ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2010Globale Gesundheitspolitik: Deutsches Wort hat international Gewicht

POLITIK

Globale Gesundheitspolitik: Deutsches Wort hat international Gewicht

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-842 / B-740 / C-728

Schmitt-Sausen, Nora

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LNSLNS Hierzulande steht das Gesundheitswesen in der Kritik. Doch Gesundheitsexperten aus aller Welt blicken auf Deutschland, um sich für das eigene Land etwas abzuschauen.

Den Deutschen Ärztetag in Dresden haben sich nicht nur deutsche Mediziner und Funktionäre im Kalender eingetragen. Die Debatten erleben ausländische Ärztevertreter aus den USA, Brasilien, der Ukraine oder Nordkorea vor Ort mit. 75 internationale Gäste werden in diesem Jahr teilnehmen – so viele wie noch nie zuvor.

Renommierte Ärzte zu Gast
Unter den Besuchern sind hochrangige Vertreter der globalen Gesundheitspolitik, wie der Präsident des Weltärztebundes, der Kanadier Dr. med. Dana Hanson, oder der international renommierte Kinderarzt Dr. med. Leonid Roshal, der künftig die neu gegründete russische Ärztekammer anführt. „Der Deutsche Ärztetag ist neben dem Jahrestreffen der amerikanischen und britischen Ärztevereinigungen einer von drei Zusammenkünften von internationaler Relevanz“, sagt Dr. med. Ramin Parsa-Parsi, Leiter des Auslandsdienstes der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Die Diskussionen, die in Deutschland geführt werden, hätten für viele Länder eine Leitbildfunktion.

Dass das deutsche Gesundheitswesen und das Modell der ärztlichen Selbstverwaltung bei anderen Ländern hoch im Kurs steht, erfährt die BÄK noch auf einem anderen Weg: Regelmäßig erhält der Auslandsdienst Anfragen von internationalen Gesundheitsexperten, die um Einblicke in das deutsche System bitten. Darunter sind Kontaktaufnahmen von europäischen Staaten wie Spanien oder Italien genauso wie aus China oder Japan. Ende März besuchte eine Delegation aus Serbien vier Tage lang Berlin, um sich aus erster Hand zu informieren. Erst vor vier Jahren hat die dortige Ärztekammer nach 61 Jahren wieder ihre Tätigkeit aufgenommen. „Deutschland hat beim Aufbau der eigenen Strukturen eine Vorbildfunktion für die Serben“, erläutert BÄK-Referent Domen Podnar. „Sie können aus dem Erfahrungsaustausch viel Selbstbewusstsein für die eigene Arbeit ziehen und sich gegenüber ihrer -eigenen Regierung ganz anders positionieren.“ Besonders interessiert zeigten sich die Gäste an Fragen der Informationstechnologien, des Medizinrechts und der Partizipation im Gesetzgebungsverfahren.

Auch Stiftungen, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium oder Entwicklungshilfeorganisationen stoßen regelmäßig Besuche bei der BÄK an. So kam im vergangenen Herbst auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit eine Ärztedelegation aus dem afrikanischen Malawi zu Besuch, wenige Wochen später war eine Gruppe Amerikaner in Berlin zu Gast. Dass etwa die amerikanischen Gäste für die eigene Debatte um die Reform des US-Gesundheitswesen aus Deutschland etwas mitgenommen haben, davon ist Parsa-Parsi überzeugt: „Natürlich weiß man nicht genau, welche Aspekte berücksichtigt werden, aber ich bin mir sicher, dass die Informationen mit in die heimische Diskussion einfließen.“ Damit die Gäste bei ihren Besuchen möglichst intensive Einblicke erhalten, besuchen sie neben der BÄK auch Akteure wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung oder den Marburger Bund.

Kooperation mit Mehrwert
Die internationale Zusammenarbeit zahlt sich auch für die deutsche Ärzteschaft aus: „Gerade im europäischen Raum können wir bei Diskussionen mit starken Mitstreitern rechnen“, erklärt Podnar. Und auch außerhalb Europas werde der deutschen Haltung viel Beachtung geschenkt. Im Weltärztebund, dem Zusammenschluss von 95 nationalen Berufsvereinigungen, hat die BÄK mit Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe und Vizepräsident Dr. med. Frank Ulrich Montgomery derzeit zwei Vertreter im Vorstand. Zu den Themen, die dort diskutiert werden, gehören etwa ethische Fragen, die Entwicklung der Telematik oder das Gebiet der Patientenrechte, das auch in Dresden auf der Tagesordnung steht.

Die Dresdener Diskussion verfolgen die internationalen Gäste neben dem inhaltlichen Interesse noch aus einem weiteren Grund: „Es wird im Ausland sehr bewundert, mit welcher Disziplin und welchem demokratischem Bewusstsein solche Debatten bei uns geführt werden“, sagt Parsa-Parsi. Auch das trage zum hohen Ansehen der Deutschen im Ausland bei.
Nora Schmitt-Sausen


Weltweites Netzwerk
Neben der Bundes­ärzte­kammer haben nahezu alle Akteure im deutschen Gesundheitswesen eine internationale Abteilung, um den Austausch mit dem Ausland zu fördern. Auch die deutsche Regierung ist mit anderen Nationen im Dialog. Sie engagiert sich besonders in der Pandemie-Eindämmung, der Bekämpfung von tödlichen Infektionskrankheiten sowie der Stärkung von Gesundheitssystemen. Seit einem Jahr ist Deutschland nach neunjähriger Unterbrechung wieder Mitglied im Exekutivrat der Welt­gesund­heits­organi­sation. Eine wichtige Rolle in der Stärkung von Gesundheitsstrukturen anderer Länder spielen zudem Nichtregierungsorganisationen.

Verstärkt werden in jüngster Zeit auch bilaterale Kooperationen geschlossen. So vereinbarte etwa Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan Anfang 2010 eine Zusammenarbeit mit der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung zur Stärkung der Forschung armutsbedingter und vernachlässigter Erkrankungen in Entwicklungsländern.

Das IGES-Institut gab kürzlich eine Kooperation mit dem China Health Economics Institute bekannt. Die Deutschen werden die Chinesen in Fragen der Kran­ken­ver­siche­rung und der Arzneimittelversorgung unterstützen.
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