ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1997Interpretation von Haaranalysen: Rückschlüsse auf den Stoffwechsel unmöglich

POLITIK: Medizinreport

Interpretation von Haaranalysen: Rückschlüsse auf den Stoffwechsel unmöglich

Kruse-Jarres, J. D.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die von einer Haaranalyse abgeleitete Information über die Kondition der Spurenelemente im menschlichen Körper ist nicht geeignet, eventuell vorliegende Stoffwechselstörungen aufzudecken oder nach den Ursachen für Mangelerkrankungen zu suchen. Entsprechende Interpretationen lassen inakzeptabel viel Spielraum für fragwürdige Therapiemaßnahmen und Diätvorschläge, die den Betroffenen zu hohen Preisen angeboten werden.
Die Spurenelemente sind in unterschiedlichen Konzentrationen in den verschiedenen Regionen des Haares vorhanden. Sie stammen:
1. aus der Matrix,
2. aus Ablagerungen des Talgs,
3. aus dem Transfer von exokrinen Schweißdrüsen in das Haar,
4. aus der Inkorporierung von apokrinen Schweißdrüsen in das Haar,
5. aus Ablagerungen der äußeren Umgebung nach Extrusion des Haares durch die Haut sowie
6. aus Rückständen kosmetischer Präparate.
Auf die Konzentationen von Spurenelementen in Haaren haben Alter, Rasse, Geschlecht, diätetische oder medikamentöse Besonderheiten, Topographie der Entnahmestelle, Haarlänge, Haarfarbe und vieles mehr zum Teil beträchtlichen Einfluß. Als exogene Störfaktoren kommen vor allem Haarwaschmittel, Färbemittel, Körperpflegemittel, Kosmetika und Umweltfaktoren diverser Herkunft in Frage. Umwelttoxikologische Gesichtspunkte machen die Information über den Wohnort, den Arbeitsplatz und Freizeitbeschäftigungen unerläßlich.
Die äußere Epidermis des Haares ist keine undurchlässige Schicht. Sie ermöglicht durch kleinste Risse und Löcher die Einwanderung und Ablagerung von Chemikalien. Dasselbe gilt für die Proteinstruktur des Haares. Auch sie kann Inhaltsstoffe aus Shampoos, Pflegemitteln oder Leitungswasser aufnehmen und speichern. Somit beinhaltet das Haar sowohl Elemente endogenen als auch exogenen Ursprungs. Lösungsmittel, die bei der Probenvorbereitung für analytische Verfahren eingesetzt werden, können nicht zwischen körpereigenen Ablagerungen und eventuellen Kontaminationen unterscheiden. Auf diese Weise werden relevante und irrelevante Informationen gleichermaßen beseitigt. Auch werden Elemente, die zunächst locker an der Oberfläche haften, durch präanalytische Prozeduren in die Haarstruktur eingebaut, indem sie durch feine Poren oder Verletzungen ins Haarinnere dringen. Das Haar kann in gewisser Hinsicht als eine Art Ionenaustauscher betrachtet werden!
Bei der Untersuchung von Haarproben der gleichen Kopfregion und der gleichen Länge nahe der Kopfhaut wurden Meßergebnisse erzielt, die zumeist hohe Impräzisionen von über 30 Prozent aufwiesen. Dies beruht weniger auf einer unpräzisen Analytik als vielmehr auf der Unbrauchbarkeit des Untersuchungsmaterials. Die in der Routine anwendbaren Referenzmethoden und die Normalwerte bedürfen insbesondere bei der Haaranalyse einer Standardisierung. Die zur Verfügung stehenden Methoden haben sehr unterschiedliche Nachweisempfindlichkeiten und Spezifitäten für die diversen Elemente. Die sehr unterschiedlichen Grenzen verschiedener Laboratorien für Normalwerte in Haaren werfen wegen der Diskrepanz zwischen fehlender Vergleichbarkeit und praktizierter Konsequenzen etliche ungelöste Fragen auf. Die International Atomic Energy Agency (IAEA) hat einen interlaboritären Ringversuch mit 66 Laboratorien in 28 Ländern durchgeführt. Das Ergebnis mit über 2 500 verschiedenen Meßwerten war niederschmetternd. Das National Bureau of Standards (NBS) der USA initiierte Untersuchungen mit gleichem Ziel, beendete diese aber, bevor Ergebnisse veröffentlicht wurden.
Erhebliche Mißstände
Auch die American Society of Elemental Testing Laboratories (ASETL) prüfte in einer externen Qualitätskontrolle die Glaubwürdigkeit der Haaranalyse. Das Programm hat erhebliche Mißstände aufgedeckt. Die Ergebnisse zeigten unvertretbar große Schwankungen. Darüber hinaus zeigten sich indiskutabel schlechte Präzisionskriterien solcher Laboratorien, die mehrere identische Haarproben unter verschiedener Kennzeichnung erhalten hatten.
Aus diesen Gründen gelten Serum, Plasma beziehungsweise Vollblut nach wie vor als zuverlässigstes Untersuchungsgut zur Entdeckung von Stoffwechselstörungen - auch wenn eine vergleichbare Zuverlässigkeit von Stichproben, wie bei vielen anderen klinisch-chemischen Kenngrößen, wegen der biologischen Dynamik der Spurenelemente nicht zu erzielen ist.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. J. D. Kruse-Jarres
Wissenschaftlicher Beirat
der Gesellschaft für Mineralstoffe und Spurenelemente e.V.
Katharinenhospital Stuttgart
Kriegsbergstraße 60
70174 Stuttgart

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote