ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2010Nachahmerpräparate. Hart umkämpfter Markt

WIRTSCHAFT

Nachahmerpräparate. Hart umkämpfter Markt

Dtsch Arztebl 2010; 107(17): A-828 / B-723 / C-711

Prenzel, Petra

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LNSLNS Fusionen und Übernahmen prägen den Generikamarkt. Während die Branche Marktanteile gewinnt, schrumpfen die Gewinne.

Der Generikamarkt ist in Bewegung. Das jüngste Beben löste der Kauf von Ratiopharm durch den israelischen Konzern Teva im März aus. Teva ist dadurch zum weltweit führenden Anbieter von Nachahmerpräparaten aufgestiegen. An zweiter Stelle steht der schweizerische Konzern Novartis-Sandoz. Der Abstand zwischen dem erstem und dem zweiten Platz ist groß: Den gemeinsamen Umsatz von Teva und Ratiopharm beziffert Teva-Chef Shlomo Yanai für das vergangene Jahr auf circa 16 Milliarden US-Dollar. Novartis hat 2009 „nur“ 7,5 Milliarden US-Dollar erlöst.

Größe und damit verbunden niedrige Produktionskosten sind auf dem hart umkämpften Markt wichtig. Zum einen drängen immer mehr Anbieter aus Indien und China auf den Markt, zum anderen erfordert die Produktion von Biosimilars, das sind Generika biotechnologisch erzeugter Medikamente, Forschungs-Know-how und Finanzkraft. Die Entwicklung eines Biosimilars kostet mit 80 bis 100 Millionen US-Dollar ein Vielfaches der chemischen Nachahmerpräparate, mit denen die Generikaindustrie bisher gearbeitet hat.

Große Pläne bei Teva
Ratiopharm ist für Teva die dritte milliardenschwere Übernahme innerhalb von fünf Jahren. 2008 hatte das Unternehmen für neun Milliarden US-Dollar den US-Konkurrenten Barr geschluckt, im Jahr 2005 die US-Firma Ivax für 7,4 Milliarden US-Dollar. Für Ratiopharm bezahlte Teva 3,6 Milliarden Euro. Damit lag der Preis zwar höher als zunächst von Fachleuten erwartet, trotzdem bewerteten Investoren und Bankanalysten die Übernahme positiv. Seit der Übernahme ist der Aktienkurs gestiegen.

Ratiopharm hat 2009 einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro erzielt. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen betrug 307 Millionen Euro. Teva hat somit etwa das 2,2-Fache des Umsatzes und knapp das Zwölffache des Betriebsgewinns vor Abschreibungen (EBITDA) für Ratiopharm bezahlt. Das ist immer noch weniger als bei vielen anderen Übernahmen in der jüngeren Vergangenheit. Mit dem Ratiopharmverkauf treibt der Ulmer Unternehmer Ludwig Merckle die Sanierung seines hochverschuldeten Familienimperiums voran.

Für die Zukunft hat Teva große Pläne: Bis zum Jahr 2015 soll der Jahresumsatz auf 31 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt werden. In Europa peilt das Unternehmen eine Verdreifachung des Umsatzes auf mehr als neun Milliarden US-Dollar an. Die Marke Ratiopharm will der Teva-Chef für eine weitere Expansion in Europa nutzen.

Bereits seit Jahren prägen Fusionen und Übernahmen das Geschäft mit Generika. Allein seit dem Jahr 2005 wurden Generikafirmen im Wert von mehr als 65 Milliarden US-Dollar verkauft. Fachleute erwarten weitere Übernahmen. Die beiden unterlegenen Bieter im Poker um Ratiopharm – der US-Pharmagigant Pfizer und der isländische Konzern Actavis – dürften nach anderen Kaufobjekten Ausschau halten. Als Kandidat wird der deutsche Generikahersteller Stada gehandelt, allerdings hat der Vorstand bisher eine Übernahme abgelehnt.

Die Generikaunternehmen agieren in einem schwierigen Umfeld. Zwar würden bis zum Jahr 2012 Medikamente im Volumen von 97 Milliarden US-Dollar ihren Patentschutz verlieren, prognostiziert das Marktforschungsunternehmen IMS Health, allerdings sei schwer vorherzusagen, wie schnell die Preise dieser Substanzen verfallen würden und wie viel Umsatzpotenzial für die Branche noch übrig bleibe. Andererseits setzt die Politik der Generikabranche immer engere Grenzen. „Insbesondere deutsche Generikahersteller sind durch die Rabattverträge deutlich unter Druck geraten“, sagt Carsten Kunold, Pharmaexperte bei der Münchener Privatbank Merck, Finck & Co. Zwar seien die größten Preisabschläge inzwischen von den Unternehmen verarbeitet worden, „der Markt bleibt aber schwierig“.

In Deutschland sorgen die EU-weiten Rabattausschreibungen der Krankenkassen für einzelne Wirkstoffe seit dem Jahr 2009 für deutliche Einbußen bei den Herstellern. Auch in den Niederlanden und in Großbritannien setzten die Kran­ken­ver­siche­rungen dramatische Preissenkungen durch. Aber der Generikasektor werde auch in Zukunft stärker wachsen als das Geschäft mit patentgeschützten Arzneimitteln, prognostiziert IMS Health: weltweit jährlich um sieben bis neun Prozent. Die Wachstumsrate der patentgeschützten Arzneimittel sehen die Experten nur zwischen vier und sieben Prozent.

Die Politik setzt enge Grenzen
Als Folge des anhaltenden Preiswettbewerbs sei der Wertanteil der Generika an den Arzneimittelausgaben auf Basis des Apothekenverkaufspreises 2009 um einen Prozentpunkt auf 28 Prozent gesunken, schreibt der Verband der Generikahersteller Pro-Generika. Lege man den Abgabepreis der pharmazeutischen Unternehmungen zugrunde, hätten die Krankenkassen sogar nur 21 Prozent ihrer Ausgaben für Generika aufbringen müssen. Zugleich sei die Menge der verkauften Generika gestiegen. 2009 seien 62 von 100 auf ärztliches Rezept in Apotheken zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) abgegebenen Arzneimittel Generika (2008: 61 Prozent). Durch den Einsatz von Generika habe die GKV im vergangenen Jahr knapp acht Milliarden Euro gespart.
Petra Prenzel
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