ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2010Notfallbehandlung: Unzureichend repräsentiert
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Als Leiter einer großen Notaufnahme in Bayern, die über 75 000 Patienten pro Jahr versorgt, fühle ich mich von den Vertretern meiner Fachgesellschaften im obigen Konsenspapier unzureichend repräsentiert und möchte einige Aspekte kommentieren:

1. Die klinische Erstversorgung von Notfallpatienten ist eine große Herausforderung, da Patienten mit ungeklärten Gesundheitsstörungen rasch und zielgerichtet diagnostiziert, zeitkritische Therapien begonnen und betroffene Patienten einer optimalen, fachspezifischen Versorgung zugeführt werden müssen. Die im Konsenspapier formulierte These wird – wie aktuell praktiziert – zu häufig wechselnden und wenig kooperierenden Ärzteteams führen, die der Komplexität der Aufgaben nur unzureichend gewachsen sind. Genannt sei der ältere Patient mit Oberschenkelhalsfraktur, die auf einen Sturz bei orthostatischer Synkope im Rahmen einer Pneumonie zurückzuführen ist, oder der Patient mit unklarer Bewusstseinsstörung. Gegenseitige Patientenzuverlegungen, mangelnde Abstimmungen zwischen den Disziplinen und eine fehlende Struktur in der Priorisierung der Patientenversorgung werden durch die fachspezifische Sichtweise der Beschwerden zu Redundanzen und Fehlentscheidungen führen. Da die Differenzialdiagnostik der genannten komplexen Krankheitsbilder nicht in einer „Blickdiagnose“ erfolgen kann, wird deutlich, dass medizinisch-fachliche Inhalte in der notfallmedizinischen Akutdiagnostik gestärkt werden müssen und diese Tätigkeit nicht auf eine Managementfunktion reduziert werden kann.

2. . . . Die Feststellung, dass die klinische Notfallversorgung im Ausbildungsplan der Facharztdisziplinen enthalten ist, bedarf einer kritischen Nachfrage: In der Facharztausbildung zum Anästhesisten sind keine diagnostischen oder stationären Weiterbildungsinhalte enthalten, auch in den internistischen Facharztdisziplinen werden Pflichtzeiten in der Notaufnahme nicht mehr gefordert. Die klinische Notfallmedizin lässt sich jedoch nicht auf die Erhaltung von Vitalfunktionen bei Kreislaufinstabilität reduzieren.

3. Strukturelle Verbesserungen in der Akutversorgung von Notfallpatienten wie die Einführung einer „Chest Pain Unit“ oder eines Schockraumkonzeptes sind unbestritten erfolgreich. Aber sind diese Konzepte nicht aus notfallmedizinischen Konzepten angelsächsischer Strukturen übernommen, die gleichzeitig im Konsenspapier kritisch hinterfragt werden? Deuten diese Erfolge nicht eher auf Defizite in der aktuellen, fachspezifischen Versorgungsstruktur hin? . . .
Prof. Dr. Michael Christ, Klinik für Notfall- und
Internistische Intensivmedizin, Klinikum Nürnberg, 90408 Nürnberg
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