ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2010Riviera di Levante: Küste mit vielen Gesichtern

KULTUR

Riviera di Levante: Küste mit vielen Gesichtern

Dtsch Arztebl 2010; 107(17): A-825 / B-721 / C-709

Mölck-Del Giudice, Sigrid

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LNSLNS Kein Michelangelo, kein Leonardo – der Landstrich lebt hauptsächlich von seinem milden Klima und dem Reiz der Naturgewalten.

Bühnenreife Kulisse: Portovenere zieht alljährlich Heerscharen von Touristen an.
Bühnenreife Kulisse: Portovenere zieht alljährlich Heerscharen von Touristen an.
Wenn Rudy Ciuffardi einen letzten Blick auf sein eisgekühltes Fischbuffet wirft, bevor der Trubel in seinem Restaurant beginnt, huscht meistens ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht. Denn bei ihm kommt nur das auf den Tisch, was mit dem hauseigenen Hochseekutter gefangen wird. Rosa schimmernde Krustentiere, Tintenfische, Goldbrassen, Seezungen und Rotbarben liegen da, mit saftiggrünen Kräutern dekoriert. Der Gast braucht nur zu sagen, wie er alles zubereitet haben möchte. So kommen viele Genueser nicht nur ihrer Boote wegen nach Sestri Levante, sondern auch, um sich bei Rudy einmal quer durch die einladende Speisekarte zu essen.

Die traditionelle Küche an der ligurischen Küste ist zweifellos dem Meer zugewandt, wobei der Einfluss fremder Kulturen aus der Zeit der Seerepubliken nicht zu übersehen ist. Auf den Speisekarten stehen Gerichte wie „Buridda“, eine echte Fischbrühe mit Lorbeer und Pilzen gewürzt, süßsaurer Stockfisch, orientalisch zubereitet, oder Seebarsch in Weißweinsoße. Aber auch „Mesciua“, eine Suppe aus Kichererbsen, Bohnen und Dinkel mit Olivenöl, mit der sich früher die Seeleute begnügen mussten, wenn die Kombüse nahezu leer war.

Die Riviera di Levante, urwüchsig und längst kein Geheimtipp mehr, gehört nicht zu den großen Kunstlandschaften Italiens. Die Küste lebt hauptsächlich von ihrem milden Klima und vom Reiz der kompromisslos aufeinanderprallenden Naturgewalten. Wo das Wasser aufhört, da beginnen auch schon die Berge. Zahllose, kompakte Ortschaften und Fischerdörfer schmiegen sich hinter handtuchbreiten Kiesstränden an den felsigen Küstensaum, lassen im Meeresdunst ihre farbenprächtigen Hausfassaden aufleuchten.

Ein Muss für jeden Rivierabummler ist Camogli am Golfo Paradiso, das mit seinen fotogenen Bilderbuchhäusern immer wieder Werbeplakate schmückt. Diese dekorativen Palazzi aus dem 18. und 19. Jahrhundert sollen so bunt gestrichen worden sein, damit die Fischer ihr Wohnhaus schon von weitem erkennen konnten.

Pasta und Meeresfrüchte stehen auf der ligurischen Speisekarte ganz oben. Fotos: Sigrid Mölck-Del Giudice
Pasta und Meeresfrüchte stehen auf der ligurischen Speisekarte ganz oben. Fotos: Sigrid Mölck-Del Giudice
Ganz anders präsentiert sich Santa Margherita Ligure mit seinen Luxushotels. In den Goldenen Zwanzigern gingen im „Miramare“, schon damals eines der 100 „Leading Hotels of the World“, Stars wie Greta Garbo und später Maria Callas ein und aus. Obwohl die Hafenstadt inzwischen ein Ferienort für jedermann geworden ist, verkünden die hochseetauglichen Segelyachten, dass die internationale Skippergilde auch heute noch gerne kommt.

Die spröde Schönheit der Riviera di Levante hat schon die englischen Romantiker Anfang des 19. Jahrhunderts fasziniert. In Lerici, am südlichsten Zipfel der Region, erinnern Gedenktafeln und Hotelnamen daran, dass sich dort Percy B. Shelley, John Keats und Lord Byron wohlfühlten und zu bedeutenden Werken inspirieren ließen. Der im Sommer belebte Ferienort hat trotz markanter Bausünden einen gewissen Charme bewahrt.

Mondän gibt sich Rapallo. Die Reichen und Schönen kommen immer noch gern hierher.
Mondän gibt sich Rapallo. Die Reichen und Schönen kommen immer noch gern hierher.
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Die Pendelfähren sind an der Levante das bequemste Fortbewegungsmittel überhaupt. In der Hochsaison geht auf den engen Straßen, die zum Teil für Autos gesperrt sind, so gut wie gar nichts mehr. Portovenere zieht alljährlich Heerscharen von Touristen an. Schmale, bunte Häuser flankieren den Hafenkanal und bilden mit den kleinen Straßencafés eine bühnenreife Kulisse. Unter der weithin sichtbaren gotischen Streifenkirche liegt die vielbesuchte Arpaia-Grotte, in der Lord Byron nach ausgiebigen Schwimmtouren stimmengewaltig seine Verse deklamiert haben soll. Heute stürzen sich internationale Wettspringer von den 20 Meter hohen Klippen – vor klickenden Digitalkameras – ins Ligurische Meer.

An Urlaubern hat es an der Riviera noch nie gefehlt. Aber erst seit Beginn des organisierten Reisens lebt die Küste fast ausschließlich vom Tourismus. Nur die Cinque Terre, inzwischen zum Weltkulturerbe erklärt und lediglich zu Fuß erreichbar, haben sich damit lange schwergetan. Verschachtelt und wie zu einer Kasbah getürmt, krallen sich die „Fünf Dörfer“ zwischen terrassierten Rebenfeldern an das schroffe Steilufer. Verwinkelte Wanderpfade und schweißtreibende Treppenwege verbinden, neben einer kurvenreichen Stichstraße, die Ortschaften miteinander. Die einmalige Kulturlandschaft mit ihren Trockenmauern, die die tief abfallenden Terrassen stützen, wurde in mühevoller Arbeit über zig Generationen modelliert. Jetzt droht die atemberaubende Land-Art zu rutschen, weil niemand mehr dafür schuften will.

Das Aushängeschild der Küste aber ist immer noch Portofino. An den Wochenenden kommen sintflutartige Besucherströme, um für ein paar Stunden das Flair einer mondänen Ferienenklave und den vielleicht teuersten Eisbecher ihres Lebens zu genießen.
Sigrid Mölck-Del Giudice

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