ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2010Drogenkonsum: Bacillus anthracis in Heroin?
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LNSLNS Das Robert-Koch-Institut bittet die Ärzteschaft um erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich Haut- oder Weichteilinfektionen bei Heroinkonsumenten, da diese durch den Milzbranderreger verursacht sein könnten.

Es häufen sich in Europa in den letzten Monaten Erkrankungs- und Todesfälle, die vermutlich durch milzbrandkontaminiertes Heroin verursacht worden sind. Bereits Mitte Dezember 2009 war in Nordrhein-Westfalen (Städteregion Aachen) ein Heroinkonsument im Zusammenhang mit einer Bacillus-anthracis-Infektion gestorben. Er hatte sich mit einer massiven Schwellung des Beins im Bereich einer unauffälligen Injektionsstelle im Krankenhaus vorgestellt und wurde zunächst wegen der Verdachtsdiagnose einer tiefen Beinvenenthrombose behandelt. Im weiteren Verlauf entwickelte sich ein Kompartmentsyndrom.

Milzbrandbak - terien sind relativ groß und legen sich zu bambusartigen Ketten oder Fäden zusammen. Foto: cdc
Milzbrandbak - terien sind relativ groß und legen sich zu bambusartigen Ketten oder Fäden zusammen. Foto: cdc
Mitte März erkrankte in der Region ein zweiter Heroinkonsument an Milzbrand. Der Mann stellte sich wegen eines Abszesses an der Injektionsstelle am Arm beim Arzt vor. Klinisch imponierte im Verlauf eine massive Schwellung der Extremität, die ebenfalls zu einem Kompartmentsyndrom führte. Eine im Rahmen der operativen Wundversorgung durchgeführte Biopsie und mikrobiologische Untersuchung sicherte die Diagnose „Milzbrand“. Der Patient wurde antimikrobiell behandelt und befindet sich in einem klinisch stabilen Zustand.

Vermutlich haben sich beide Patienten über kontaminiertes Heroin infiziert. Eine direkte Verbindung zwischen beiden ist nicht bekannt.

Aus Schottland und England wurden seit Dezember 2009 bislang mehr als 30 Fälle von Milzbrand bei Heroinkonsumenten bekannt (www.hps.scot.nhs.uk und www.hpa.org.uk). Stammvergleiche von Bacillus-anthracis-Isolaten des verstorbenen Patienten aus Aachen und von schottischen Patienten ergaben identische Sequenzen für die untersuchten Genloci. Somit ist nicht auszuschließen, dass es sich um identische Stämme des Milzbranderregers bei allen untersuchten Fällen handelt, was wiederum auf eine gemeinsame Quelle des Heroins beziehungsweise der Verunreinigung hindeuten könnte.

Das Auftreten eines weiteren Falls bei einem Heroinkonsumenten legt nahe, dass kontaminiertes Heroin auch in Deutschland weiterhin im Umlauf ist. Es ist möglich, dass neben Nordrhein-Westfalen auch andere Bundesländer betroffen sind oder waren. Da das klinische Bild nicht unbedingt eine Unterscheidung zwischen Milzbrand und einer anderen Haut- oder Weichteilinfektion zulässt, sollten Ärzte bei der Behandlung und Betreuung von Heroinkonsumenten bei entsprechender Anamnese differenzialdiagnostisch frühzeitig an Milzbrand denken und eine entsprechende mikrobiologische Diagnostik veranlassen. Bei anderen Applikationsformen von Heroin sollten auch andere Manifestationsformen von Milzbrand (zum Beispiel Sepsis, Meningitis) berücksichtigt werden.

Die Infektion erfolgt zum Beispiel durch Injektion oder Inhalation von mit Milzbrandsporen verunreinigtem Heroin oder durch Kontakt mit verletzter Haut oder Schleimhaut. Es gibt praktisch keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Für die Allgemeinbevölkerung besteht kaum ein Infektionsrisiko. Weitere Informationen findet man auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts (RKI) unter www.rki.de.

Milzbrand ist eine meldepflichtige Infektionskrankheit. Gemäß § 6 des Infektionsschutzgesetzes sind Ärzte verpflichtet, bereits den Verdacht namentlich dem örtlichen Gesundheitsamt zu melden. Ebenso sind die Erkrankung an oder der Tod durch Milzbrand zu melden. Laborleiter sind verpflichtet, den direkten oder indirekten Nachweis von Bacillus anthracis namentlich dem örtlichen Gesundheitsamt zu melden.

Bei begründetem Verdacht bietet das RKI Unterstützung bei der Untersuchung von klinischem Material oder potenziellen Infektionsquellen zum Ausschluss von Bacillus anthracis an. Zusätzlich kann auch eine Beratung zur Gewinnung und zum Versand der Proben erfolgen.

Dr. med. Helen Bernard
Dr. med. Mirko Faber, PD Dr. Roland Grunow
Robert-Koch-Institut, Berlin
Dr. med. Verena Bochat
Gesundheitsamt der Städteregion Aachen
Anette Görg
Klinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie Luisenhospital, Aachen

Ansprechpartner am Robert-Koch-Institut sind:
PD Dr. Roland Grunow vom Zentrum für Biologische Sicherheit (GrunowR@rki.de). sowie
Dr. Helen Bernard (BernardH@rki.de) und
Dr. Mirko Faber (FaberM@rki.de) von der Abteilung für Infektionsepidemiologie
Milzbrandbak - terien sind relativ groß und legen sich zu bambusartigen Ketten oder Fäden zusammen. Foto: cdc
Bacillus anthracis in Heroin
Milzbrandbak - terien sind relativ groß und legen sich zu bambusartigen Ketten oder Fäden zusammen. Foto: cdc

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