ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2010Von schräg unten: Schlechte Zeiten

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schlechte Zeiten

Dtsch Arztebl 2010; 107(16): [84]

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Beistand suche ich in schwierigen Zeiten bei klugen Köpfen, die mir bei meinen Handlungen hilfreich zur Seite stehen. Besonders die Philosophen können meinen mentalen Grundumsatz steigern. Sokrates klärt mich auf: „Genügsamkeit ist natürlicher Reichtum, Luxus ist künstliche Armut!“ und fährt fort: „Wer die Welt bewegen will, sollte erst sich selbst bewegen!“, ganz unisono mit Konfuzius: „Fordere viel von dir selbst, und erwarte wenig von den anderen!“ Goethe sekundiert: „Sobald der Geist auf ein Ziel gerichtet ist, kommt ihm vieles entgegen!“

Ja, ich muss mich bewegen, meinen Geist auf das Ziel richten, das Genügsamkeit heißt. Denn ich habe mein Regelleistungsvolumen bekommen, 30 Prozent weniger Honorar für die gleiche Leistung, und das ist erst der Anfang. Für diejenigen, die noch nicht mit den Komplikationen des Abrechnungssystems der ambulanten gesetzlichen Versorgung kontaminiert sind, eine kurze Erläuterung: Man darf nur eine bestimmte Anzahl von Patienten versorgen und bekommt dies zu einem bestimmten Fallwert vergütet. Dieser heißt so, weil er ständig im Fallen begriffen ist. Arbeitet man mehr, kriegt man nichts mehr, so einfach ist das. Darauf muss ich natürlich reagieren, weg mit dem Luxus, sonst kann ich meinen Laden dichtmachen. Als Erstes werden alle auswärtigen Fortbildungsveranstaltungen storniert, Informationen über aktuelle Entwicklungen kann ich auch über das Internet bekommen, die Veranstalter müssen halt ohne mich als zahlendes Publikum auskommen. Auszubildende kann ich auch nicht mehr einstellen, das rechnet sich nicht mehr; wenn ein Ministerpräsident Lehrstellen haben will, muss er woanders anklopfen. Sowieso kann ich nicht mehr so viel Personal halten, betriebsbedingte Kündigungen sind unvermeidbar, 400-Euro-Kräfte tun es auch, sollen die Gewerkschaften doch mosern. Moderne Geräte kann ich mir nicht mehr anschaffen, aufwendige Therapien ambulant nicht mehr durchführen, lieber weise ich alle Patienten sofort stationär ein, auch wenn dadurch den Krankenkassen exorbitant höhere Kosten entstehen. Ich kann mir das alles nicht mehr leisten.

Traurig blicke ich auf Armut in der ambulanten Medizin. Goethe, Sokrates und Konfuzius können mir nicht helfen, denn: ohne Moos nix los.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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