ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2010Dominikanische Republik: Vom Main ins Surferdorf

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Dominikanische Republik: Vom Main ins Surferdorf

Dtsch Arztebl 2010; 107(17): A-831 / B-727 / C-715

Kubisch, Bernd

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LNSLNS Ein deutscher Arzt mit spannender Vergangenheit praktiziert heute in der Karibik.

Dr. med. Gideon Plaut spricht Englisch, Spanisch „und fließend Hessisch“, wie er lächelnd sagt. Er ist in Israel geboren, in Frankfurt am Main aufgewachsen und zur Universität gegangen, hat sich in New York 1983 mit Aidsforschung beschäftigt und praktiziert heute im Surferdorf in Cabarete in der Dominikanischen Republik.

Fotos: Bernd Kubisch
Fotos: Bernd Kubisch
Die Zeit als Medizinstudent in Frankfurt hat Plaut genossen. Mit leuchtenden Augen erinnert er sich an die Demonstrationen gegen das Establishment und die Neonazis. „Wir Studenten und die Jüdische Gemeinde waren sehr verbunden im Kampf gegen Rechtsradikale“, betont der inzwischen 54-jährige Arzt mit israelischer und deutscher Staatsangehörigkeit in seinem Arztzimmer, 200 Meter vom Strand entfernt. Er stammt aus einer jüdischen Familie. Der Vater ist aus Eschwege (Werra-Meißner-Kreis), die Mutter aus Hungen (Landkreis Gießen). Beide konnten während des Holocausts Deutschland noch rechtzeitig verlassen, lernten sich in Israel kennen und kehrten 1958 gemeinsam nach Hessen zurück. Da war Plaut junior drei Jahre jung. Er sagt: „Eine ungewöhnliche, aber wahre Geschichte.“

„Ich bekam den Arztberuf nicht in die Wiege gelegt von Eltern oder Verwandtschaft. Es war aber immer mein Wunsch gewesen, Menschen medizinisch zu helfen.“ Doch zunächst scheiterte Plaut am Numerus clausus in Deutschland. Der Wahlhesse machte einen „kleinen Umweg“ über Antwerpen in Belgien. Er redet über die Höhen und Tiefen seines Lebens sehr gelassen: „Ich bin Legastheniker. Dies wurde spät entdeckt. Dann machte ich eine Therapie. Meine Noten verbesserten sich.“ Nun wurde er an der Universität in Frankfurt akzeptiert, musste aber seine Scheine nachmachen. Die Approbation erhielt Plaut 1982 in Frankfurt, arbeitete anschließend ein halbes Jahr an der Kurklinik in Bad Salzhausen. Doch bald war ihm Hessen zu klein. Dies war auch die Zeit, als die ersten Aidsfälle in New York bekanntwurden. „1983 begann ich im Health Department als Volontär, dann arbeitete ich für die Aids Medical Foundation.“ Dazu war ein Empfehlungsschreiben von Prof. Dr. med. Eilke Brigitte Helm förderlich. Die Forscherin machte sich als Expertin für Aidserkrankungen an der Goethe-Universität in Frankfurt einen Namen und behandelte schon 1982 die ersten Patienten. Nach dem Tod des Vaters kehrte Plaut nach Frankfurt zurück, arbeitete auch ein Jahr als praktischer Arzt im Frankfurter Nordend. Doch bodenständig war er nicht. Die Karibik lockte. „Das war mein Traum, schon als Student hatte ich Praktika in Barbados und Jamaika gemacht.“ Es klopft an seiner Tür. Eine Mitarbeiterin tritt ein. Die ersten Patienten seien da und warteten, sagt sie. Plaut schaut auf die Uhr und nickt.

„Wir müssen hier so gut wie alles machen – Fachärzte und das nächste Krankenhaus sind mehr als 50 Kilo - meter entfernt.“
„Wir müssen hier so gut wie alles machen – Fachärzte und das nächste Krankenhaus sind mehr als 50 Kilo - meter entfernt.“
Seine Mutter Ruth – inzwischen verstorben – war einige Male in Cabarete, hat auch das kleine Hotel und das indische Restaurant „Blue Moon“ in den nahen Bergen gesehen, die ihrem Sohn Gideon gehören. Der ist sozial engagiert, wie seine Mutter es war, und hat im Andenken an sie den „Ruth Plaut Kindergarten“ geschaffen. Kinder aus dem ärmlichen Dorf La Mina werden hier spielerisch auf ihre Schulzeit vorbereitet: „Meine Mutter hatte damals sehr geholfen, meinen Traum zu verwirklichen und in der Karibik neu zu starten.“

Zwei Fußminuten sind es von der Arztpraxis zum Strand. An diesem sonnigen Tag gleiten Dutzende von Surfern auf ihren Brettern über das Meer, andere klammern sich zwischen Gischt und Himmel an ihre Kites. Spektakulär ist ein Abendspaziergang über den weiten, feinsandigen Strand, vorbei an den Bars, Pubs und Restaurants. Mond und Sterne strahlen mit Kerzen, Lampen und Lampions um die Wette. Reggaeklänge mischen sich mit Calypso, Salsa und Merengue: „Das ist es, was ich liebe. Seit meinem Praktikum in Barbados hat mich die Karibik nicht mehr losgelassen.“

Zu Plauts Patienten zählen neben Dominikanern auch Touristen und hier lebende Deutsche. Claudia Schwarz aus Aachen, seit 20 Jahren in Cabarete, hat nahe der Praxis ihr Hotel. Sie sagt: „In der Dominikanischen Republik haben alle Menschen mehr Zeit, auch die Ärzte für ihre Patienten. Und ein gutes Gespräch hilft vielen.“

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Eine ungewöhnliche Geschichte: In Israel geboren, in Frankfurt aufgewachsen und als Forscher in New York, behandelt Gideon Plaut heute Patienten in einem Surferparadies in der Karibik.
Eine ungewöhnliche Geschichte: In Israel geboren, in Frankfurt aufgewachsen und als Forscher in New York, behandelt Gideon Plaut heute Patienten in einem Surferparadies in der Karibik.
In dem flachen Ärztehaus an der Hauptstraße nach Puerto Plata arbeiten vier Ärzte. „Ich habe eine Partnerschaft mit einem dominikanischen Kollegen und zwei angestellte Ärzte. So ist unser Medi Service für Notfälle rund um die Uhr besetzt“, berichtet Plaut. Was ist der größte Unterschied zwischen einem Arzt in einer Kleinstadt in Deutschland und in der Karibik? „Wir müssen hier so gut wie alles machen – Fachärzte und das nächste Krankenhaus sind mehr als 50 Kilometer entfernt.“ Der Deutsche kümmert sich um Dengue, parasitäre Erkrankungen, Hautleiden, Ohrenerkrankungen infolge von Schwimmen und Tauchen, Unfallverletzungen („wir machen hier auch kleine Chirurgie“) und vieles mehr.

Cabarete ist ein ruhiger Ort für Sportler, nichts für Sextouristen. Deshalb kommen Urlauber mit Sorgen wegen eines geplatzten Kondoms und HIV-Infizierung selten in die Praxis. Inzwischen gibt es in dem Land eine soziale Kran­ken­ver­siche­rung mit einer Plastikkarte, die von Ärzten akzeptiert wird. Leute ohne festen Job haben so eine Versicherung noch nicht.

Zu seinem Glauben sagt der Arzt: „Ich bin Jude, aber kein praktizierender.“ Wenn er wollte, könnte er regelmäßig in die Synagoge im nahen Sosua gehen. Etwa 700 Juden fanden 1933 vor der Verfolgung in Nazideutschland in der Dominikanischen Republik eine neue Heimat. Der damalige dominikanische Diktator Rafael Trujillo nahm die Einwanderer jedoch nicht aus Nächstenliebe auf. Er schätzte deutsche Tüchtigkeit und wollte sein Volk auch etwas „heller“ in der Hautfarbe machen. „Egal wo Juden und Israelis heute sind, ihre Geschichte ist allgegenwärtig – auch in der Karibik“, sagt der Arzt.
Bernd Kubisch

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