ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1997Kompression und Ödemprotektion: Therapie der Venopathien steht „auf zwei Beinen“

POLITIK: Medizinreport

Kompression und Ödemprotektion: Therapie der Venopathien steht „auf zwei Beinen“

Filip, Karl B.

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LNSLNS Chronische Venenerkrankungen können die Lebensqualität deutlich einschränken. Therapieprinzip Nummer eins ist nach wie vor die Kompression mittels medizinischer Bandagen, Strümpfen oder Strumpfhosen. Das zweite Standbein ist die Ödemprotektion. Die einschlägigen Medikamente, deren Wirksamkeit gesichert ist, müssen allerdings in hohen Dosen appliziert werden.
In den Ländern westlichen Zuschnitts ist bei etwa jedem zweiten Menschen irgendeine Form der Venopathie nachzuweisen. Dennoch werden diese Erkrankungen in den Lehrbüchern meist nur am Rande abgehandelt. Und neue Erkenntnisse über wirksame Therapieformen würden von selbsternannten Kritikern kaum zur Kenntnis genommen, erzürnte sich der Pharmakologe Prof. Ernst Mutschler (Frankfurt/Main) auf dem Presseworkshop "Therapie chronischer Venenleiden" in Frankfurt/ Main.
Mäßiges Image
der Phlebologie
Die geringe wissenschaftliche Anerkennung der Phlebologie mag möglicherweise damit zusammenhängen, daß es sich bei den Venen um entsorgende Gefäße handelt. "Ein viel höheres ,Ansehen' genießen dagegen die versorgenden Gefäße", erklärte der Aachener Phlebologe Prof. Volker Wienert. Er zog damit eine Parallele zur Gastroenterologie, deren Betreiber ja auch lieber den versorgenden Magen als den entsorgenden Enddarm inspizieren. Das mäßige Image der Phlebologie spiegelt sich auch in der Tatsache wider, daß es bislang keine zuverlässige epidemiologische Metaanalyse gibt, weil unter dem Begriff Varikose zu viele Erkrankungen subsumiert werden. Um für Abhilfe zu sorgen, sichtete Wienert 30 epidemiologische Erhebungen aus elf Ländern mit Teilnehmerzahlen zwischen 88 und 217 000. Dieser Arbeit läßt sich entnehmen, daß mehr als die Hälfte der Patienten einer Allgemeinpraxis nach eingehender Untersuchung eine Varikose aufweist.
Adipositas ist Hauptrisikofaktor
Die Prävalenz der Beinvenenthrombosen schwankt bei Frauen zwischen 4,5 und 16 Prozent, bei Männern zwischen 1,5 und vier Prozent. Auch vom postthrombotischen Syndrom sind Frauen (2,7 bis 15 Prozent) häufiger betroffen als Männer (0,5 bis sechs Prozent). Und am Ulcus cruris venosum leiden zwischen 0,3 und 4,3 Prozent der Frauen, aber nur zwischen 0,1 und ein Prozent der Männer.
Wie Wienert anmerkte, scheint die überwiegend stehende Berufstätigkeit nicht der durchschlagende Risikofaktor zu sein, als der er bislang angesehen wurde. Vielmehr ist die Adipositas der Hauptrisikofaktor für das Entstehen einer Varikose. Der pathologische Prozeß setzt bereits in der frühen Jugend ein, und deshalb muß eine in der Jugend auftretende Stammvarikose operiert werden. Anamnese und klinischer Befund erlauben eine erste grobe Diagnose, die apparativ bestätigt werden muß. Als Basismaßnahme wird hier die Doppler-Sonographie eingesetzt. Mit der Duplex-Sonographie lassen sich morphologische Veränderungen am Venensystem aufdecken, etwa akute Thromben. Funktionsuntersuchungen, wie die Venendruckmessung und die Venenverschlußplethysmographie, runden das diagnostische Prozedere ab. Bei der chronischen venösen Insuffizienz (CVI) kommen zunächst konservative Maßnahmen zum Zug, und zwar häufiges Gehen, Hochlagern der Extremitäten und Kompression. Ohne Kompressionstherapie ist die CVI nicht in den Griff zu kriegen. Der medizinische Kompressionsverband wird in der Kurzzeittherapie angewendet, der Kompressionsstrumpf in der Langzeitbehandlung. Nach wie vor können also medizinische Kompressionsstrümpfe und -strumpfhosen zweimal jährlich verordnet werden. Mehrfachausstattungen sind möglich, sofern hygienische Gründe das erfordern. Die Kompressionstherapie kann während der Startphase durch die Gabe von Diuretika ergänzt werden. Um einer Hämokonzentration vorzubeugen, ist die Applikation dieser Mittel allenfalls für einige Tage erlaubt. Venentonisierende Präparate wie Mutterkornalkaloide können die unverzichtbare Kompressionsbehandlung ebenfalls begleiten. Am nachhaltigsten profitieren die Patienten indessen von Ödemprotektiva, deren Wirksamkeit in kontrollierten Erhebungen nachgewiesen wurde. Unter die Kategorie dieser verschreibungs- und erstattungsfähigen Medikamente fallen beispielsweise auf Aescin standardisierte Roßkastanien-extrakte und Oxerutine.
Die Wirksamkeit der Ödemprotektiva komme allerdings nur dann voll zum Tragen, sofern sie in ausreichend hoher Dosierung eingenommen werden. Erforderlich seien täglich einmal 100 mg Aescin oder täglich zweimal 500 mg Oxerutin, unterstrich Prof. Curt Diehm (Karlsbad) auf dem Workshop, der von den Firmen Ganzoni (Memmingen) und Dr. Willmar Schwabe (Karlsruhe) unterstützt wurde. Anhand einer kürzlich publizierten Studie (Lancet 1997; 349: 1188-1189) konnte er die Wirksamkeit der ödemprotektiven Pharmaka klar unter Beweis stellen. Es bleibt also festzuhalten, daß es sich bei den Ödemprotektiva keineswegs um umstrittene Arzneimittel handelt.
Werden die erwähnten Präparate in hohen Dosen zugeführt, reduzieren sie die Permeabilität der Kapillaren und die Ödembildung. Darüber hinaus aktivieren sie die Mikrozirkulation und beugen dem Ulcus cruris venosum vor. Wie Diehm anmerkte, halten sich die unerwünschten Wirkungen in engsten Grenzen. Von topischen Substanzen ist in der Behandlung der CVI keine spürbare Wirksamkeit zu erwarten. Karl B. Filip

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