MEDIZIN: Aus der Redaktion

Kennzeichen Forschung

Das Deutsche Ärzteblatt ist nicht erst in den letzten Jahren auch eine Quelle für medizinische Originalarbeiten – eine Auswertung

Focus on Research: The Deutsches Ärzteblatt Can Look Back on a Long Tradition of Publishing Original Articles in Medical Science—A Survey

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(18): 317-9; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0317

Ludwig, Svenja; Baethge, Christopher

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LNSLNS Für die Leser und Leserinnen sind wissenschaftliche Artikel im Deutschen Ärzteblatt eine Selbstverständlichkeit. Heute. Denn über viele Jahrzehnte handelte es sich um ein rein standespolitisches Journal, und erst in den 1950er Jahren begann der regelmäßige Abdruck von Fortbildungsartikeln aus der Feder wissenschaftlicher Autoren. Mittlerweile sind begutachtete Übersichtsarbeiten und CME-Artikel zu einem Markenzeichen des Deutschen Ärzteblattes geworden. Wie aber steht es mit Originalarbeiten, also mit Erstveröffentlichungen wissenschaftlicher Forschungsergebnisse?

Dem Begriff Originalarbeit sind je nach wissenschaftlicher Herkunft verschiedene Gattungen subsumiert: Zu den häufigsten gehören Artikel über experimentelle Studien (Grundlagenforschung: Laboruntersuchungen oder Tierexperimente). Aus der epidemiologischen Forschung resultieren Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien und Querschnittsuntersuchungen. Die klinische Forschung ergibt Kasuistiken, offene Beobachtungsstudien oder auch den Goldstandard der Medizin, die randomisierte, klinische Studie.

Im Folgenden sollen die Präsenz und Verteilung dieser Originalarbeiten im Deutschen Ärzteblatt seit Initiierung des medizinisch-wissenschaftlichen Heftteils – der heutigen Rubrik Medizin – dokumentiert werden.

Eine solche Bestandsaufnahme dient nicht nur dem Eigeninteresse, sondern zielt auch auf die Identifikation wichtiger klinischer Studien, die bisher nicht in Datenbanken wie der Medline repräsentiert sind. Bereits im Jahre 1995 haben Egger und Smith darauf hingewiesen (1), dass eine beträchtliche Anzahl klinischer Studien in Zeitschriften publiziert wird, die nicht in den internationalen bibliografischen Datenbanken vertreten sind – ein Problem, das zu einer Verzerrung von Übersichtsarbeiten führen kann. Auch das Deutsche Ärzteblatt war bis vor Kurzem nicht in den internationalen Datenbanken wie zum Beispiel Medline und Embase gelistet. Seine wissenschaftlichen Artikel sind erst seit dem Jahr 2008 in der Medline verzeichnet. Für den Zeitraum vor 2008 sind Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt also über die in der Medizin übliche Medline-Recherche nicht auffindbar. Dennoch wurden im Deutschen Ärzteblatt natürlich auch bereits vor 2008 wichtige Arbeiten veröffentlicht.

Für andere Zeitschriften liegen breite Untersuchungen vor (2), die dazu geführt haben, dass kontrollierte Studien dem Vergessen entrissen wurden und im Cochrane Controlled Trials Register, einer Datenbank, die mittlerweile zu einer wichtigen Quelle für Übersichtsarbeiten geworden ist, zugänglich sind.

Ein halbes Jahrhundert
Die vorliegende Untersuchung umfasst insgesamt 697 Originalarbeiten aus den Jahren 1958 bis 2009. Die Einteilung der Studientypen erfolgte nach den Vorgaben des Deutschen Cochrane-Zentrums und von Blettner und Mitarbeitern (3, 4). Der Großteil der Untersuchungen entstammt der klinischen Forschung. Dabei standen zunächst Falldarstellungen und Sammelkasuistiken im Vordergrund. Es kamen aber auch 28 kontrollierte Studien zum Abdruck, darunter zwölf randomisierte kontrollierte Studien.

Die Zählung der Manuskripte ergab 444 Fallserien, 59 Kohortenstudien, 45 Querschnittsstudien, 27 Beschreibungen von Registerdaten, 26 Fall-Kontroll-Studien, 18 Einzelfalldarstellungen, 16 nichtrandomisierte kontrollierte Studien, 15 sekundäre Datenanalysen, 14 Tier- oder Zellversuche, zwölf randomisierte kontrollierte Studien, drei Methodenentwicklungen, zwei Monitorings und eine genetische Studie. Alle übrigen Originalarbeiten verteilten sich auf systematische Literaturrecherchen, klinische Leitlinien, biometrische Verfahren und eine Handlungsempfehlung (Tabelle gif ppt).

Über den Beobachtungszeitraum von rund einem halben Jahrhundert kam es zu einer Zunahme von Originalarbeiten im Deutschen Ärzteblatt, wenn auch mit starken Schwankungen (Grafik 1 gif ppt): Nach schleppendem Beginn konnte man Anfang der 1970er Jahre einen Anstieg beobachten. Bei bis heute konstanten Seitenumfängen der Rubrik Medizin wurden danach jährlich um die fünfzehn Studien veröffentlicht, bis die Zahl in den letzten Jahren wieder stieg. Das Jahr 2008 bildete mit 34 Originalarbeiten den bisherigen Höhepunkt. In den letzten zehn Jahren treten Fallserien im Deutschen Ärzteblatt zurück, während die Anzahl von Querschnittsstudien und kontrollierten Studien zunimmt.

Konservativ und operativ
Die meisten Artikel kamen aus den Fächern Chirurgie, Innere Medizin und Gynäkologie. Stellt man die nicht konservativen den konservativen Fächern gegenüber, so ergibt sich ein Übergewicht der operativen Disziplinen. Am häufigsten veröffentlichten Autoren und Autorinnen aus Chirurgie und Gynäkologie mit 157 beziehungsweise 73 Publikationen. Dies ist erstaunlich vor dem Hintergrund aller Übersichts- und Originalarbeiten im Deutschen Ärzteblatt: Seit 1965 stammen hier etwa 80 Prozent der veröffentlichten Artikel aus nichtoperativen Fächern (5).

Bei den Autorenzahlen zeigt sich die aus anderen Studien bereits bekannte drastische Zunahme (6): Während die Zahl der Verfasser bis 1994 gemächlich auf durchschnittlich 2,2 pro Artikel steigt, beträgt sie 2006 bereits 3,4, um im vergangenen Jahr bei 6,5 zu liegen. Auch in Bezug auf den Frauenanteil an den Erstautorschaften ergibt sich mit 10 Prozent die bekannte Unterrepräsentanz über den gesamten Zeitraum (7), wobei der Anteil in den letzten beiden Jahren bereits bei etwas über einem Drittel lag (Grafik 2 gif ppt).

Im Sinne des Deutschen Ärzteblattes als eines Publikationsortes für Forschung freut sich die Medizinisch-Wissenschaftliche Redaktion des Deutschen Ärzteblattes über Originalarbeiten aus der klinischen Forschung und der Versorgungsforschung. Auch für die Autoren hat eine Publikation im Deutschen Ärzteblatt in den vergangenen Jahren deutlich an Attraktivität gewonnen: durch die Indexierung in Medline und allen anderen wichtigen Datenbanken in der Medizin, durch die komplette Übersetzung aller wissenschaftlicher Artikel ins Englische, durch den barrierefreien Zugang zu den deutschen und englischen Versionen („open access“) und nicht zuletzt auch durch das Autorenhonorar sowie den für die nahe Zukunft angekündigten ersten Impact-Faktor (siehe Kasten).

Interessenkonflikt
Dr. Svenja Ludwig ist Redakteurin,
PD Dr. Christopher Baethge ist Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes.

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Svenja Ludwig
Medizinisch-Wissenschaftliche Redaktion
E-Mail: ludwig@aerzteblatt.de


Focus on Research: The Deutsches Ärzteblatt Can Look Back on a Long Tradition of Publishing Original Articles in Medical Science—A Survey

Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2010; 107(18): 317–9
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0317

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Egger M, Smith DS: Misleading meta-analysis. BMJ 1995; 310: 752–4. MEDLINE
2.
Blümle A, Antes G: Handsuche nach randomisierten kontrollierten Studien in deutschen medizinischen Zeitschriften. Dtsch Med Wochenschr 2008; 133: 230–4. MEDLINE
3.
Prel JB du, Röhrig B, Blettner M: Kritisches Lesen wissenschaftlicher Artikel: Teil 1 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen [Critical appraisal of scientific articles – Part 1 of a series on evaluation of scientific publications]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(7): 100–5. VOLLTEXT
4.
Röhrig B, Prel JB du, Blettner M: Studiendesign in der medizinischen Forschung: Teil 2 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen [Study Design in Medical Research – Part 2 of a series on evaluation of scientific publications]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(11): 184–9. VOLLTEXT
5.
Eckhardt, Tobias-Michael: Fünfzig Jahre Medizinisch-Wissenschaftlicher Teil im Deutschen Ärzteblatt. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, 24. Februar 2010.
6.
Baethge C: Gemeinsam veröffentlichen oder untergehen [Publish together or perish]: Dtsch Arztebl Int 2008; 105(20): 380–3. VOLLTEXT
7.
Baethge C: Forscherinnen werden forscher [First authors in Deutsches Ärzteblatt: women are catching up]: Dtsch Arztebl Int 2008; 105(28–29): 507–9. VOLLTEXT
1. Egger M, Smith DS: Misleading meta-analysis. BMJ 1995; 310: 752–4. MEDLINE
2. Blümle A, Antes G: Handsuche nach randomisierten kontrollierten Studien in deutschen medizinischen Zeitschriften. Dtsch Med Wochenschr 2008; 133: 230–4. MEDLINE
3. Prel JB du, Röhrig B, Blettner M: Kritisches Lesen wissenschaftlicher Artikel: Teil 1 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen [Critical appraisal of scientific articles – Part 1 of a series on evaluation of scientific publications]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(7): 100–5. VOLLTEXT
4. Röhrig B, Prel JB du, Blettner M: Studiendesign in der medizinischen Forschung: Teil 2 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen [Study Design in Medical Research – Part 2 of a series on evaluation of scientific publications]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(11): 184–9. VOLLTEXT
5. Eckhardt, Tobias-Michael: Fünfzig Jahre Medizinisch-Wissenschaftlicher Teil im Deutschen Ärzteblatt. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, 24. Februar 2010.
6. Baethge C: Gemeinsam veröffentlichen oder untergehen [Publish together or perish]: Dtsch Arztebl Int 2008; 105(20): 380–3. VOLLTEXT
7. Baethge C: Forscherinnen werden forscher [First authors in Deutsches Ärzteblatt: women are catching up]: Dtsch Arztebl Int 2008; 105(28–29): 507–9. VOLLTEXT

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