wissenschaftliche Projekte. Als Chirurgen sind wir mit zunehmender Arbeitsverdichtung und Komplexität unseres Fachs konfrontiert und mit immer mehr Schnittstellen zu anderen Disziplinen und Berufsgruppen.

Dennoch: Der Nachwuchs klagt, es gebe nicht genügend Strukturen, um mangelhafte Führung aufzufangen.
Bauer: Ich kann nur jedes Mitglied unserer Fachgesellschaft ermutigen, sich bei anhaltenden Kommunikatinsproblemen mit Vorgesetzten auch an uns und hier gerne auch an mich als Generalsekretär zu wenden. Mein Eindruck ist, dass die Probleme, die Sie ansprechen, zumindest in ihren gravierenden Formen, seltener werden. Insgesamt bin ich optimistisch, dass sich noch bestehende Unzulänglichkeiten durch Änderungen „von unten“ verbessern lassen: durch transparente Umsetzung der Weiter­bildungs­ordnung und deren Evaluation, durch eine Professionalisierung der Kooperation mit anderen Fachgebieten und Berufsgruppen inklusive einer Stärkung der perioperativen Medizin – von der Indikationsstellung über die Schmerzbehandlung bis zur Nachsorge. Chirurgie ist mehr als Operieren. Wir thematisieren auch die Lebensqualität von Chirurgen.

Inwiefern?
Bauer: Wir wissen aus einer in diesem Jahr veröffentlichten Befragung von 1 311 chirurgisch tätigen Klinikärzten (1), dass sich knapp die Hälfte ausgebrannt fühlt. Gründe dafür sind hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitig als zu gering empfundener psychosozialer Anerkennung, starre Hierarchien und mangelhaftes Führungsverhalten von Vorgesetzten. Mit Unterstützung der DGCH ist nun in Deutschland die weltweit größte Befragung zur Lebensqualität von Chirurgen gemacht worden, nämlich an 3 000 Chirurgen, 600 Ärzten aus anderen Fachgebieten und 100 Medizinstudenten. Die nichtchirurgisch Tätigen bildeten die Kontrollgruppe.

Was ist das Ergebnis der Studie?
Bauer: Das positive Resultat: 85 Prozent der Chirurgen antworteten auf die Frage „Wie gern sind Sie im OP?“, es sei ihre liebste Tätigkeit. 77 Prozent der Chirurgen würden den Beruf wieder wählen. Andererseits empfanden 67 Prozent der Chirurgen den administrativen Teil ihrer Aufgaben im Vergleich zur operativen Tätigkeit als hoch oder viel zu hoch, in der Kontrollgruppe waren es 55 Prozent. Das Privat- und Familienleben halten beide Gruppen mit 95 beziehungsweise 96 Prozent für wichtig oder sehr wichtig, aber 74 Prozent der Chirurgen gaben an, dafür nur wenig bis fast keine Zeit zu haben, in der Kontrollgruppe 60 Prozent.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Bauer: Zusammen mit den Ergebnissen der zuvor erwähnten Studie liefern die Resultate plausible Erklärungen dafür, warum wir ein ernstes Nachwuchsproblem in den operativen Fächern haben.

Wie groß ist es?
Bauer: Es gibt dazu nur Schätzungen, aber wir sind weit davon entfernt, den jährlichen Bedarf an 1 000 Nachwuchschirurgen abdecken zu können, wobei natürlich fachspezi-fische Unterschiede bestehen. Wir müssen uns systematisch für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen – auch im Interesse der Gesellschaft. Schließlich deckt die Chirurgie einen zentralen Bestandteil der medizinischen Versorgung ab.
Das Interview führte Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

(1) Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A 248–53.
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