ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Qualitätssicherung: Fragen
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LNSLNS . . . Lassen "Standards" wirklich Raum für Neues? Schön wär’s! Aber wenn wir etwa die Richtlinien zur kassenärztlichen psychotherapeutischen Versorgung betrachten (hier kann ich als Facharzt für psychotherapeutische Medizin mitreden), so sehen wir, was wirklich geschieht: Mit der Fixierung von "Standardverfahren" werden andere therapeutische Möglichkeiten ausgeschlossen beziehungsweise haben die größten Schwierigkeiten, zu einer Anerkennung zu gelangen. Sie können sich nicht auf innovationsfördernden Grünflächen bewähren, sondern werden in unerwünschte Grauzonen abgedrängt, in denen sie gefälligst erst einmal ihre "Wissenschaftlichkeit" und ihre (statistisch abgesicherte) "Effektivität" nachweisen sollen, bevor sie in den hehren Kreis der "Standardmethoden" aufgenommen werden können. "Standards" haben leider nicht die Neigung, "immer wieder Raum für Neues" zu lassen (wie Schaefer und Herholz meinen), sondern stehen durch Fixierung des Gewordenen und Ausschluß des Neuen einer Qualitätsverbesserung eher im Weg. (Wie sich das in anderen Fachgebieten verhält, vermag ich nicht zu sagen; ich vermute aber, daß es dort ähnliche Probleme gibt.) . . .
Wie sollen wir in der Psychotherapie – und ebenso in jeder auf den kranken Menschen hin orientierten Medizin – zu einer "einheitlichen Datenlage" aufgrund "unverzichtbarer"(?), "einheitlicher Dokumentationsstandards" kommen? Selbst wenn wir zum Beispiel bei einer Depression nach dem Verlust eines vertrauten Menschen, einer mit psychosomatischen Störungen einhergehenden Ehekrise oder einer Phobie als Ausdruck eines nicht bewältigten Entwicklungsschritts zu einheitlichen Dokumentationsstandards kämen (mit welchem Verwaltungsaufwand?), so würde uns das therapeutisch gar nichts nützen – und an der Therapie ist doch die Qualität unserer Arbeit zu messen! Wir würden mit "Daten" und "Standards" nur das Menschliche in das sprichwörtliche Prokrustesbett zwängen – was der Qualität sicher nicht zuträglich wäre . . .
Prof. Dr. med. Helmuth Stolze, Adalbert-Stifter-Straße 31, 81925 München
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