ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2010Interview mit Prof. Dr. Volker Amelung, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Managed Care: „Zur integrierten Versorgung gibt es keine Alternative“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. Volker Amelung, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Managed Care: „Zur integrierten Versorgung gibt es keine Alternative“

Dtsch Arztebl 2010; 107(17): A-791 / B-691 / C-679

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

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LNSLNS Volker Amelung über kleine Verträge, die nicht schaden, gute Leute an den falschen Stellen und Geduld als Tugend im Versorgungsgeschäft

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
Die Anschubfinanzierung der Bundesregierung für die integrierte Versorgung ist beendet. Viele Versorgungsverträge wurden danach gekündigt. Ist die integrierte Versorgung tot?
Amelung: Nein, überhaupt nicht. Gekündigt wurden lediglich etwa 20 Prozent der Verträge; knapp 6 400 Verträge gab es während der Anschubfinanzierung. Jetzt dürften es noch etwas mehr als 5 000 sein.

Und Sie sind optimistisch, dass die fortgesetzt werden?
Amelung: Ja, denn zur integrierten Versorgung gibt es ja gar keine Alternative, wenn wir die Patienten auch künftig hochwertig versorgen wollen. Die Menschen werden immer älter, viele sind chronisch krank und multimorbide. Die zentrale Herausforderung für unser Gesundheitssystem ist doch, das Versorgungsmanagement auf genau diese Patienten auszurichten und die Schnittstellen zwischen den Sektorengrenzen zu optimieren. Das Ganze muss dann organisiert und gerecht vergütet werden. Und genau dort setzt die integrierte Versorgung an.

Viele sagen: Das, was es jetzt an Verträgen gibt, ist nur Kleinzeug.
Amelung: Man muss schon zugeben, dass etwa 70 Prozent davon kleinere Verträge sind, die stark von einzelnen Beteiligten abhängen. Solche Verträge katapultieren die Versorgungslandschaft in Deutschland nicht gerade nach vorn, aber sie schaden auch nicht. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch einige Verträge, die wirklich gut sind. Sie sind großflächig angelegt und werden nicht nur die integrierte Versorgung maßgeblich beeinflussen, sondern auch die Regelversorgung.

An welche Beispiele denken Sie da?
Amelung: Im Bereich der Palliativversorgung gibt es einige hervorragende Verträge, aus denen man auch schon viel für die Regelversorgung herausgefiltert hat. Das sogenannte Dresdener Brückenkonzept war dafür maßgeblich.

Sie meinen den Vertrag, den zunächst die AOK Sachsen abgeschlossen hatte und in den für die Versorgung von Patienten am Lebensende sowohl Krankenhausärzte und -pflegekräfte als auch niedergelassene Onkologen, Hausärzte, ambulante Hospizdienste und das Hospiz in Radebeul ein-gebunden sind?
Amelung: Ja, genau. Auch der Integrationsvertrag „Gesundes Kinzigtal“, bei dem Ärzte, Kliniken und andere Leistungserbringer die Vollversorgung von eingeschriebenen Versicherten in einer Region Baden-Württembergs erbringen, ist sehr erfolgreich.

War es denn ein Fehler, die Anschubfinanzierung zu beenden?
Amelung: Nein. Die Anschubfinanzierung hat zwar prima funktioniert, aber so etwas ist nur für einen gewissen Zeitraum sinnvoll. Danach muss man wieder dem Wettbewerb das Feld überlassen. Sie hat aber dafür gesorgt, dass etwas Bewegung in den Markt gekommen ist.

Und was hat sich seit dem Ende der Anschubfinanzierung getan?
Amelung: Leider nicht sehr viel. Man muss nüchtern feststellen, dass in den letzten beiden Jahren nur wenig spannende neue Konzepte entstanden sind.

Woran liegt das?
Amelung: Die Krankenkassen sind extrem getrieben von dem Gedanken, Geld zu sparen. Versorgungsverträge sparen kurzfristig aber keine Kosten. Dazu kommt: Kassen haben kein Forschungs- und Entwicklungsbudget. Und die niedergelassenen Ärzte haben dafür auch kein Geld. Außerdem sind die Rahmenbedingungen in Deutschland zurzeit äußerst unsicher. Das ist Gift für -Investitionen.

Sie sprechen vom Gesundheitsfonds?
Amelung: Ja, auch. Die Kassen sind im Moment paralysiert durch den Gesundheitsfonds. Und durch den Morbi-RSA.

Haben die Krankenkassen denn überhaupt die Kompetenz, um gute Versorgungsverträge auszuhandeln?
Amelung: Ja, bei den Kassen hat sich einiges getan, es wurden reihenweise gute Leute eingekauft. Das Problem ist nur: Die sind heute mit dem Risiko­struk­tur­aus­gleich oder mit Fusionen beschäftigt.

Was zeichnet denn einen wirklich guten IV-Vertrag aus? Worauf müssen die Vertragspartner achten?
Amelung: Es ist faszinierend, wie wenige Faktoren über einen guten IV-Vertrag entscheiden. Der wichtigste Faktor ist Zeit. Ärzte müssen sich mehr Zeit für ihre Patienten nehmen können. Und die muss dann auch vergütet werden. Zweitens: Man braucht jemanden, der sich kontinuierlich um den Patienten kümmert. Das muss kein Arzt sein, das kann zum Beispiel auch eine hochqualifizierte Pflegekraft unter Anleitung des Arztes machen. Im IV-Vertrag Kinzigtal zum Beispiel ist das Case-Management ein entscheidender Erfolgsfaktor. Denn der Patient ist in einem hoch leistungsfähigen, aber fragmentierten Gesundheitswesen schnell orientierungslos. Drittens brauchen wir einen vernünftigen Datenaustausch, zum Beispiel mit Hilfe elektronischer Patientenakten. Die Realität erfordert eine lückenlose, zeitnahe Dokumentation.

Die integrierte Versorgung war eine Zeit lang ein Modethema. Heute liest man wenig, und selbst die Krankenkassen halten sich zurück. Weshalb?
Amelung: Viele Krankenkassen haben erfolgreiche Projekte, aber überraschenderweise verkaufen sie sie schlecht. Vielleicht ist der Handlungsdruck noch zu niedrig, ebenso wie die Gewinnmöglichkeiten. Noch kann sich keine Kasse wirklich abheben von ihren Mitbewerbern. Ein anderer Grund ist, dass die Kassen befürchten, ihr Kerngeschäft zu kannibalisieren. Wenn sie sagen: ,Wir haben hier tolle IV-Verträge‘, könnte der Versicherte sich ja fragen, warum eine tolle Versorgung eigentlich nicht der Normalfall ist. Ich denke aber, insgesamt sollte man das Engagement der Kassen nicht schlechtreden.

Sehen Sie mittlerweile auch ethische Probleme bei der integrierten Versorgung?
Amelung: Da muss man unterscheiden. Bei Hüft-TEPs können die Kassen natürlich schon ihre unterschiedlichen Konzepte anbieten. Aber beispielsweise in der Palliativversorgung hat Wettbewerb nichts verloren. Da kann man Versicherten wirklich gute Projekte nicht vorenthalten, nur weil sie in einer anderen Kasse sind.

Was könnte denn helfen, die integrierte Versorgung wieder in Schwung zu bringen?
Amelung: Ich würde mir einen Innovationsfonds wünschen, mit dem gute Konzepte gefördert werden. Dieser Fonds müsste aber deutlich höhere Qualitätsmaßstäbe an Projekte anlegen, als es im Rahmen der bisherigen Anschubfinanzierung der Fall war. Gespeist werden sollte er aus dem Gesundheitsfonds. Mit diesem Geld könnte der Ideenwettbewerb gerade auch unter Ärzten neu gezündet werden.

Wie sieht die Zukunft der integrierten Versorgung aus?
Amelung: Wir müssen uns künftig mehr mit der Versorgung beschäftigen als damit, woher das Geld kommt. Im Moment geht es doch nur um Zusatzbeiträge und die Kopfpauschale. Aber das geht an den eigentlichen Problemen in unserem Gesundheitssystem vorbei. Denn es gibt doch nichts Günstigeres als eine gute Versorgung und nichts Teureres als eine schlechte. Wir sollten das Ganze mehr als Suchprozess begreifen, in dem man nach dem Prinzip „try and error“ zu guten Projekten findet. Deshalb bin ich auch ein großer Fan davon, dass jetzt einige Verträge gekündigt wurden. Das zeigt, dass der Markt funktioniert.

Ärzte schätzen zu viele verschiedene Verträge nicht.
Ich denke, für die Zukunft wird es wichtig sein, dass die großen Kassen Versorgungsverträge in großem Stil anbieten. Denn für Ärzte ist es indiskutabel, wenn sie mit 20 verschiedenen Kassen Verträge abschließen müssen. Aus meiner Sicht wäre es allerdings auch wichtig, die Krankenkassen zu privatisieren, damit sie handlungsfähig werden. Ich könnte sie mir als private Non-Profit-Organisationen vorstellen.

Sie sind optimistisch, dass es weitergeht mit der integrierten Versorgung?
Amelung: Ja, denn dass die Sektorengrenzen überwunden werden müssen, würde heute keiner mehr bestreiten. Wir sollten Geduld haben. Man macht nicht gleich den perfekten Vertrag. Man muss lernen, Verträge zu schließen und Vertragspartner zu sein.

Das Interview führten Falk Osterloh und Sabine Rieser.


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er Prof. Dr. Volker Amelung (44) besucht, darf mit Weitsicht rechnen: Durch die großen Fenster seines Büros fällt der Blick über die Spree hinüber zur Berliner Museumsinsel.

Auch Amelung selbst, vor kurzem als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Managed Care (BMC) bestätigt, blickt gern nach vorn: Den Verband will er noch stärker als Plattform für innovative Versorgungskonzepte etablieren und ihn internationaler ausrichten.

Die Arbeit für den BMC ist aber nur ein Teil seiner Aufgaben. Seit etlichen Jahren hat er eine Schwerpunktprofessur für internationale Gesundheitssystemforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover inne.

Amelung hat in Hamburg Abitur gemacht und in Sankt Gallen Betriebswirtschaft studiert. Danach ist er viel in der Welt herumgekommen und hat dabei seine Leidenschaft für das Thema Managed Care entdeckt.

Was er sich wünscht? „Wir reden alles schlecht, anstatt stolz auf unser leistungsfähiges Gesundheitssystem zu sein. Man müsste vieles sportlicher sehen und einfach Spaß am Verbessern haben. Zum Scheitern verurteilt ist aber eine Gesundheitspolitik gegen die Ärzte.“
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